Lokales

Die Natur ist sehr schwer kalkulierbar

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) setzt konsequent auf Kooperationen

Zu den in die Endauswahl gekommenen Bewerbern für den Ehrenamtspreis zum Thema „Umwelt schützen – Zukunft sichern“ gehören auch die Mitglieder der Kirchheimer Ortsgruppe des Bundes für Naturschutz Deutschland (BUND). 1980 gegründet, konnte die Ortsgruppe vor drei Jahren ihr 25-jähriges Bestehen feiern und dabei auf viele erfolgreich angestoßene und zukunftsorientierte Projekte verweisen.

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WOLF-DIETER TRUPPAT

Kirchheim. Seit den Anfangsjahren hat sich viel verändert und umweltrelevante Themen spielen eine viel größere Rolle, als in den ersten Jahren nach der Gründung. Dennoch bedauern die beiden gleichberechtigten zweiten Vorsitzenden Dr. Martin Dieterich und Siegfried Hauff, dass der Naturschutz in der Theorie und in den Köpfen längst viel weiter gekommen ist als im Umsetzen konkreter Konzepte in der täglichen Praxis. Die Kontroversen der Gründungszeit sind dabei längst einer kontinuierlichen Zusammenarbeit mit anderen Einrichtungen und engen Kooperationen mit Kommunen und Landwirten gewichen.

Was einst mit Baumbesetzungen am „Lohrmannskeller“ begann und den Gründungsmitgliedern der BUND-Ortsgruppe viel Sympathien von Studenten und Schülern einbrachte, die sich für den Umweltgedanken einsetzten, hat längst zu der Erkenntnis geführt, dass Naturschutz und Landwirtschaft nur gemeinsam erfolgreich handeln können.

Auch wenn die Naturschützer seinerzeit nicht verhindern konnten, dass das Gebäude abgerissen und der Baumbestand gefällt wurde, konnten sie über die Jahre doch ein grundsätzliches Umdenken bewirken. Musste bei Bebauungsplänen in den 80er-Jahren noch um jeden einzelnen Baum gekämpft werden, sind Pflanzgebote heute Standard, stellt Siegfried Hauff fest. Dass dafür ein langer Atem nötig war, bestätigt er ebenfalls.

Selbstverständlich ist längst, dass vom BUND zu Fragen der Stadtentwicklung und zu Flächen- und Bebauungsplänen entsprechende Stellungnahmen und gegebenenfalls Alternativen in die Diskussion eingebracht werden. Dass darüber nicht stets im Konsens diskutiert wird und die immer wieder neu zu leistende Überzeugungsarbeit an „das Bohren dicker Bretter erinnert“, ist für Siegfried Hauff Teil seiner gewohnten Überzeugungsarbeit. Dass der theoretisch hochgehaltene Schutz der Natur in der Praxis immer wieder daran scheitert, dass er sich mit schwer zu widerlegenden Argumenten wie etwa der Schaffung neuer Arbeitsplätze oder auch nur finanzieller Vorteile zu behaupten hat, zeigt den Verantwortlichen immer wieder, dass Ziele des Naturschutzes in der Praxis noch lange nicht den Stellenwert haben, den sie längst haben sollten.

Siegfried Hauffs Vorstandskollege Dr. Martin Dieterich sieht ein Grundproblem des Naturschutzes darin, dass sich die jeweils zur Diskussion stehenden und vom Untergang bedrohten schützenswerten Güter nicht mit genauso konkreten Summen bewerten lassen wie etwa eine erschlossene Neubaufläche. Ganz besonders fatal findet er auch, dass immer emhr reagiert als agiert wird.

Zeiten, in denen Naturschützer dafür belächelt wurden, dass sie Frösche über die Straßen tragen, scheinen in Kirchheim dagegen längst überwunden zu sein. Immerhin wurde Dorothee Moegling für ihr aufopferndes Engagement auf diesem Gebiet mit der Bürgermedaille der Stadt ausgezeichnet.

