Lokales

Die Stachel des Todes

Totensonntag nennen wir den letzten Sonntag im Kirchenjahr. Mir ist der Name Ewigkeitssonntag lieber. "Tod, wo ist denn nun dein Stachel?" (1. Kor 15,55), so triumphiert der Apostel Paulus über das Sterben. Er verspottet die Macht des Todes. Denn er ist sich sicher: wie Christus von den Toten auferweckt worden ist, so werde auch ich das ewige Leben erlangen. Keine Spur von Trauer. Ich aber kenne die Stachel des Todes. Die einsamen Tage, die langen Abende allein, die schwarzen Nächte. