Lokales

Die Martinskirche und der heilige Gallus

Seminarkurs des LUG sieht eine Verbindung zwischen dem Sonnenaufgang am Boßler und dem Sakralbau

Kirchheim. Hoch über der Stadt schweift der Blick über die Dächer der Altstadt und den nahegelegenen Albtrauf. Nach dem Treppensteigen auf den Martinskirchturm ist nicht

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Iris Häfner

nur die Verschnaufpause eine kleine Wohltat, auch die Ruhe fernab der kleinstädtischen Betriebsamkeit lassen einen unwillkürlich durchatmen. Der Blick lichtet sich, wird frei und das Auge genießt die 360 Grad Rundumsicht.

In der Ferne hinterm markanten Kirchheimer Rathausturm zieht der Bossler im Osten irgendwann die Aufmerksamkeit auf sich. Und exakt dieser, schon einigen Flugzeugen zum Verhängnis gewordene Berg, zieht seit geraumer Zeit in ganz anderem Zusammenhang die Aufmerksamkeit von Martin Kieß, Mathematiklehrer am Kirchheimer Ludwig-Uhland-Gymnasium (LUG), und seinen Schülern auf sich. Über dieser ausgeprägten Felskante geht am Gallustag, am 16. Oktober, die Sonne auf, was Martin Kieß zu der Vermutung Anlass gibt, dass dies im Zusammenhang mit dem Sakralbau steht.

Vieles wurde in jüngster Vergangenheit anlässlich der Veranstal­tungsreihe über die Geschichte der Martinskirche bekannt. Einen ganz anderen Weg, der Historie ihre Rätsel zu entlocken, beschreitet seit vielen Jahren Martin Kieß jedes Jahr aufs Neue mit seinen Seminarkurs-Teilnehmern. Bereits eine halbe Schülergeneration lässt sich von den Ideen des unkonventionellen Mathematikers motivieren, schon in der Schulzeit wissenschaftlich zu arbeiten und damit wertvolle Punkte fürs Abitur zu sammeln. Seitenweise werden in den Seminarkursen Zahlenreihen analysiert, etwa die minutiös aufgelisteten Sonnenaufgangszeiten in Kirchheim im Jahre 1084. Begriffe wie Azimut, atmosphärische Refraktion und Ekliptik sind seinen Schülern geläufig wie Mondphase, Sternschnuppe oder Erdumlaufbahn.

Mithilfe seiner Schüler will Martin Kieß den Code des Mittelalters knacken. Im Laufe der Jahrhunderte ging der westlichen Welt ihre ureigene Mystik verloren und damit ein Teil ihrer Identität. Dass dies mittlerweile den Nerv der Zeit trifft, zeigen Kinoproduktionen wie Sakrileg oder Hildegard von Bingen. Was bei Martin Kieß zunächst mit der Erforschung der Symbolik von Tympana in heimischen Kirchen begann, fand seinen Fortgang über das Staufer-Geschlecht und dessen Bauten wie das Wäscherschloss oder Castel del Monte in Apulien. Mittlerweile widmen sich die Kirchheimer Schüler wieder Kirchen in ganz Baden-Württemberg, speziell den Martinskirchen. Von nahezu unschätzbarem Wert ist dabei das Landesvermessungsamt Esslingen, das sämtliche Pläne mittelalterlicher Kirchen im Kreisgebiet unentgeltlich zur Verfügung stellte und zudem als Leumund fungierte, dass von sämtlichen Kreisen im Land den Kirchheimer Schülern ebenfalls kostenlos exakte Baudaten zur Verfügung stehen. Außerdem stellte es den jungen Forschern einen Theodoliten zur exakten Messung zur Verfügung. Helmut Bescherer war in Kirchheim vor Ort, um sich ein Bild von der Arbeit zu machen, und Amtsleiter Schindewolf schätzt die Arbeit im Kurs ob der Bildung der Schüler. Fragestellung und die Aufarbeitung des Themas führten die Seminarteilnehmer in einen Bereich der Mathematik, die mittlerweile im normalen Unterricht zu kurz kommen würden, so seine Beobachtung. Auszubildende würden immer häufiger die Grundlagen für Trigonometrie vermissen lassen und der Amtsleiter stellt fest, dass die Umsetzung der Mathematik auf Fragestellungen der Praxis den jungen Menschen große Schwierigkeiten bereitet. „Für mich ist es erstaunlich, auf welch hohem Niveau dieser Kurs stattfindet“, lobt er.

