Lokales

Die Schwäbische Savanne

Die Volunteergruppe „Naturschutzgebiet Teck“ will Lust auf Landschaft und Natur wecken (Vll)

„Wer mehr weiß, sieht mehr, schont und schützt.“ So heißt das Motto, unter dem die Volunteergruppe „Naturschutzgebiet Teck“ mit geführten Wanderungen für jedermann Lust auf Landschaft und Natur wecken will. Obstwiesen zur Blütezeit auf Bissinger Gemarkung sind Ziel der nächsten Veranstaltung am 20. April.

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RUDOLF THALER

Kirchheim. Entlang dem Albtrauf ist das Landschaftsbild von Streuobstwiesen geprägt, die sich an den ansteigenden Bergsockel legen. Bergauf folgt mancherorts eine schmale Zone Schafheide, am eigentlichen Steilhang dann der Laubwald. Am Teckberg sind 28 Hektar dieser Obstwiesen seit 1999 in das „Naturschutzgebiet Teck“ einbezogen. Ortsnahe Bereiche wurden schon früher als Landschaftsschutzgebiete ausgewiesen. So soll ein großflächiges Landschaftsgefüge besonderer Vielfalt, Eigenart und Schönheit erhalten bleiben. Anders als im Wald stehen die Bäume über die Fläche gestreut, was den Vergleich mit der Savanne herausfordert. Naturverbundene Menschen und Erholungssuchende fühlen sich davon zu allen Jahreszeiten angezogen.

Die Struktur dieser Landschaft verleitet auf den ersten Blick zu der Annahme, die heutigen Obstwiesen seien eine über Jahrtausende gewachsene Kulturlandschaft. Beschäftigt man sich genauer mit ihrer Entstehung, wird rasch klar, dass sie ein relativ junges Element in der Geschichte unserer Landschaft sind. Zur Zeit Karls des Großen breiteten sich veredelte Obstbäume in den damaligen Weinbergen aus. Daraus entfachte sich ein Jahrhunderte währender Konflikt zwischen Landesherren und Behörden einerseits mit den Untertanen andererseits: Obstbäume in Rebanlagen konnten durch Schattenwurf oder Ausbreitung der Wurzeln den Ertrag am Wein verringern, vollends wenn es sich um Walnussbäume handelte. Weil auch die Güte des Weins darunter litt, minderte dies infolge die Qualität und Menge des herrschaftlichen Zehnten. In vielen Dekreten dieser Zeit wird verkündet, dass sämtliche Obstbäume außer allenfalls zwei, aus den Weinbergen zu entfernen seien. Mancher Landmann widersetzte sich dieser Auflage: Anstatt die Bäume ganz zu beseitigen, sägte man sie nur teilweise ab und ermöglichte so den Neuaustrieb.

Der eigentliche Obstbau blieb im frühen Mittelalter auf Klostergärten, herrschaftliche Gärten und Weinberge, auf siedlungsnahe Bauerngärten und Hausgärten beschränkt. Äpfel und Birnen galten als Gartenfrüchte. In freier Landschaft gab es keine flächenhaft verbreiteten Obstbäume. Beispielsweise zeigt das Stifterbild der Weilheimer Peterskirche um 1523 eine nahezu baumfreie Limburg. Es war dann Herzog Christoph (1515–1568), der Württemberg den Obstbau in freier Landschaft verordnete. Der blieb zunächst klimatisch begünstigten Zonen wie dem Neckartal vorbehalten.

1596 hielt sich Johannes Bauhin, ein 1541 in Basel geborener Naturforscher, in Bad Boll auf. Als Leibarzt von Herzog Friedrich von Württemberg (1557–1608) hatte er den Auftrag erhalten, über die dortige, als wundertätig empfundene Quelle, zu forschen. 1598 erschien in lateinischer und 1602 in deutscher Sprache sein wissenschaftliches Werk über die Heilwirkung des Wunderbads. Bauhin beschreibt darin auch die in der Boller Umgebung vorgefundenen Obstsorten, Pflanzen, Vogelarten und Fossilien. Es sind dabei 49 Apfel- und 31 Birnensorten beschrieben. Darunter sind zwei Birnensorten, die heute noch in diesem Raum zu finden sind: die Palmischbirne (Böhmisch Byren) und die Pfundbirne (Pfuendich Byren). Nach Auffassung vieler Fachleute ist Bauhin der erste Pomologe überhaupt. Im 30-jährigen Krieg wurden viele der damaligen Obstanpflanzungen zerstört oder verkamen wegen mangelnder Pflege.

