Lokales

"Die Menschlichkeit verteidigen"

Am gestrigen Volkstrauertag erinnerte Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker an die zwei Weltkriege, aber auch an den 11. September 2001 und an die gegenwärtigen weltpolitischen Konflikte und Terrorakte. Angesichts von Krieg und Gewalt rief sie dazu auf, Frieden zu stiften und die Menschlichkeit zu verteidigen.

RICHARD UMSTADT

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KIRCHHEIM "Ihr, die Ihr überlebtet in gestorbnen Städten, habt doch endlich mit Euch selbst Erbarmen! Zieht nun in neue Kriege nicht, Ihr Armen." Der Appell Bertolt Brechts 1947 an seine Landleute blieb ungehört. In ihrer Gedenkrede wies Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker darauf hin, dass ähnliche Bitten und Wünsche Kriege "als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln" nicht verhindern konnten. Doch gerade deshalb sei es wichtig, den Volkstrauertag der Mahnung zum Frieden zu widmen.

Matt-Heidecker erinnerte an das Grauen von Verdun und die unendlichen Felder der Kriegsgräber sowie an das unermessliche menschliche Leid des Zweiten Weltkrieges mit über 55 Millionen Toten. Sie gedachte dabei auch der Menschen, die auf Grund ihrer Zugehörigkeit zur jüdischen Religion entrechtet, verfolgt, deportiert und systematisch vernichtet wurden. "Völkermord geschah quasi vor unserer Haustür". Ebenso in das Gedenken zog sie die Menschen mit ein, die den Nationalsozialisten Widerstand leisteten. Ihr Handeln sei ganz im Zeichen des Zieles "Verteidigung der Menschlichkeit" gestanden.

Das von Bertolt Brechts geforderte Selbst-Erbarmen gelte auch für die Neuzeit. Die Anschläge auf das World-Trade-Center am 11. September 2001 bezeichnete die Oberbürgermeisterin als einen gezielten Massenmord mit einer Milliarde Fernsehzuschauern und wies auf die weltpolitischen Folgen hin. Es wurde nicht nur das Gefühl der Unverwundbarkeit Amerikas erschüttert. "Weit größeres Unheil kam über das Universum des Islams, es hat das Ansehen einer ehrwürdigen Weltreligion diskreditiert". Ohne die Vorgeschichte des 11. Septembers sei der jüngste Libanonkonflikt nicht denkbar.

Auf Grund der veränderten Sicherheitsanforderungen der Welt habe sich auch der Auftrag der Bundeswehr geändert, sprach Angelika Matt-Heidecker den Einsatz der deutschen Soldaten vor Libanons Küste, in Bosnien-Herzegowina, im Kosovo, Sudan, Kongo, in Gabun, Afghanistan, Georgien und am Horn von Afrika an. "Sie dienen nicht mehr allein zur Landes-, sondern zur Werteverteidigung".

Friedensfähigkeit gelte als die höchste Form menschlicher und zivilisatorischer Vollkommenheit, meinte Kirchheims Oberbürgermeisterin und bezog sich auf Kants Schrift "Vom ewigen Frieden": "Nur dort, wo Ächtung von Gewalt als Mittel der Politik zum Staatsprinzip erhoben wurde, ist Gerechtigkeit herstellbar, ist Frieden möglich".

In ihren Gedanken zum Volkstrauertag hatten Miriam Greis, Stefanie Zapf und Anna Szembek von der Jahrgangsstufe 12 des Ludwig-Uhland-Gymnasiums dazu aufgerufen, inne zu halten und Ruhe zu finden, um an die Menschen zu denken, die in den Kriegen ihr Leben verloren. Die heutige Jugend habe den Krieg nicht erlebt, nicht die Trauer gespürt. Sie wolle dennoch wissen, was damals geschah und warum es geschah, "damit wir verstehen und lernen, dass es nicht mehr geschieht. Wir geben es in unser Gedächtnis, was wir hören, und geben es weiter an unsere Kinder". Freundschaft sei die Aufgabe junger Menschen über die Gräber hinweg. "Steine dürfen schweigend reden, wir Menschen müssen handeln". Oder wie es Angelika Matt-Heidecker ausdrückte: "61 Jahre nach dem Ende des von Nazi-Deutschland entfachten Weltbrandes tragen wir Nachgeborenen Verantwortung für den Umgang mit unserer historischen Schuld". Dass sich Menschen in Deutschland damit nicht leicht tun, zeige Günter Grass' spätes SS-Geständnis. Mit diesem stehe er stellvertretend für alle am Pranger, die nicht darüber reden konnten. "Er ist typisch für die gebrochene Biografie der Deutschen".

Kirchheims Oberbürgermeisterin Matt-Heidecker war sich sicher: "Wir stehen deshalb nicht vergeblich hier heute nicht und an keinem zukünftigen Volkstrauertag". Die Gedenkfeier auf dem Alten Friedhof wurde in würdiger Weise umrahmt von der Stadtkapelle Kirchheim und dem Kirchheimer Liederkranz.