Grundlage sind für Martin Kieß wie für jeden Historiker Daten und Fakten. Für seine Interpretation der vergangenen Zeiten kommen jedoch nicht nur Scherben, Grundrisse von Gebäuden oder Ausgrabungsfunde zum Zug, sondern auch die vor Jahrhunderten selbstverständlich zum Leben gehörenden Wissenschaften wie Astronomie und Astrologie. So ging es beispielsweise in der Seminararbeit von Frederick Jauß und Kai Tausch zur „Stadtkirche Sanct Martin zu Kirchheim unter Teck“ neben Baubeschreibung und -geschichte auch um das Stichwort Heilige Zahlen und das Kapitel Berechnung des Fußmaßes unter Berücksichtigung der Baugeschichte. „Jede einzelne Maßzahl des Kirchenkomplexes hatte aufgrund der im Mittelalter allgegenwärtigen Zahlensymbolik tiefe religiöse und biblische Bedeutungen und die Aussageabsicht der Erbauer kommt durch die jeweilige Zahl zum Ausdruck“, schreiben die beiden.

Selbstkritisch merken die Autoren an, dass stets mehrere Interpretationsmöglichkeiten der Maßzahlen offen stehen. „So wirft beispielsweise der unterschiedliche Abstand der Säulenzentren zu den Wänden des Langhauses einige Fragen auf. Der Abstand der Säulenzentren der südlichen Säulenreihe zur südlichen Langhausmauer beträgt 15 Fuß, der der nördlichen Säulenzentren zur nördlichen Langhausmauer 16 Fuß.“ Dies lässt für die Schüler folgenden Schluss zu: 15 setzt sich zusammen aus drei mal fünf – gleich 15. Die Drei steht in der mittelalterlichen Zahlensymbolik für das Wirken Gottes in der Welt und die Dreieinigkeit. Die Fünf symbolisiert in diesem Falle das Leben. Also kann die 15 mit dem Wirken Gottes auf die Welt und das menschliche Leben interpretiert werden. Unterstützt wird diese These durch die sonnenbeschienene Südlage, die allgemein als von Gott beschienen galt. Die dunkle, kalte Nordseite stellt hierzu einen Gegensatz dar, symbolisiert der Norden doch stets das Irdische. Unterstützt wird diese Annahme durch die Zahl 16. Sie besteht aus vier hoch zwei, also 16. Die Zahl vier ist das Symbol der Welt, was durch die Potenzierung mit zwei verstärkt wird. In 16 ist jedoch auch die Zahl Zwei enthalten, welche auf die Sündhaftigkeit hinweist. So lässt sich also sagen, dass durch den Abstand 16 Fuß im Norden die Sündhaftigkeit der Welt dargestellt wird, die dringend der Erlösung durch Christus bedarf, so diesbezüglich das Fazit der Schüler.

Dieses und ähnliches Zahlen- und Messmaterial war die Grundlage für weitere Forschungen und Überlegungen. Grabungen Mitte der Sechziger- jahre im vergangenen Jahrhundert ergaben, dass die heute bestehende Kirchheimer Martinskirche, die in den wesentlichen Teilen auf das 15. Jahrhundert zurückgeht, über einem kleineren Vorgängerbau errichtet wurde, dessen Grundmauern parallel zur Baulinie des heutigen Baus verläuft. „Zwei gefundene Säulenbasen – ähnlich denen in Alpirsbach – lassen vermuten, dass der dreischiffige Vorgängerbau um das Jahr 1100 errichtet wurde. Allerdings gibt es immer wieder Beispiele dafür, dass ältere Bauformen auch noch bis zu hundert Jahre später Verwendung finden können“, sagt Martin Kieß. Für seine Berechnungen und die seiner Schüler ist von großem Belang, dass die Mittelachse des ergrabenen Baus mittig zum bestehenden Turm verläuft und parallel zur Hauptachse der bestehenden Kirche. Jetzt kommt der Begriff der Orientation ins Spiel, den Martin Kieß gebraucht. Für ihn steht er im gleichen Kontext wie Spatenstich, Grundsteinlegung, Richtfest oder Einweihungsfeier – ist die erste symbolische Handlung eines wichtigen Bauwerks. „Deshalb verläuft die Orientationslinie des ursprünglichen Baus im Abstand von etwa zwei bis drei Meter parallel zur Orientationslinie des bestehenden Baus, der der Firstlinie entspricht, die genau in Richtung des zehn Kilometer entfernten Bosslers verläuft, hinter dem die Sonne am Orientationstag aufgegangen ist – und dieser Tag ist der 16. Oktober eines Jahres zwischen 1100 und 1220“, ist sich Martin Kieß sicher.