Unter der Herrschaft von Herzog Carl Eugen (1737–1793) kam der Obstbau in Württemberg wieder mächtig in Schwung. Der Herzog plante die Anlage einer Baumschule auf der Solitude, in der neben verschiedenen Gehölzarten auch „fruchtbringende Bäume“ für herzögliche Gärten und Landstraßen herangezogen werden sollten. Mit der Leitung dieser Baumschule betraute er den Hauptmann Johann Caspar Schiller (1723–1796), den Vater des Dichters Friedrich Schiller. Die Familie lebte von 1775 bis 1796 auf der Solitude und Johann Caspar setzte seine ganze Schaffenskraft ein für die Bereitstellung gut entwickelter Obstbäume zur Förderung der Landeswohlfahrt. Schon 1768 hatte er es so formuliert: „Die Baumzucht verschafft denjenigen, die sich damit bemühen, einen angenehmen Theil ihrer Nahrung. Sie gereichet zur Zierde eines Landes, zur Reinigung der Luft, zum Schutz und Schatten und hat überhaupt in vielen anderen Dingen ihren trefflichen Nutzen, zur Nothdurft, Lust und Bequemlichkeit des Lebens für Menschen und Thiere“. 1795 erschien sein Hauptwerk „Die Baumzucht im Großen aus zwanzigjähriger Erfahrung im Kleinen auf ihre Behandlung, Kosten, Nutzen und Ertrag beurtheilt“. Darin beschäftigt er sich auch mit der Düngung, dem Samenmaterial und mit den unterschiedlichen Methoden der Veredlung.

Die Erkenntnis, dass Obst einen wichtigen Beitrag zur Ernährung und Volksgesundheit leisten kann, führte in ruhigeren Zeiten zu zahlreichen Pflanzinitiativen. 1824 startete zum Beispiel in Bissingen das große Obstbauprogramm. 1826 standen auf Bissinger Gemarkung 769 Obstbäume, bis 1834 kamen weitere 1 135 Bäume hinzu. In der Oberamtsbeschreibung für das Oberamt Kirchheim aus dem Jahr 1842 berichtet der Finanzassessor Moser, dass in Bissingen 1838 die einzige ordentliche Baumschule des Oberamtsbezirks angelegt war.

Der nächste Entwicklungsschritt im württembergischen Obstbau ist gekennzeichnet durch die Ausweitung der fachlichen Bildung der Obstbauern. Dieser Abschnitt ist eng mit dem Namen und der Person von Eduard Lucas (1816–1882) verbunden, der ab 1837 Baumwartlehrgänge einführte. Lucas war von 1843 bis 1860 Leiter der Gartenbauschule Hohenheim, danach Direktor des Pomologischen Instituts in Reutlingen, das eine Außenstelle in Unterlenningen, die „Hopfenburg“, betrieb. Als 1880 dann der Württembergische Obstbauverband gegründet wurde, übernahm dieser wichtige Aufgaben in der obstbaulichen Betreuung.

Als um die Wende zum 20. Jahrhundert viele Rebflächen wegen Krankheits- und Schädlingsbefall aufgegeben wurden, bepflanzte man sie mit Obstbäumen. Der Erste Weltkrieg und dessen Folgen brachten dem heimischen Obstbau einen herben Rückschlag. Dann ging es wieder aufwärts. Die größte flächenhafte Ausdehnung wurde um 1940 bis 1945 erreicht. Bis dahin waren Hochstammobstbau und Doppelnutzung mit der Unterkultur Gras- oder Ackerland die gängige Anbauform in unserer Region. Mit der Verbesserung der wirtschaftlichen Situation ab 1950 ging gleichzeitig das Interesse am Selbstversorgerobstbau zurück. Hinzu kam, dass heimischer Erwerbsobstbau gegen ausländische Konkurrenz nur weiterbestehen konnte, wenn man marktgängige Sorten kostengünstig und mit ansprechender Qualität produzierte. So war auch für Baden-Württemberg ab 1957 das Zeitalter des Intensivanbaus eingeläutet. Mit 20 Millionen DM aus öffentlichen Mitteln wurde die Rodung unwirtschaftlicher Altbestände und die Pflanzung dichter Niederstammanlagen im Rahmen des „Generalplans für die Neuordnung des Obstbaus in Baden-Württemberg“ bezuschusst. Der Niederstammobstbau mit zunächst 500 Bäumen pro Hektar, wandelte sich über das Mehrreihensystem mit Spindelerziehung zur Superspindelanlage mit bis zu 10 000 Bäumen pro Hektar. Auf den Bissinger Gemeindeobstwiesen stehen vergleichsweise 55 Hochstammbäume pro Hektar.

