Lokales

Die Meinung der Betroffenen ist in Stuttgart nicht gefragt

Wenig erfreut zeigt sich Lenningens Bürgermeister Michael Schlecht über die Entscheidung des Regierungspräsidiums, das "Tobeltal mit Mittagsfels und Wielandstein" als Naturschutzgebiet auszuweisen. "Der bisherige Schutz reicht vollkommen aus", so der Schultes. Vehement hatte sich auch der Gemeinderat gegen diese Verordnung ausgesprochen.

IRIS HÄFNER

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LENNINGEN "Wir in Lenningen sind unglaublich erstaunt nicht darüber, dass die Verordnung nun unterzeichnet wurde, das war abzusehen. Wir sind vielmehr erstaunt über das Vorgehen des Regierungspräsidiums", wundert sich Michael Schlecht über den Stil der vorgesetzten Behörde. Die Sichtweise des Lenninger Gemeinderates zu diesem brisanten Thema scheine in Stuttgart wohl überhaupt niemanden zu interessieren. Das Lenninger Gremium hatte schon zweimal diesem Vorhaben eine klare Absage erteilt und sich einstimmig gegen das Naturschutzgebiet "Tobeltal mit Mittagsfels und Wielandstein" ausgesprochen. "Ich hätte erwartet, dass sich die Zuständigen wenigstens bei uns melden und uns erklären, warum dieses Gebiet so schutzwürdig ist", sagt Michael Schlecht. Doch weit gefehlt. Der Rathauschef wurde gleichzeitig mit der Presse über den Beschluss des Regierungspräsidiums (RP) schriftlich informiert. "In Sonntagsreden wird immer wieder der gemeinsame Dialog heraufbeschworen. Die Praxis zeigt jedoch etwas anderes: Es interessiert nicht, was wir vor Ort denken und wir sollten es ja am besten wissen", ärgert sich der Schultes.

Für ihn ist die Sache klar. Das Regierungspräsidium braucht Flächen, um der Forderung der EU nachzukommen, wonach ein bestimmter Prozentsatz als Schutzgebiete ausgewiesen sein müssen. "Auf den Fildern oder zwischen Deizisau und Esslingen ist es schwierig, derartige Flächen zusammenzubekommen", so Michael Schlecht. Er betont, dass sich Lenningen nicht gegen Naturschutz wehre, schließlich lebe die Gemeinde von der Natur. In einem Schreiben an das RP hatte er schon im Okotber 2001 erklärt: "Nachdem weite Teile des fraglichen Schutzgebietes bereits seit langem der Landschaftsschutzverordnung unterliegen und im Hinblick auf diesen Umstand bisher entsprechend gepflegt beziehungsweise bewirtschaftet wurden, ist die Erforderlichkeit für die geplante Schutzverordnung nicht ersichtlich."

Bürgermeister Schlecht sieht in der neuen Verordnung auch eine Entmündigung und Enteignung der Grundstückseigentümer. "Diese Menschen haben unsere Kulturlandschaft geschaffen und geprägt und ihnen wird nun nicht mehr zugetraut, dass sie diese Landschaft pflegen können", wundert sich der Schultes. Er befürchtet, dass sich die Eigentümer vor den Kopf gestoßen fühlen und mittel- bis langfristig ihre Arbeit auf den Grundstücken einstellen."Dies müsste dann die öffentliche Hand übernehmen, und das ist nicht machbar", so Michael Schlecht.

Der bislang geltende Schutz reicht nach Ansicht der Gemeinde völlig aus. Zudem gibt es im Tobeltal keinen Massentourismus. Bürgermeister Schlecht hegt eine weitere Befürchtung: "Bislang war das Tobeltal ein Insider-Tipp. Das kann sich nun dank der Entscheidung des RP ins Gegenteil verkehren."

Regierungspräsident Dr. Udo Andriof hat eine andere Auffassung. "Mit dem neuen Naturschutzgebiet wird eine einzigartige Felslandschaft auf Dauer erhalten, die vielen seltenen Pflanzen und Tieren einen besonderen Lebensraum bietet", lässt er in einer Presseerklärung verlautbaren. Das rund 150 Hektar große Gebiet umfasst neben dem Talbereich des Tobelbaches von der Quelle bis zum Ortsrand von Oberlenningen auch die flachen und steilen Hänge sowie Felsen und Teile der Albhochfläche. Laut Ansicht der Behörde ist das Gebiet europaweit von großer ökologischer Bedeutung.

Beim Tobeltal handelt es sich um ein enges und steiles Kerbtal. Abgesehen von den schützenswerten Felsen sind die Hangmischwälder von Bedeutung, vor allem die seltenen Flaumeichen- und Eibenstände oder die Sommerlinden-Mischwälder. Zudem gibt es dort eine Vielzahl verschiedener Pflanzenarten und Pflanzengesellschaften, die in erster Linie durch den "geomorphologischen Strukturreichtum" bedingt sind. Als Beispiele nennt das RP Gelber Enzian, Wildapfel und -birne, Hirschzunge, Küchenschelle und die besonders geschützte Pfingstnelke. Als Tiere werden Feuersalamander, Wanderfalke, Berglaubsänger, Schwarzspecht, Wasseramsel und Neuntöter genannt.

Zum Schutz der Natur besteht an einigen Felsen ein Kletterverbot und neue Kletterrouten dürfen nicht mehr erschlossen werden. Reiten ist nur auf kurzer Wegstrecke erlaubt und es gibt ein Wegegebot. "Die Jagd und Fischerei sowie die land- und forstwirtschaftliche Nutzung sind mit geringen Einschränkungen weiterhin erlaubt", heißt es im Schreiben des Regierungspräsidiums. Ganz so gering dürften die Einschränkungen jedoch nicht ausfallen. Ohne Genehmigung darf beispielsweise kein Baum gefällt werden. Bürgermeister Michael Schlecht befürchtet auch, dass die Verordnung restriktiv angewandt wird. "Sonst müsste die Behörde ja zugeben, dass der bisher geltende Schutz ausgereicht hätte", so der Schultes.