Lokales

Die Renaissance des Fahrrads

Immer mehr Menschen nutzen das Rad als Fortbewegungsmittel in Alltag und Urlaub

Die Menschen in Kirchheim und Umgebung fahren häufiger Rad. Fachleute halten steigende Spritpreise, ein höheres Gesundheits- und Umweltbewusstsein sowie das passable Wetter für mögliche Ursachen.

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Tobias Flegel

Kirchheim. Der Deutschen liebstes Kind ist das Auto, heißt es. Noch gilt der Satz, doch die lange Leidenschaft beginnt zu bröckeln: Steigende Preise für Benzin, Energie und Lebensmittel zehren am Geldbeutel der Bundesbürger. Diese fahren seltener mit dem eigenen Wagen und weichen auf bewährte Alternativen wie Bahn, Fahrgemeinschaften oder Fahrrad aus.

Viele Radhändler in Kirchheim und Umgebung spüren bei ihren Kunden die neue Lust am Zweirad. „Beim Normalbürger gibt es einen Trend zum Rad“, sagt der Händler Andreas Wagner von „Radsport Fischer und Wagner“ in Kirchheim. Für ihn eine verständliche Reaktion, denn beim Kraftstoff langfristig auf eine dauerhafte Senkung zu hoffen, hält der Velo-Experte für eine „Milchmädchenrechnung“.

Besonders in der Stadt ist das Fahrrad ein billiges, umweltschonendes und flexibles Fortbewegungsmittel. Diesen Vorteil schätzen Andreas Wagners Kunden zunehmend: „Viele merken, dass sie gewisse Dinge schneller und bequemer mit dem Fahrrad erledigen können“, sagt er. Mit seiner Einschätzung spricht der Radhändler Bernd Cremer von der Kirchheimer Ortsgruppe des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) aus dem Herzen: „Das Fahrrad ist in der Stadt dem Auto in allen Aspekten überlegen – außer draußen ist Sauwetter.“

Mit speziellen Rädern für den Einsatz in der urbanen Umgebung reagieren die Hersteller auf die Bedürfnisse der Stadtbewohner. „Die Firmen konzipieren verstärkt Modelle für den Alltag, die zum Beispiel Nabendynamos und Spritzschutz haben“, sagt Andreas Wagner. Als weiteres Zubehör gebe es Einkaufs- und Kinderanhänger. Und die Accessoires und Modelle treffen den Geschmack der Zielgruppe. „Meine Kunden legen mehr Wert auf Ergonomie und Komfort“, berichtet der Fahrradhändler Bernhard Heilenmann aus Weilheim. Insbesondere für Griffe, Sättel und Pedale gäben sie mehr Geld aus.

Bei Heilenmann läuft der Laden in diesem Jahr gut. „Der Umsatz ist im Vergleich zum letzten Jahr leicht gestiegen“, sagt der Radfachmann. Für ihn sind aber nicht höhere Spritpreise der Grund für die bessere Nachfrage, sondern das passable Wetter in Frühjahr und Sommer: „Das Geschäft ist einfach wetterabhängig.“

Der Weilheimer Radhändler verkauft vor allem sogenannte Cross-Trekking-Räder, Trekking-Räder und Mountainbikes zwischen 500 und 1000 Euro. Cross-Trekking-Räder sind „abgespeckte“ Trekking-Modelle, die mit einer wendigen Rahmengeometrie und sparsamen Straßenausstattung noch stärker als ihre bequemen Namensgenossen Mountainbikes ähneln. Bei Andreas Wagner hingegen zog der Absatz an Rennrädern in den letzten fünf Jahren deutlich an.

