Lokales

Die Privatsphäre im Alter schützen

Künftig soll es in Pflegeheimen mehr Einzelzimmer geben – Private Träger üben Kritik

Pflegeheime müssen ihre Einrichtungen in den kommenden Jahren komplett auf Einzelzimmer umstellen. So sieht es das Land Baden-Württemberg vor, das so die Würde der Bewohner schützen will. Inge Baum, die in Kirchheim die „Pflegeinsel“ betreibt, sagt: „Wenn diese Verordnung durchkommt, dann kann ich zumachen.“

Antje Dörr

Kirchheim. „Wenn Sie verreisen, wollen Sie sich auch nicht mit Wildfremden ein Zimmer teilen.“ So begründet Susanne Keller, Sprecherin des baden-württembergischen Sozialministeriums die neue Heimbauverordnung. Die ist im September vergangenen Jahres in Kraft getreten und sieht vor, dass Pflegeheime für ihre Bewohner nur noch Einzelzimmer vorhalten dürfen. Für bestehende Einrichtungen gilt ab September 2009 eine Übergangsfrist von zehn Jahren, die im Einzelfall auf bis zu 25 Jahre ausgedehnt werden kann. Dann müssen auch ältere Pflegeheime komplett auf Einzelzimmer umgestellt haben. Ziel ist die Verbesserung der Lebensqualität in den Heimen. „Wir müssen uns in erster Linie an der Würde und der Selbstbestimmung der Menschen orientieren“, sagt Arbeits- und Sozialministerin Monika Stolz in einer Pressemitteilung.

Scharfe Kritik am Zwang zum Einzelzimmer kommt vom Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa). Der sieht die privaten Pflegeheime durch die Vorgabe benachteiligt. „Die kirchlichen Träger und Pflegeheime, die von Wohlfahrtsverbänden betrieben werden, konnten in den letzten Jahren mithilfe der Pflegeheimförderung deutlich mehr Einzelzimmer bauen“, klagt Sven Schumacher, Landesbeauftragter beim bpa. Auf die privaten Träger kämen nun hohe Investitionen für den Umbau der Doppel- in Einzelzimmer zu – und zwar ohne Förderung. „Für viele Einrichtungen ist die Verordnung existenzbedrohend“, sagt Sven Schumacher.

Das kann eine private Betreiberin aus Kirchheim nur bestätigen. „Wenn diese Verordnung durchkommt, dann kann ich zumachen“, sagt Inge Baum, die in Kirchheim seit 22 Jahren die „Pflegeinsel“ betreibt. Im Ärztezentrum bietet die Dienstleisterin zwölf Doppelzimmer und drei Einzelzimmer an, in der Einsteinstraße fünf Einzelzimmer, zwei Zweier- und drei Dreierzimmer. Das heißt: Die Einrichtung im Ärztezentrum, die erst vor zwei Jahren eröffnet worden ist, müsste in acht Jahren komplett umgebaut werden. Zudem sänken die Mieteinnahmen, weil Einzelzimmer mehr Platz einnehmen als Mehrbettzimmer. „Das lohnt sich dann nicht mehr, da zahle ich drauf“, klagt Inge Baum, die die Verordnung für „eine Utopie“ hält. Auch für Angehörige seien Einzelzimmer mit erheblichen Mehrkosten verbunden. Zudem kann sich Inge Baum nicht vorstellen, wer die Einzelzimmer für die steigende Zahl an Sozialhilfeempfängern bezahlen soll.

Auch für die Patienten sei der Zwang zum Einzelzimmer negativ, findet die Betreiberin der Pflegeinsel. Zwar verlangten immer mehr Angehörige für ihre Pflegebedürftigen ein Einzelzimmer. Gerade demente Patienten kämen sich im Einzelzimmer aber oft verlassen vor und hätten Angst. „Wenn eine andere Person dazukommt, fühlen die Patienten sich oft viel wohler“, weiß Inge Baum aus eigener Erfahrung.

Im Kirchheimer Fickerstift, das vom Deutschen Roten Kreuz (DRK) getragen wird, sieht man die neue Verordnung relativ gelassen. Der DRK-Kreisverband betreibt in Kirchheim das Steingaustift und das Fickerstift sowie in Weilheim das Haus Kalixtenberg. Im Haus Kalixtenberg, das 1988 gebaut wurde, gibt es 27 Doppel- und 27 Einzelzimmer, im Fickerstift, Baujahr 1995, sechs Doppelzimmer und 46 Einzelzimmer und im Steingaustift, das 2002 eröffnet wurde, leben 34 Bewohner in Einzelzimmern. Doppelzimmer gibt es dort keine mehr. „Wenn die Verordnung weiter besteht, müssen wir die Doppelzimmer in Weilheim umbauen“, erklärt Sandra Mayer, Heimleiterin im Fickerstift und im Haus Kalixtenberg. Das Haus müsse allerdings in den nächsten Jahren ohnehin saniert werden. Konkret sei aber noch nichts geplant.

Vom Zwang zum Einzelzimmer hält jedoch auch Sandra Mayer nichts. „Doppelzimmer sind weiterhin notwendig“, findet sie. Im Haus Kalixtenberg wolle zum Beispiel fast niemand in einem Einzelzimmer wohnen. „Die Bewohner schätzen die Gemeinschaft.“ Die Heimleiterin hat außerdem Zweifel, ob die Verordnung wirklich finanzierbar ist.

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