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Die schönen Hexen sind spätestens ab dem 6. Januar nicht mehr zu bremsen

LENNINGEN Süß, charmant, sexy und vor allem "net zom bremsa" so beschreiben sich die Lenninger Hexa selbst und keiner, der sie hautnah erlebt, wird dem widersprechen

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IRIS HÄFNER

wollen. Seit einigen Jahren treiben die lebenslustigen Frauen in Unter- und Oberlenningen am "schmotziga Doschdich" ihr "Unwesen". Von Jahr zu Jahr sind es immer mehr geworden und so war die Vereinsgründung nur ein konsequenter Schritt. Seit August sind die Hexen nun ein Verein: die Erste Narrenzunft Lenninger Hexa.

"Wir waren als eine Art Interessengemeinschaft immer ein Nobody, sozusagen eine wilde Hex, die nix zum sagen hat", nennt Martina Votek, frischgebackene zweite Vorsitzende, den Grund für die Vereinsgründung. Kaum waren Kontakte bei Narrentaufen oder Umzügen geknüpft, wollten die Fastnachter einen festen Ansprechpartner für mögliche Einladungen genannt bekommen. "Es gibt Gesetze, an die muss man sich einfach halten", so die Erfahrung der Hexen, die zeigt, welch ernste Angelegenheit die fünfte Jahreszeit doch manchmal sein kann. So werden vorzugsweise die Zunftmeister geladen, gibt es keinen, wird es schwierig mit der Kontaktaufnahme. Diesem Ansinnen können die Lenninger Hexa nun nachkommen. Tanja Dreiseitel ist die "Oberhex", sprich erste Vorsitzende der unternehmungslustigen Truppe.

Die Lenninger Hexa sind einfach anders als die üblichen (Fasntes-)Verdächtigen. Innerhalb kürzester Zeit haben sie dank ihrer offenen und fröhlichen Art viele Freunde gewonnen. Das kommt auch in ihrer Kostümierung zum Ausdruck. Keine Larve verdeckt das Gesicht, nur braune, schwarze und weiße Schminke, denn so ganz ohne Farbe ist es doch keine Verkleidung und somit auch nicht Fasching. "Wir wollen uns nicht verstecken. Es ist doch viel schöner, wenn uns die Leute offen in die Augen schauen können, schließlich sind wir keine böse Hexen", sagt Tanja Dreiseitel. Das wissen auch die jüngsten Umzugsbesucher zu schätzen. "Die Kinder haben vor uns keine Angst und sind happy, wenn wir sie auf den Arm nehmen", erzählt Martina Votek. Und an Selbstbewusstsein mangelt es den Damen nicht. "Wir sind schöne Hexen", beschreiben sie sich.

Mittlerweile sind die Lenninger Hexa als eine Einheit zu erkennen. Markenzeichen ist der große, spitzige Hut, der mit Kunstfell verziert ist. Auch die schwarze Jacke schmücken diese "Fetzen", die bei jeder Hex ein bisschen anders drapiert sind und auch der schwarze Rock unterstreicht die persönliche Note der Trägerin. Doch was wäre eine richtige Hex ohne Besen? Mit einer "Saublos" geschmückt, komplettiert er das Outfit der Lenninger Hexen.

Das einheitliche Häs gibt es erst seit diesem Jahr, der Anfang der Gruppe war ganz bescheiden. Angelika Dietterich, geboren an der Saar, kam sich im Jahre 1993 an ihrem ersten "schmotziga Doschdich" in Lenningen einsam und verlassen vor. Sie konnte nicht glauben, dass sie mit ihrer kleinen Tochter eine solch ruhige Weiberfasnet verbringen sollte. Deshalb griff sie zum Telefon und lud sämtliche Nachbarinnen zu sich nach Hause ein, um Fasching zu feiern. Im Laufe der Jahre trafen sich immer mehr Frauen an diesem Tag und mit der Anzahl stieg auch der Mut. Aus der Polonaise durchs Haus wurde ein närrischer Gang zum Bahnhof Unterlenningen, von dem sich einige Passanten anstecken ließen und spontan mitmarschierten.