Nun kommen auch noch die Gauss-Krüger-Koordinaten mit einer Abweichung von 109,04 Grad gegenüber Norden ins Spiel und damit Grad-Zahlen auf Basis der vom Landesvermessungsamt Esslingen zur Verfügung gestellten Pläne. Die lassen für den Mathematiklehrer nur den Schluss zu, dass die Orientation der Kirchheimer Martinskirche deutlich vor Frühlingsbeginn oder deutlich später als Herbstanfang sein kann: „Betrachtet man nur den wahren Horizont, also ohne Hügel, nimmt demzufolge den Sonnenaufgang in der horizontalen Ebene an, auf der die Martinskirche steht, ergeben sich keine auffälligen Heiligentage. Beachtet man aber, dass die Orientation der Kirche genau der Richtung des ersten ins Auge fallenden Lichtstrahls folgt – gemäß nach Johannes ,Ich bin das Licht der Welt’ – der dann mit einem Neigungswinkel von zwei Grad genau hinter einer exakt bestimmbaren Stelle über dem Boßler von dem Platz der Martinskirche aus gesehen werden konnte, dann gibt es ein auffallendes Ergebnis: Der Gallus-Tag ist genau der Tag, an dem dieses Ereignis passieren konnte.“ Die Berechnungen gingen zunächst von einem Tag im Oktober oder Februar des Jahres 1150 aus. „In Sonnenephemeriden des Mittelalters wird der Stand der Sonne im Tierkreis exakt bei Sonnenaufgang bestimmt“, erläutert der Martin Kieß die Daten.

Jetzt wird’s für Nicht-Mathematiker kompliziert: „Unter Berücksichtigung der Ekliptik-Schiefe des Jahres 1150, die von der heutigen deutlich abweicht, wird die Deklination der Sonne berechnet, das heißt: die Höhe der Sonne in Grad über dem Himmelsäquator. Mit der exakten Deklination der Sonne, der geografischen Breite von Kirchheim, dem Zenitabstand der Sonne, der auch das Phänomen der atmosphärischen Refraktion – sprich ein optisches Phänomen, das eine scheinbare Anhebung der Sonne verursacht – lässt sich das Azimut der Sonne bei ihrem Aufgang bestimmen. Das wiederum bedeutet die Abweichung des Sonnenaufgangs von der exakten Ostrichtung. Und dieser Wert muss mit der 109 Grad-Ausrichtung der Martinskirche übereinstimmen“, sagt Martin Kieß.

Viel Zeit haben die Schüler darauf verwendet, um nach diesem Tag zu suchen, für den es zunächst keinerlei Übereinstimmung gab. „Durch Interpolieren und Extrapolieren fanden wir dann schließlich den Gallus-Tag“, so Martin Kieß. Jener Heilige ist in Kirchheim kein Unbekannter, der Gallusmarkt am ersten Montag im November in der Innenstadt ist heute noch jedem Alteingesessenen rund um die Teck ein Begriff. „Der Gallusmarkt fand bis zum Jahr 1573 am folgenden Montag des Gallus-Tags am 16. Oktober statt. Vermutlich gab es diese Tradition schon seit dem 11. Jahrhundert. Im September 1574 beschloss dann der Kirchheimer Magistrat, den Gallusmarkt auf den Montag nach Allerheiligen zu verlegen“, erläutert Martin Kieß.

Laut der minutiös aufgeführten Tabelle kommen Lehrer und Schüler bezüglich der Martinskirche zu dem Schluss: Die erste Weihehandlung der heute bestehenden Martinskirche in Kirchheim fand am 16. Oktober 1084 statt. „Unser Ergebnis bedeutet nicht, dass die Kirche eine Galluskirche war. Es deutet nur an, dass bevor man mit dem Bauen begonnen hat, die feierliche Handlung der Orientation an einem Gallus-Tag eher im späten als im frühen 12. Jahrhundert erfolgte“, so Martin Kieß. Die Grundsteinlegung kann seiner Auffassung nach am 11. November, dem Martinstag, erfolgt sein. „Wohl erst im Frühjahr des folgenden Jahres wurde dann mit dem Bauen begonnen und nach Fertigstellung erfolgte dann die Kirchweihe wieder an einem Martinstag“, kann sich Martin Kieß vorstellen.

Inzwischen ist der Seminarkurs des LUG, der sich mit Castel del Monte befasste, mit der Staufer-Ausstellung, die vom 19. September 2010 bis zum 20. Februar 2011 im Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museum stattfindet, verlinkt; www.lug-kirchheim.de unter dem Stichwort Seminarkurs. Außerdem will der ehemalige Schüler Benedict Heidecker das verloren gegangene Model von Castel del Monte im Maßstab eins zu fünfzig nachbauen.