Streuobstwiesen werden heute den artenreichsten Lebensräumen Mitteleuropas zugerechnet. Obstbäume sind eine Vielzahl von Individuen, die die Landschaft unvergleichbar beleben. Dies wird durch jahreszeitlich bedingte Unterschiede der Blütezeit, der Fruchtausbildung und der Laubfärbung noch gesteigert. Aufgrund der teilweise noch vorhandenen Sortenvielfalt stellen die Obstbäume obendrein ein wichtiges Genreservoir mit vielseitigen Erbanlagen dar. Wichtig ist auch ihre Umweltwirkung: Das Mikroklima wird günstig beeinflusst: Winde und Wärmestrahlung werden gemindert, der Luftaustausch wird gefördert und die Luftverunreinigung reduziert.

Streuobstwiesen sind außerdem wichtiger Lebens- und Rückzugsraum für viele Tier- und Pflanzenarten. Diese Funktion erfüllen sie nur, wenn sie auf größeren Flächen untereinander vernetzt sind. Gefördert wird dies auch durch extensive Bewirtschaftung. Bis zu 3 000 verschiedene Tierarten konnten in diesem Lebensraum beobachtet werden, darunter zahlreiche gefährdete Arten. Im Unterwuchs findet man verschiedene Ausbildungen der Glatthaferwiese, die bei wenig Düngung viele blühende Kräuter ausweist. So gibt es auch außerhalb der Obstblütezeit eine reiche Bienenweide.

Obstbäume sind keine Wild-, sondern Kulturgehölze. Sie sind deshalb auf eine ordentliche Pflege angewiesen. Diese Pflege sollte den artgerechten und gesunden Wuchs der Bäume unterstützen. Gesunde Bäume sind gegenüber Krankheiten und Schädlingen erheblich widerstandsfähiger. Wichtigste Pflegemaßnahme ist der fachgerechte Baumschnitt, der in Kursen erlernt werden kann. Von Bedeutung ist ferner, dass man auch die Nährstoffversorgung der Bäume kennt, die ausschließlich über eine amtliche Bodenuntersuchung zu erfahren ist. Bei Nährstoffmangel wird eine gezielte Düngung erforderlich. Zur Erhaltung gehört auch rechtzeitige Ersatzpflanzung für gerodete oder abgängige Bäume. Oft werden Grundsätze der Obstbaumpflege, die für unsere Vorfahren selbstverständlich waren, nicht mehr beachtet oder für nicht notwendig gehalten. Deshalb ist der teilweise desolate Pflegezustand vieler Streuobstbestände nicht verwunderlich. Der Erhalt der Streuobstwiesenlandschaft wird in Zukunft entscheidend davon abhängen, ob es gelingt, die Motivation zur Pflege der Bäume zu steigern. Aufpreismodelle für die Saftproduktion sind begrüßenswerte Initiativen. Außerdem bietet die Dachorganisation der Obst- und Gartenbauvereine Baden-Württembergs die Ausbildungsmöglichkeit zum „Fachwart für Obst und Garten“ an.

Mit der Ernte wird der Lohn für die Kulturarbeiten des laufenden Jahres eingefahren. Das geerntete Obst wird eingelagert oder verarbeitet. Einen besonderen Stellenwert nehmen Apfelsaft- und Mostherstellung ein. Ganz Findige haben die Herstellung von Schaumweinprodukten aufgenommen. Auch darf das vielfältige Angebot der verschiedenartigen Fruchtdestillate nicht vergessen werden. Wünschenswert wäre, dass die Produkte der verschiedenen Initiativen lokaler Vermarktung mit festgelegten Qualitätsstandards stärker nachgefragt würden. Beim Einkaufen kann jeder zum Erhalt der Streuobstwiesen beitragen.

Die Volunteergruppe veranstaltet am Sonntag, 20. April, um 9.30 Uhr eine Streuobstwiesenführung mit dem Titel „Blütenpracht am Teckberg“. Treffpunkt ist am Wanderparkplatz Hörnle. Weitere Information unter www.teckberg.de.