Nicht im Tier-, sondern im Artenschutz liegt die wesentliche Aufgabe des Vereins, macht Siegfried Hauff deutlich. Ziel müsse immer sein, die richtigen Voraussetzungen für die jeweiligen Tierpopulationen zu schaffen. Dazu dient auch ein anerkanntes Projekt der Kirchheimer Ortsgruppe, die sich mit dem wissenschaftlichen Erforschen der Lebensbedingungen der Gelbbauchunke befasst. Besonders wichtig sei es, nicht in Teilaspekten aufzugehen, sondern die Gesamtzusammenhänge im Auge zu haben – mit ein Grund, weshalb sich das Thema nachhaltiger Stadtentwicklung wie ein roter Faden durch alle Aktivitäten zieht, mit denen sich die BUND-Mitglieder befassen.

Der bunte Strauß unterschiedlicher Aufgabenfelder macht deutlich, dass auch Stellungnahmen zu Stadtentwicklungsplanung und Verkehrsproblematik, zu Flächennutzungs- und vor allem auch Bebauungsplänen nur einen Teil der ehrenamtlich geleisteten Arbeit darstellen. Immer wieder werden in Zusammenarbeit mit Kommunen und Landwirten Pflegekonzepte entwickelt. Ganz konkret beteiligen sich BUND-Mitglieder auch an der praktischen Umsetzung von Pflegemaßnahmen. Nur durch das Zusammenspiel zeitintensiver Handarbeit ehrenamtlicher Helfer mit professioneller maschineller Tätigkeit ist es möglich, dass große landwirtschaftliche Flächen nachhaltig bearbeitet werden können.

Als wichtige Anlaufstelle für die Kooperation der verschiedenen Maßnahmen im Kreis, vor allem aber auch für Informationen für die interessierte Bevölkerung, hat sich das schon vor 20 Jahren eingerichtete Umweltzent­rum in der Kirchheimer Max-Eyth-Straße 8 bewährt. Geöffnet ist das seit rund drei Jahren von einer hauptamtlichen Teilzeitkraft betreute Zentrum montags, dienstags und freitags von 9.30 bis 11 Uhr sowie donnerstags von 14 bis 18 Uhr.

Eine weitere gute Gelegenheit, sich über naturschutz- und umweltrelevante Themen zu informieren, sind die jeweils am ersten und dritten Freitag im Monat ab 19.30 Uhr im Umweltzentrum in der Max-Eyth-Straße 8 stattfindenden Treffen, bei denen interessierte Besucher immer willkommen sind. Bei den Treffen der „BUND-Spatzen“ werden auch Kindern Naturschutzthemen spielerisch nahe gebracht. Regelmäßig werden zudem auch Vorträge veranstaltet, die sich mit umweltpolitischen Themen befassen.

Ganz wichtig ist den engagierten Mitgliedern des BUND, dass der praktizierte und erlebbare Naturschutz einen höheren Stellenwert bei der Planung kommunaler Projekte haben sollte. Als ein Beispiel dafür nennt Siegfried Hauff den Fall der ehemaligen Viehverwertung im Hafenkäs. Ein langfristig und flächendeckend ausgearbeitetes Konzept eines flussbegleitenden Grüngürtels bis zum Zusammenfluss von Lauter und Lindach wurde – für die Naturschützer unverständlich – einer an dieser Stelle überraschend möglich gewordenen Wohnbebauung geopfert.

Während der Wert der hier verwirklichten Baumaßnahme konkret beziffert werden kann, ist es schwer, eine konkrete Zahl für den dadurch bedingten irreversiblen Verlust für die Natur zu beziffern. Die Broschüre, mit der das engagiert und zukunftsorientiert geplante Projekt bachbegleitender Grünflächen bis zum Zusammenfluss von Lauter und Lindach dokumentiert ist, wurde von aktuellen und geldwert klar definierbaren Planungen inzwischen überholt.

Solange der monetäre Wert zukunftsichernder Maßnahmen im Bereich des Naturschutzes nicht klar beziffert werden kann, so ist Dr. Dieterich überzeugt, wird es auch weiterhin enorm schwer sein, sich gegen zu Lasten der nun einmal endlichen Ressource Landschaft geplante Projekte erfolgreich zur Wehr zu setzen – trotz allem grundsätzlichen Verständnis für die Bedeutung des Naturschutzes.