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Die Narren sind los nicht nur in den ...

Die Narren sind los nicht nur in den oberschwäbischen Hochburgen, sondern mit wachsender Begeisterung auch in Kirchheim und Lenningen. Beides Mal wurden die Rathäuser gestürmt, in Lenningen gab es zudem noch einen Gaudi-Wurm.

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BIANCA LÜTZ / IRIS HÄFNER

"Henn'r was zom drenka?", diese Frage stellten die Lenninger Hexa fast jedem Besucher am Straßenrand. Hexabluat und Krötensaft nur Hochprozentiges, versteht sich wurde großzügig ausgeschenkt, derweil die Lenningo Gugga musikalisch schon für ordentlich Stimmung sorgten. Angeführt wurde der muntere Zug vom "Bunten Haufen", dem Tobelkindergarten. Zahlreiche Narrenzünfte sind dem Ruf der Lenningos gefolgt, um in Oberlenningen für entsprechende Fasnetsstimmung am Schmotziga Doschdich zu sorgen. Vor allem die Hexenzünfte trieben ihren Schabernack mit den Zuschauern, egal ob die Cannstatter Stäffeles Hexa, Goißwoidhexa aus Sirnau, die Stadthexen aus Esslingen oder die einheimischen Hexa, die von Pater Erwin angeführt wurden. Dem standen die Esslinger Kelterteufel, die Rebhehla aus Leinfelden und die Esslinger Zwieble in nichts nach. Zur Entschädigung dafür gab es viele "Bombola" für die kleinen Zuschauer. Den Gaudiwurm bereicherten auch die benachbarten Schnaibesa aus Erkenbrechtsweiler und der Motorclub Lenningen, der sich völlig sportartfremd schon jetzt im Fußballfieber befindet.

Der Rathaussturm wurde musikalisch stilvoll eingeleitet: "Lebt denn der alter Holzmichel noch?", sangen Gugga, Hexa und Zuschauer im Chor. Ja, der Schultes lebte noch, wenn er sich auch viel Zeit ließ, um auf der Rathaustreppe auf dem extra für ihn gebauten Hexa-Stuhl Platz zu nehmen. Um überhaupt ins Rathaus eindringen zu können, mussten die Hexa harte Arbeit leisten und sämtliche Tannenbäume entfernen, die vor der Eingangstür den Weg versperrten. Irgendwie hatte man das Gefühl, dass den Hexa ihr Schultes gefiel, auch wenn sie ihm die eine oder andere Verfehlung vorwarfen, wie etwa den fehlenden Hang zum "Grüß-Gott-sagen" auf der Straße. Regelmäßig fielen in der Rede so aufschlussreiche Worte wie schnuckelig oder süß, die auf Michael Schlecht gemünzt waren.

Dieser zeigte sich ob dieser Charmeoffensive von seiner humorvollen Seite. Auf gut schwäbisch und gar in Reimform gab er ordentlich Kontra. Nach der Premiere im vergangenen Jahr gab er sich heuer schon recht professionell und erkannte klar die Vorzüge dieser Veranstaltung, reimte er doch am Ende seiner Rede: "Ond zom Schluss von jeder Hex en Kuss." Dieser Aufforderung kamen die Damen gerne nach. Als dieses Procedere vorüber war, einigten sich alle Beteiligten friedlich auf die Schlüsselübergabe. Somit führen die Lenninger Hexa bis Aschermittwoch das Regiment. Doch damit nicht genug: Zum Schluss wurde Michael Schlecht in einen Narrenwagen gesteckt, gedreht und dann ging's unter lautem Geschrei davon wohin die Hexa ihren Schultes entführten blieb allerdings ein Geheimnis.

Gemeinsam haben die Lenningo Gugga und die Lenninger Hexa in der nicht gerade als Faschingshochburg bekannten Gemeinde erstaunlich viele Zuschauer anlocken können, die sich herzlich über die Anklage der Hexa und die entsprechende bürgermeisterliche Antwort amüsierten. Was sich die Veranstalter wohl für das nächste Jahr einfallen lassen?

Fast schon Tradition ist der Rathaussturm in Kirchheim. Lautes Peitschenknallen, Schellenrasseln und nicht zuletzt Trompeten, Pauken und Schlagzeuge der Altbacher Guggamusik "Alabach Schränzer" zeugten bereits von Weitem davon, dass etwas im Gange war. Ungeduldig lauerte vorm Rathaus eine ganze Meute diabolischer "Kloster-Deifel", umringt von zahlreichen neugierigen Zuschauern und etlichen Mitgliedern befreundeter Narrenzünfte.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit kam dann das Kommando: "Attacke!" rief Oliver Thaler, Zunftmeister der Kirchheimer "Kloster-Deifel". "Auf geht's Deifel, es wird höchste Zeit, das Rathaus zu stürmen." Das ließen sich die Wesen mit den furchteinflößenden Holzmasken und den schwarzen Felljacken nicht zweimal sagen: Sie wuchteten eine Leiter an die Rathausfront, erklommen den ersten Stock und schlugen sich erbarmungslos bis ins Zimmer von Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker durch. Erst regnete es Akten auf die Marktstraße, dann erschien ein Banner mit dem Antlitz der "Kloster-Deifel" an der Mauer des Verwaltungsgebäudes und schließlich erschien die "liebe Geli" gefesselt und im Klammergriff von zwei Deifeln höchstpersönlich vorm Narrengericht.

Was die Verfehlungen des Stadtoberhauptes im vergangenen Jahr angeht, nahm Zunftmeister Oliver Thaler kein Blatt vor den Mund: "Es gibt da eine Sache, die stinkt zum Himmel", kritisierte er den unzumutbaren "Duft" in einigen öffentlichen Toiletten und schlug scherzhaft einen "Toilettenentwicklungsplan" für Kirchheim vor. Auf dem Kieker hatte der teuflische Richter auch den Bußgeldkatalog für Müllsünder: "Eine weggeworfene Kippe kostet zehn Euro findest du das nicht ein bisschen übertrieben?" In diesem Punkt gab die Oberbürgermeisterin kräftig Kontra: "Zu dieser Missetat stehe ich", betonte sie und verwies auf die Wichtigkeit einer sauberen Innenstadt.

Immer weiter ging es mit den Anklagen über die Erhöhung von Steuern und Gebühren, über das "Lampenfieber, die schlechte Parkplatzsituation in Kirchheim und das Fehlen eines geeigneten Raums für die Hallenfasnet der "Kloster-Deifel". Dem Stadtoberhaupt blieb nichts anderes übrig, als sich geschlagen zu geben: Angelika Matt-Heidecker überreichte den "Kloster-Deifeln" ein Kuvert mit einem "Bußgeld", übergab dem Oberdeifel den Schlüssel fürs Rathaus und versicherte, sich fürs kommende Jahr größte Mühe zu geben. "Ab sofort ist das Rathaus in der Hand der Kloster-Deifel", triumphierte Oliver Thaler und erntete tosenden Applaus.

Dass es im nächsten Jahr in der Teckstadt ganz bestimmt wieder närrisch zugehen wird, daran ließ der Zunftmeister keinen Zweifel: Er kündigte das "Narren-Jubiläum" seines Vereins an, der sein elfjähriges Bestehen mit einem Fest am 2. Februar 2007 feiern wird.

Fotos: Jean-Luc Jacques