Lokales

„Die Schulen können die Eltern nicht ersetzen“

Kultusminister Rau referierte auf Einladung des CDU-Stadtverbands Kirchheim-Dettingen in der Stadthalle über die „Qualitätsoffensive Bildung“

Kirchheim. „Wir sind Kirchheim. Mittendrin!“ – Der Slogan der CDU dominierte am Montagabend die orange geschmückte Stadthalle.

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irene strifler

Mittendrin in der Problematik der modernen Gesellschaft zeigte sich die Partei auch mit ihrem prominenten Gast, Kultusminister Helmut Rau. Mittendrin war man auch schnell in einer angeregten Diskussion über das, was Schule leisten kann, Politik leisten sollte und Eltern dringend leisten müss(t)en.

„Kinder sind unsere Zukunft – wir haben keine andere“ unterstrich CDU-Stadtverbandsvorsitzender Stefan Hägele eingangs die Brisanz des Themas und hieß dazu den Gast aus dem Landeskabinett willkommen. Der ehemalige Nürtinger Rau gewann die Zuhörer nicht nur aufgrund fachlicher Kompetenz für sich, sondern indem er gleich zu Beginn augenzwinkernd verriet, schon in Jugendjahren regelmäßig im Schutze der Dunkelheit die Kirchheimer Stadtgrenzen überschritten zu haben. . .

Helmut Rau, der seit 2005 das Kultusministerium des Landes leitet, verbreitete vor allem eines: Optimismus. Überzeugend strich er die Qualität des baden-württembergischen Bildungssystems heraus. „Die Frage des Aufstiegs durch Bildung ist nirgends so gut gelöst wie bei uns“, verwies er darauf, dass hierzulande stolze 45 Prozent der Hauptschulabsolventen auch noch die mittlere Reife aufsattelten. Neben den Niederlanden habe Baden-Württemberg die geringste Jugendarbeitslosenquote. Und warum? „Weil die Anschlüsse an die Schulen passen“, lobte Rau das eng verzahnte System, in dem berufliche Schulen eine entscheidende Rolle spielen. Die vergangenen zwölf Monate hätte gezeigt, wie schnell Sicherheiten zerfließen können. Gerade in Zeiten der Unsicherheit blieben Qualifikation und Bildung die wichtigsten Grundlagen für junge Leute.

Im Blick auf die Zukunft zeigte sich der Kultusminister ausgesprochen zuversichtlich: „Ich bin mir sicher, dass wir auf einem guten Weg sind“, leitete er zur Vorstellung der „Qualitätsoffensive Bildung“ des Landes über.

Dieses Maßnahmenpaket des Landes basiert auf vier Säulen. Die erste Säule stellt die Qualitätsentwicklung der Schulen dar. Unterrichtsqualität sei der Schlüssel zum Erfolg, betonte Rau. Aus diesem Grund werde der Klassenteiler in fünf Schritten auf 28 abgesenkt. Das erfordere die Einstellung von 5 500 neuen Lehrkräften und schlage finanziell entsprechend zu Buche.

Die zweite Säule beruht auf mehr Selbstständigkeit für die Schulen. Diese sollen mehr Freiräume und Verantwortung erhalten und sich Partner suchen in der Gesellschaft. Bildungsregionen, wie sie auch im Landkreis Esslingen entstehen sollen, fungieren dabei als Impulsgeber.

Die dritte Säule betrifft die Personalentwicklung. Rau nannte leistungsorientierte Bezahlung als wichtigen Anreiz für die Ausprägung und Motivation von Führungspersönlichkeiten. Pädagogische Assistenten unterstützten zudem die Lehrer.

Die vierte und letzte Säule besteht in der Weiterentwicklung der Hauptschulen zu Werkrealschulen. „Wir halten eine Schulart nicht am Leben, weil wir sie wollen, sondern weil wir den Schülern, die sie brauchen, eine angemessene Förderung geben wollen“, suchte der Minister mit einer weit verbreiteten Meinung aufzuräumen. Das sei auch eine Reaktion auf die für Eltern zentrale Frage „Wohin führt diese Schule?“. Die Antwort bestehe nun in der sechsjährigen Schule mit zwei Ausgängen – einer führt direkt zum Realschulabschluss, der in enger Verzahnung mit Betrieben und beruflichen Schulen erreicht wird.

Die Problematik der Hauptschulen war ebenso wie die Rolle der Eltern ein wichtiges Thema in der anschließenden lebhaften Diskussion, die von den CDU-Gemeinderatskandidaten Erich Sigel und Wilfried Veeser moderiert wurde. Manches landespolitische Ziel wurde dabei auf Tauglichkeit vor Ort abgeklopft. So kam aus Jesingen die Frage, ob denn Werkrealschulen künftig auch einzügig weitergeführt werden dürften. Rau schloss dies nicht aus, sofern gewisse Kriterien wie Mindestschülerzahlen erfüllt seien. Von anderer Seite kam der Vorwurf an das Schulsystem und die Lehrkräfte, dass schon Drittklässler aufgrund der frühen Auswahl unter dem Stempel „Hauptschüler“ litten. Der Minister sah hier eindeutig die Eltern in der Pflicht. Anstatt die Kinder zu stützen, machten sie diese geradezu verrückt mit der Frage, auf welche Schule sie wohl kämen. Wilfried Veeser bestätigte dies unter Verweis auf eigene Beobachtungen aus einem Kindergarten in der Region. Dort kreuzten schon vierjährige Dreikäsehochs mit T-Shirts auf, die die Aufschrift „Abi 2024“ trügen. – Für Veeser nicht nur ein Spaß, sondern klarer Ausdruck einer enormen Erwartungshaltung.

Insgesamt war ein großer Konsens zu spüren, dass die Eltern unbedingt mit ins Boot der Bildungsoffensive geholt werden müssen. Wie das gelingen kann, dafür gibt es verschiedene Rezepte. In seinem von Beifall begleiteten Schlusswort stellte der Minister klar: „Die Schulen können sich anstrengen, wie sie wollen – sie können die Eltern nicht ersetzen.“

Der Abend in der gut besuchten Stadthalle hatte zahlreiche Impulse gegeben, über die noch lange in kleineren Kreisen diskutiert wurde. – Allzu kontrovers dürfte es dabei nicht zugegangen sein, denn trotz Wahlkampfzeiten und der Aktualität des Themas hatten die überzeugten Gegner der Werkrealschule die Gelegenheit zum Schlagabtausch mit dem Minister nicht genutzt. Wie dies überwiegend bei Wahlveranstaltungen der Fall ist, war die CDU-Familie weitgehend unter sich.

Für den passenden musikalischen Rahmen sorgte ebenfalls ein Spross aus den eigenen Reihen, nämlich das bewährte Veeser-Duo.