Doch nicht nur neue Räder kaufen die Menschen in der Region. Heilenmanns Kunden holen auch ihre altgedienten Drahtesel aus Garage oder Keller und lassen sie in der Werkstatt auf Vordermann bringen. „Wir haben unheimlich viel Reparaturen“, sagt der Radexperte. Mit den aufgepäppelten Velos geht es dann auf den Markt, zur Arbeit oder in den Biergarten. Damit nicht genug: Auch im Urlaub wird das Rad immer häufiger zum festen Begleiter weiß Heilenmann aus Gesprächen mit seiner Kundschaft: „Viele machen Radreisen“. Dabei gebe es einen Trend zu organisierten Touren-Trips mit Begleitbussen.

Im Gegensatz zu den Händlern in Kirchheim und Weilheim hat Holger Leonberger aus Wendlingen bisher keinen Aufwärtstrend in der Fahrradbranche bemerkt. „Im Markt gibt es immer wieder Schwankungen, doch über die Jahre gleichen die sich wieder aus“, sagt Leonberger. Die Auftragslage beschreibt er zurückhaltend: „Wir sind grundsätzlich zufrieden.“ Auch seine Kunden fragen vorwiegend nach Trekking- und Cross-Trekking-Räder bis 1000 Euro.

Deutliche Zeichen einer wachsenden Radbegeisterung sieht allerdings Bernd Cremer vom ADFC. „Unsere Touren haben gewaltigen Zuspruch. Es kommen etwa 10 bis 20 Prozent mehr Leute im Vergleich zu den Vorjahren“, schätzt der Ansprechpartner der Kirchheimer Ortsgruppe. Seit vier Jahren bietet Cremer an mehreren Sonntagen im Jahr Radausflüge ins Umland der Teckstadt an. „Normalerweise sind zehn oder zwölf Leute bei den Fahrten dabei“, sagt er. Dieses Jahr liege der Schnitt mit 15 bis 18 Teilnehmern jedoch deutlich höher. Für Bernd Cremer sind ein Mix aus Gesundheitsbewusstsein und ökonomischen Zwängen der Grund für die große Nachfrage: „Wahrscheinlich kommen ein bewusstes Bewegungsbedürfnis und die Benzinpreise zusammen.“

Reges Interesse am Drahtesel spiegelt auch der Erfolg der Aktion „Mit dem Rad zur Arbeit“ wider. Bei der Mitmachaktion, die der ADFC zusammen mit der AOK und zwei Radsportverbänden anbietet, fahren Arbeitnehmer an mindestens 20 Tagen im Sommer alleine oder mit Kollegen zur Arbeit. Jeden auf diese Weise zurückgelegten Tag vermerken die Pendler in einem Aktionskalender und schicken ihn am Ende der drei­monatigen Kampagne an die Gesundheitskasse. Als Belohnung für den Fitnesswillen verlosen die Veranstalter Preise unter den Teilnehmern. Rund 130 000 Menschen folgten im letzten Jahr bundesweit dem Aufruf, etwas für Gesundheit und Wohlbefinden zu tun. Beim Start der Aktion vor sechs Jahren waren es dagegen „nur“ etwa 10 000 Radler.

Für jene, die regelmäßig mit dem Rad zur Arbeit fahren wollen, aber dabei längere Strecken zurücklegen müssen, hat Bernhard Heilenmann einen speziellen Tipp: Pedelecs oder Elo-Bikes. Das sind Fahrräder, deren elektrischer Hilfsmotor die Pedaleure bis zu einer Geschwindigkeit von 40 km/h unterstützt. „Damit kann man von Nürtingen nach Stuttgart ins Geschäft fahren und kommt nicht verschwitzt an“, sagt der Weilheimer Händler. Als ökologische Alternative zum Auto sieht Heilenmann in den Elo-Bikes und Pedelecs einen vielversprechenden Trend für die Zukunft. Wermutstropfen bleibt allerdings noch der Preis: Gute Exemplare kosten rund 2000 Euro.

Wer sich genauer über die neuesten Modelle und Fahrrad-Trends informieren möchte, hat auf der internationalen Fahrradmesse Eurobike in Friedrichshafen Gelegenheit dazu. Am Sonntag, 7. September, ist die Fachmesse für den Publikumsverkehr geöffnet.