Lokales

Die Ost-West-Partnerschaft lebt noch

LENNINGEN Mit der Wende hatte sich in dem 3000-Seelen-Ort an der thüringischen Werra vieles geändert. Zum Beispiel der Kontakt zwischen Ost- und Westdeutschen. Der war jetzt frei möglich Freundschaften entstanden, Ehen wurden geschlossen. Allerdings lösten sich auch bestehende Kontakte auf. Zum Beispiel zwischen Christen. Zur DDR-Zeit hatte jede Kirchengemeinde eine Partnergemeinde in Westdeutschland. Die Thüringer Landeskirche war mit der Kirche in Württemberg partnerschaftlich verbunden, und so entstanden im Laufe der Jahre immer engere Kontakte zwischen der Kirchengemeinde Tiefenort und der Gemeinde Gutenberg. Die Partnerschaft hatte vor allem zwei Ziele: Zum einen die finanzielle Unterstützung der finanzarmen Christen der damaligen DDR. So wurde den Tiefenortern ihre Glockenläutanlage finanziert, die heute noch in Betrieb ist. Ein typisches Geschenk waren außerdem Kupfernägel, die beim Dachdecken mit Schiefer gebraucht wurden und die in der DDR Mangelware waren. Ein weiteres Ziel bestand darin, Kontakte zwischen den Menschen beider Staaten zu knüpfen, um den Gedanken an die Einheit Deutschlands im Bewusstsein zu halten. Besuche waren damals natürlich nur einseitig möglich, und so galten die Begegnungen mit den Gutenbergern in Tiefenort immer als Höhepunkt des Gemeindelebens.

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Gleich nach der Wende konnten die Thüringer das erste Mal einen Gegenbesuch abstatten. Ein großes Zeltlager wurde auf der Bissinger Viehweide bei Familie Oelkrug eröffnet. Kaum ein Tiefenorter Christ, dem der Name Oelkrug nicht geläufig ist, und an diese Reise erinnern sich die Teilnehmer heute noch mit Freude. Später reiste eine Konfirmandengruppe und eine Seniorengruppe in die Partnergemeinde Gutenberg. Dann herrschte erstmal Funkstille. Schließlich waren die eigentlichen Ziele der Partnerschaft erfüllt: Die Deutsche Einheit war wieder hergestellt, die ostdeutschen Kirchgemeinden hatten weniger Geldsorgen, Baumaterial konnten sie sich nun selbst besorgen.

Vor einigen Jahren kam die Frage auf, ob der Kontakt zwischen Tiefenort und Gutenberg aufrecht erhalten werden sollte. Als Folge war der Tiefenorter Kirchengemeinderat im September 2005 zu Gast in Gutenberg, ein Gegenbesuch wurde geplant. Jetzt fand sich endlich ein passender Termin und die Gruppe aus Gutenberg fuhr mit drei Pkw-Besatzungen nach Thüringen. Mit dabei war der Gutenberger Pfarrer Sobko, der aus Thüringen stammt und zufälligerweise genau in der Partnergemeinde Tiefenort von 1983 bis 1996 als Pfarrer tätig war. Er freute sich natürlich besonders auf die Rückkehr an den früheren Wirkungsort, aber auch seine Mitreisenden waren gespannt, zumal einige von ihnen das erste Mal in den Osten Deutschlands kamen.

Die Tiefenorter hatten für ihre Besucher ein abwechslungsreiches Programm geplant. Los ging es mit einem Gemeindeabend zum Elisabeth-Jahr. (In Thüringen feiert man 2007 den 800. Geburtstag der heiligen Elisabeth.) Außerdem wurde am darauffolgenden Morgen das Erlebnisbergwerk Merkers besichtigt. Dort wurde bis zur Wende Kali abgebaut und in diesem Bergwerk lagerten bis Ende des Zweiten Weltkrieges die deutschen Gold- und Geldreserven. Am Nachmittag war eine Rhön-Wanderung angesagt. Und am Abend nachdem man sich mit Thüringer Bratwürsten gestärkt hatte gab es gute Gespräche über die Strukturveränderungen innerhalb der beiden Landeskirchen. Dabei zeigte es sich, dass von einem Erfahrungsaustausch nicht immer nur die Ostdeutschen profitieren so stehen den westlichen Landeskirchen ähnliche Strukturänderungen bevor, wie sie im östlichen Teil längst bekannt sind. "Da könnte man im Westen manches lernen", vermutet Pfarrer Sobko. Nach einem gemeinsamen Gottesdienst am Sonntag und einem Mittagessen mit Thüringer Klößen machten sich die Gäste aus Gutenberg wieder auf die Heimfahrt. Ein kurzer Abstecher nach Eisenach mit einem Besuch des Bach- und Lutherhauses und einem Blick auf die Wartburg bildeten einen schönen Abschluss.

sus