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"Die mangelnden Sitzplätze sind die Wurzel allen Übels"

Busfahren was für die einen unterhaltsame Kaffeefahrt oder toller Bildungsurlaub bedeutet, ist für viele Schülerinnen und Schüler samt Fahrer ein täglicher Albtraum. Der Kampf um die heißbegehrten Sitzplätze wird zum regelmäßigen Wettkampf, ungeachtet möglicher Folgen. Mit einer eindrucksvollen Schulung wurden Lenninger Kinder und Jugendliche auf die möglichen Folgen aufmerksam gemacht.

IRIS HÄFNER

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LENNINGEN Der Aufforderung von Günter Koser, sich genauso zu verhalten wie sonst auch, kommen die Schülerinnen und Schüler am Zentralen Busbahnhof Oberlenningen bereitwillig nach: Es wird geschubst und gedrückt, die Lautstärke ist entsprechend und überhaupt ist jeder genervt, denn der Kampf um die Sitzplätze ist gerade in vollem Gange. Wer von Oberlenningen nach Hochwang oder Erkenbrechtsweiler fährt, ist ernsthaft bemüht, die kurvenreiche Strecke auf die Albhochfläche möglichst bequem im Sitzen zu genießen, anstatt stehend an Haltegriffen und -stangen geklammert und das Gleichgewicht suchend. Da lohnt sich schon das relativ kurze Gerangel vor der Abfahrt, so die Einstellung der Schüler.

Welche Gefahren aber solch ein Verhalten in sich birgt, das verdeutlicht Günter Koser, Leiter des Servicecenters Göppingen RBS (Regional Bus Stuttgart), den Schülern vor Ort beim Schulbustraining in Oberlenningen. Mit einfachen Regeln können die Schüler nicht nur sich, sondern auch den Busfahrer weniger nerven und dabei auch noch Zeit sparen. Beim üblichen Gedränge der Gruppe werden 52 Sekunden gestoppt bis die Prozedur vorbei ist, mit dem Reißverschlussverfahren sind alle nach 34 Sekunden im Fahrzeug. "Der Bus füllt sich von hinten nach vorne, es werden keine Plätze freigehalten und auch die Kleinen dürfen hinten sitzen", macht Günter Koser den Neuntklässlern klar, was diese allerdings nicht gerade begeistert aufnehmen.

Nach Ansicht aller Beteiligten sind jedoch die mangelnden Sitzplätze die Wurzel allen Übels. "Das Land kalkuliert mit drei Schülern pro zwei Sitzplätzen. Es ist kein Wunder, dass die Schüler großes Interesse daran haben, einen Sitzplatz zu ergattern", sagt Rainer Dedlmar, Konrektor der Lenninger Realschule. Nach Aussage von Uwe Lehrmann von der Firma Buck-Reisen aus Hülben, die ebenfalls Lenninger Schüler befördert, gibt es in Frankreich diese Probleme nicht, da dort, rechnerisch betrachtet, jedem Schüler ein Sitzplatz zur Verfügung steht.

Das Verhalten im Bus ist eigentlich auch klar geregelt, so sich denn alle Beteiligten daran halten. Günter Koser wirbt um Verständnis für den Busfahrer. "Ist er das eine oder andere Mal etwas ungehalten, liegt das in der Regel am Verhalten der Fahrgäste", verdeutlicht er. Wie im Flugzeug der Pilot das Hausrecht hat, so ist es im Bus der Fahrer. Fällt ihm jemand unangenehm auf, kann er ihn an der nächsten Haltestelle absetzen oder die Fahrkarte einbehalten. Dies ist jedoch die Ausnahme.

Wer keinen Sitzplatz ergattert hat, sollte sich auf jeden Fall gut festhalten und nicht cool die Kurven ausbalancieren. Was bei einer Vollbremsung bei gerade einmal 30 Kilometern pro Stunde passiert, demonstrieren Fahrer Roberto Soffa und Günter Koser anhand einer am Boden abgestellten schweren Tasche. Mit großem Tempo saust sie den Mittelgang entlang, der Aufprall ist entsprechend hart.

Wie lebensgefährlich Fehlverhalten beim Aussteigen sein kann, macht ein Schaumstoffwürfel deutlich. Volker Hofmann vom Polizeiposten Lenningen fährt zunächst in Schrittgeschwindigkeit am Bus vorbei. Günter Koser simuliert mithilfe des Schaumgummis einen hinter dem Bus hervorspringenden Schüler. Ordentliche Prellungen dürften hier im günstigsten Fall die Folge sein. Als der Polizeibeamte seinen Streifenwagen auf 30 Kilometer pro Stunde beschleunigt und das Experiment wiederholt wird, schauen viele verdutzt dem unter dem Auto begrabenen Würfel nach. "Hier wäre ein Chirurg einige Stunden beschäftigt so er denn überhaupt noch gebraucht wird", findet Günter Koser klare Worte.

Wieder am Busbahnhof angekommen, ist es Zeit für die letzte Demonstration. Hier lernen die Schüler den Schwenkradius eines Busses im Front- und Heckbereich kennen und eine kalte Dusche verdeutlicht das Gewicht des Busses von 15 Tonnen. Zu diesem Zweck überfährt der Bus einen halb gefüllten Plastikkanister. Mit einem lauten Knall platzt das Gefäß, das Wasser spritzt meterweit und der Kanister ist flachgepresst.

Dass trotz der mehr oder weniger großen Differenzen zwischen Fahrern und Schülern eigentlich doch ein Miteinander herrscht, zeigt die Geste von Uwe Lehrmann am Ende des Schulbustrainings: "Alle aus Hochwang und Erkenbrechtsweiler können bei mir mitfahren." Spricht's und läuft zu seinem Bus.