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Die physikalischen Grenzen des Autos erleben

"Wir haben eine Lücke geschlossen", freut sich Reimund Elbe, Pressesprecher des ADAC Württemberg. Gab es bisher drei stationäre Standorte für das Fahrsicherheitstraining des ADAC Württemberg, sind es nun vier. Der Automobilclub kooperiert mit dem Motorsportclub Kirchheim und nutzt dessen Verkehrsübungsplatz Birkhau.

PETER DIETRICH

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KIRCHHEIM Schon mancher coole jugendliche Fahrer kam schwarz, breit und tief beim Fahrsicherheitstraining an um nach der ersten Fahrübung kreidebleich aus seinem Fahrzeug zu steigen. Die jungen Fahrer bis zu 24 Jahren sind es, die der ADAC Württemberg bei seinem Fahrsicherheitstraining besonders im Blick hat. Für sie gibt es das ganztägige Training, wie bei allen Teilnehmern mit dem eigenen Fahrzeug, in den Schulferien und zu einem Sonderpreis egal ob Clubmitglied oder nicht.

Im Jahr 1972 hatten die dramatischen Unfallzahlen einen Höchststand erreicht, blickt Volker Zahn, Leiter der Abteilung Verkehr und Technik beim ADAC Württemberg, zurück. Deshalb habe der Club 1973 mit seinem Fahrsicherheitstraining begonnen, das in Württemberg inzwischen mehr als 200 000 Fahrer durchlaufen haben, Auto und Motorrad zusammengenommen. Zahn ist froh über den neuen, zentral an der A 8 gelegenen Platz. Es ist nach dem Solitude-Ring bei Leonberg, dem Messegelände in Balingen und dem Gewerbepark Haid in Engstingen der vierte Dauerplatz für das Fahrsicherheitstraining.

Als "positiven Rundumschlag für alle Zielgruppen" beschreibt Werner Wiesenfarth, Leiter der Abteilung Verkehrssicherheitsprogramme beim ADAC Württemberg, die Summe der Angebote, die vom Kindergarten bis zu Senioren reichten. Besonders schwierig seien junge Fahrer: Sie machten nur 8,5 Prozent der Gesamtbevölkerung aus, seien aber an knapp einem Viertel der Unfälle beteiligt. Fast jeder zweite tödliche Unfall sei auf sie zurückzuführen. Deshalb gebe es das Training für diese Gruppe "zum echten Dumpingpreis". Auch die Motorradfahrer hat Wiesenfarth im Blick: Vom ersten Halbjahr 2006 zum ersten Halbjahr 2007 sei die Zahl der tödlich Verunglückten um über neun Prozent gestiegen, die Zahl der Motorradunfälle um mehr als elf Prozent. Das sei dramatisch. Am 11. und 12. April, zum Start der Saison, gibt es auf dem neuen Platz die ersten Sicherheitstrainings für Motorradfahrer.

Zwar sei die Zahl der Unfalltoten in Baden-Württemberg seit dem Jahr 2000 von 828 auf 640 zurückgegangen, erläutert Zahn, doch das Ziel einer Halbierung bis zum Jahr 2010 sei noch weit entfernt. Pro Stunde gebe es im Ländle auf den Straßen sechs Verletzte, pro Tag zwei Getötete. Auch im Landkreis Esslingen stagniere die Zahl der Unfälle und gehe nicht zurück. "Wir wollen nicht erlahmen und nachlassen", sagt Zahn.

"Der Fahrer muss Gefahren erkennen und vermeiden. Erst in letzter Konsequenz geht es darum, die Gefahr zu bewältigen", erläutert Wiesenfarth die Trainingsziele. Entscheidend sei, dass ein Fahrer die physikalischen Grenzen seines Fahrzeugs erlebe. Der Verkehrsübungsplatz sei ein Schonraum, in dem man an die Grenzen gehen könne, mit Bremsübungen auf halbseitig glatter Fahrbahn, mit einem Slalomparcours, mit Vollbremsungen und dem Ausweichen vor plötzlichen Hindernissen. Natürlich koste es den Fahrer Überwindung, plötzlich das Gaspedal voll durchzutreten. Spätestens die zweite oder dritte Übung zeige ihm, dass das Fahrzeug mit einem macht, was es will, ergänzt Pressesprecher Elbe.

Zwei Dinge braucht es zum Training: Gute Trainer und einen gut geeigneten Platz. Für ersteres sorgt der ADAC, der kompetente Fahrlehrer, Polizeibeamte, Ingenieure und andere in zweieinhalb Jahren schult und ständig fortbildet. Trainer müssen nicht männlich sein, in Zukunft werden auch Frauen ausgebildet. Fehlt noch ein Platz wie der Verkehrsübungsplatz Birkhau bei Lindorf, der für Zahn "optimale Trainingsbedingungen" bietet. Der Motorsportclub hat den Platz im Jahr 1969 eingerichtet und das Gelände 2004 von der Stadt Kirchheim erworben. Auf vier Hektar Gesamtfläche gibt es rund zwei Kilometer Strecke. Es gibt Gefälle, einen großen asphaltierten Platz, Nässe und Glätte lassen sich gut simulieren.

Nur das Gebäude, räumt Alexander Greif als stellvertretender Vorsitzender des Motorsportclubs ein, entspreche noch nicht den Anforderungen. Doch da sich nun der ADAC eingemietet habe, werde im Mai oder Juni nebenan mit einem zweistöckigen Neubau mit 400 Quadratmetern Fläche begonnen. Im Frühjahr 2009 soll der Bau mit zwei Schulungsräumen und bester technischer Ausstattung fertig sein. Draußen gibt es schon heute Platz für zwei parallele Schulungsgruppen: Zwei mit je zwölf Teilnehmern mit dem Auto oder zwei mit je zehn Teilnehmern mit dem Motorrad. 40 Kurse pro Jahr sind in Kirchheim geplant. Kurse können auch für geschlossene Gruppen gebucht werden. Weitere Informationen gibt es beim ADAC unter der Telefonnummer 07 11/28 00-2 12 97.