Den Durchbruch schafften die Frauen dann im Jahr 2002. Zunächst waren die meisten zwar noch etwas schüchtern und zogen sich ihre Verkleidung erst im Gasthaus "Brückle" über, doch dann waren sie nicht mehr zu bremsen und stürmten das Rathaus. "Ich glaube, die Angestellten haben es nicht fassen können", meint Tanja Dreiseitel lachend. Bürgermeister Schlecht sei von der großen Frauenschar überwältigt gewesen, habe aber sofort reagiert und nach Sekt schicken lassen. Mittlerweile ist das Höllenspektakel im Flecken mit anschließendem Rathaussturm fester Bestandteil des jungen närrischen Treibens am Albtrauf. Die Lenningo Gugga organisierten in den vergangenen zwei Saisons einen Gaudiwurm mit befreundeten Fasnetsgruppen. Ziel war der Marktplatz vor dem Rathaus und hatte unweigerlich die Entmachtung des Schultes durch die Frauen zur Folge.

Zahlreiche Fans warten am "schmotziga Doschdich" schon auf die Lenninger Hexa. "Wir fangen in Unterlenningen an, arbeiten uns nach Oberlenningen hoch und machen dabei a bissle Blödsinn", plaudert Martina Votek aus dem Nähkästchen. Die Verpflegung unterwegs sei sensationell, eine rüstige Seniorin bäckt beispielsweise extra für die Hexen Dätscher und versorgt sie mit warmem Tee, selbst die Bäcker sind bestens präpariert auch wenn Senf im Berliner nicht "jederfraus" Sache ist. Auf dieser Tour haben die Hexen jede Menge Spaß. "Wir kommen bei den Lenningern an, egal ob wir beim Friseur reinschauen oder Firmen unsicher machen", freuen sich die Hexen über die positive Resonanz.

Um den Nachwuchs brauchen sich die Lenninger Hexa keine Sorgen zu machen, der ist ebenfalls schon mit Feuereifer dabei, denn schließlich sind sie dank ihrer Mütter mit der Narretei aufgewachsen. "Die sind in unsere Fußstapfen getreten und gehen voll darin auf", freuen sich die großen Hexen. Der Nachwuchs scharre regelrecht mit den Hufen, wenn es darum geht, die "Bombola" zum Verteilen zu bekommen.

Zum Frauenverein Lenninger Hexa gehören auch ein paar ausgewählte Männer. Dazu zählen naturgemäß die Söhne der Hexen sowie zwei männliche Ehrenmitglieder: zum einen der Webmaster und zum anderen Bruder Erwin, der als Schildträger im Mönchskostüm unverzichtbarer Bestandteil bei den Umzügen ist. Die Männer im Frauenclub sind emanzipiert. "Unsere Männer müssen keine Röcke tragen", so Martina Votek. In der Konsequenz tragen die Jungs auch keinen Hexenhut sondern eine coole Piratenkappe.

Im Moment fühlen sich die Hexa noch im Jungfernflug. "Wir sind erst am Anfang vieles muss noch wachsen", sind sich die Frauen im Klaren. Für jedes Jahr haben sie sich etwas Neues vorgenommen. "Es brodelt in der Hexenküche", verraten Partyhex und Orgahex, wie Tanja Dreiseitel und Martina Votek unter ihren Hexenkolleginnen genannt werden. Was die Lenninger Hexa bisher alles auf die Beine gestellt haben, kann sich sehen lassen. Sie stürmten nicht nur das Rathaus, sondern schmückten in nächtlichen Aktionen und mit viel Liebe zum Detail den Marktplatz fasnetsgerecht mit buntbehängten Wäscheleinen. In diesem Sommer engagierten sie sich auch im Kinderferienprogramm, von dem die Kleinen begeistert waren. Vom Oberlenninger Marktplatz ging es über verschiedene Stationen zur Sulzburg. Dabei mussten Mutproben bestanden werden, wie beispielsweise echte Mäuse streicheln. Eine Flaschenpost musste ebenfalls aus der Lauter gefischt werden, denn darin war ein Zettel deponiert, der den weiteren Weg verriet. Außerdem versteht es sich von selbst, dass sich bei einer Hexenfeier auch der Burggeist zeigt und der Heimweg mit Fackeln in den Händen angetreten wurde.

Voller Schwung sind die Lenninger Hexa bereits in die neue Saison gestartet. Das Häs wurde, wie es die Tradition will, am vergangenen Samstag 11. 11. abgestaubt und dann wurde gefeiert. "Richtig los geht's aber erst am 6. Januar", erklärt Tanja Dreiseitel. Die Party-Hex findet aber bis dahin mit ihren Hexen-Kolleginnen mit Sicherheit noch jede Menge anderer Gelegenheiten, um es krachen zu lassen und ordentlich abzufeiern. Fotos: Jean-Luc Jacques

INFOWer mehr über junge Zunft wissen möchte, hat dazu unter www.lenninger-hexa.de die Gelegenheit.