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"Die Menschen sind in unser Land gelockt worden"

Die Veranstaltungsreihe "50 Jahre ,Gastarbeiter' in Kirchheim", die einhergeht mit der Rathausausstellung "... und es kamen Menschen", hat am Wochenende einen hochrangigen Gast in die Teckstadt geführt: Ulrich Goll, Justizminister und Ausländerbeauftragter der Landesregierung, sprach im Alten Gemeindehaus über das Thema "Integration".

ANDREAS VOLZ

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KIRCHHEIM "Die Ausstellung macht deutlich, dass Menschen mit eigenen Kulturen kamen", sagte Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker zu Beginn der öffentlichen Veranstaltung. Diese Menschen seien damals aber selbst nicht davon ausgegangen, dass sie ihr Leben lang in Kirchheim bleiben werden. Inzwische wohnen in Kirchheim mit seinen knapp 40 000 Einwohnern etwa 6 000 "Ausländer", ohne dass dabei Aussiedler oder Eingebürgerte mitgerechnet seien, machte die Oberbürgermeisterin deutlich, welche enorme Integrationsleistung die Kirchheimer in den vergangenen 50 Jahren bereits erbracht haben. Hinzu kommt, dass unmittelbar nach dem Krieg auch noch rund 6 000 Heimatvertriebene in Kirchheim Aufnahme gefunden hatten.

Trotz aller positiven Entwicklungen sollte an dem Abend im Alten Gemeindehaus nicht verschwiegen bleiben, dass es auch Probleme gab und gibt. "Probleme entstehen da, wo ein sehr dichtes Zusammenleben gegeben ist, wo es desinteressierte Eltern an Schulen gibt und wo wegen fehlender Qualifizierung keine Ausbildungschancen vorhanden sind", sagte Angelika Matt-Heidecker. Gerade diese unbefriedigenden Zukunftsperspektiven sind es aber, die vielen "Gastarbeitern" der ersten oder zweiten Generation Sorgen bereiten Sorgen, ob die Kinder und Enkel einen Arbeitsplatz bekommen, um ihre eigenen Familien ernähren zu können. So war es in der Gesprächsrunde im Anschluss zu hören.

Ängsten, die nach den jüngsten Ereignissen in Frankreich die gesamte Gesellschaft in der Bundesrepublik bewegen dürften, trat Justizminister Ulrich Goll in seinem Vortrag ganz entschieden entgegen: "Wo stehen wir heute? Müssen wir uns Sorgen machen, dass auch bei uns Stimmen laut werden, die sagen, die Integration sei gescheitert? Die Antwort ist ein deutliches Nein. Die Sorge um gewalttätige Konflikte entbehrt jeder Grundlage." Trotz dieser klaren Aussage empfahl der FDP-Politiker aber keineswegs, die Hände blauäugig in den Schoß zu legen und sich in falscher Sicherheit zu wiegen: "Wir müssen das französische Beispiel nutzen und uns fragen, warum es dort so weit kommen konnte und wie wir uns davor schützen können."

Integration sei keinesfalls ein Prozess, der völlig konfliktfrei und problemlos ablaufe. Goll definierte "Integration" als einen "Annäherungsprozess von Deutschen und Menschen ausländischer Herkunft, unter Wahrung der jeweiligen Identität". Das Ziel sei gegenseitiges Verständnis und Aufeinanderzugehen. "Wir müssen alle möglichst umfassend am gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben beteiligen", betonte der Ausländerbeauftragte der baden-württembergischen Landesregierung.

Die Integration verlange allerdings auch den Zuwanderern einiges ab: "die Akzeptanz unserer Rechts- und Werteordnung, die Bereitschaft und den Willen, sich auf unsere Gesellschaft einzulassen, ihre Grundregeln anzuerkennen und sich ausreichende Sprachkenntnisse anzueignen". Als größtes Problem nannte Justizminister Ulrich Goll die hohe Arbeitslosenquote unter ausländischen Jugendlichen: "Sie sind doppelt so häufig von Arbeitslosigkeit betroffen wie deutsche Jugendliche." 73 Prozent der arbeitslosen ausländischen Jugendlichen habe keine abgeschlossene Berufsausbildung. Bei ihren deutschen Alters- und Leidensgenossen sei diese Quote nicht einmal halb so hoch. Dem statistischen Material zufolge gelte die Faustregel, dass die Situation ausländischer Jugendlicher "fast immer doppelt so schlecht oder nur halb so gut" ist wie bei den deutschen Jugendlichen. Die Schere öffne sich immer weiter.

Die Hauptursache dafür sieht der baden-württembergische Justizminister in der "insgesamt vergleichsweise niedrigeren Qualifikation unter der ausländischen Erwerbsbevölkerung". Als Gründe dafür nannte Ulrich Goll sprachliche Defizite, schlechte allgemein-schulische Voraussetzungen, mangelnde Kenntnisse des deutschen Ausbildungssystems auf Seiten der Eltern, die Zielsetzung mancher Jugendlicher, möglichst schnell und frühzeitig Geld zu verdienen, oder auch das kulturelle Rollenverständnis, das nicht immer eine qualifizierte Berufsausbildung für junge Frauen vorsieht.

Die historische Dimension des Themas "Gastarbeiter" beleuchtete Ulrich Goll ebenfalls. 50 Jahre nach Unterzeichnung des ersten Anwerbeabkommens mit Italien betonte er: "Die Menschen sind damals in unser Land gelockt worden, sie haben sich nicht aufgedrängt. Dem Abkommen mit Italien seien vergleichbare Verträge mit Griechenland, Spanien, Portugal, der Türkei, Jugoslawien sogar mit Marokko und Tunesien gefolgt: "Wir haben Europa abgegrast, um zu Arbeitskräften zu kommen." Bis zum Mauerbau 1961 habe sich ein Teil des Arbeitskräftemangels noch durch Übersiedler aus der DDR abdecken lassen.

Für die "Gastarbeiter" habe der Gang zum Bahnhof oft die einzige Verbindung zur Heimat dargestellt, ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen waren "lange Zeit sehr bescheiden". Das Konzept sei klar gewesen: "Geld verdienen und nach Hause schicken, um im Heimatland etwas aufzubauen". Erst nachdem der Anwerbestopp 1973 genau zum Gegenteil der vorherigen Politik geführt habe, seien die Familien nachgeholt worden, führte Ulrich Goll weiter aus. Dadurch habe sich die Verbindung zur Heimat immer stärker reduziert, vor allem auch bei den Angehörigen der zweiten Generation.

Auch Erol Keskin vom Integrationsausschuss der Stadt Kirchheim ging in seinem Grußwort auf die historische Entwicklung der Immigration in Deutschland ein. Er nannte dabei die beiden Komponenten Arbeitsintegration und Sozialintegration. Ersteres habe von Anfang an funktioniert, die Menschen hatten Arbeit. "Das eigentliche Problem ist also die Sozialintegration", fuhr Keskin fort: "War die Schicht zu Ende, war auch die Gemeinsamkeit zwischen ausländischen und deutschen Arbeitern zu Ende."

Menschliches Zusammenleben sei aber nur dann möglich, "wenn man Kultur, Religion und Gewohnheiten anderer kennen lernt und toleriert". Dann brauche man auch keine Angst voreinander zu haben, sprach sich Erol Keskin für ein stärkeres Miteinander aus: "Beide Seiten müssen erkennen, dass das Leben schöner und interessanter wird, wenn man sich kennen lernt."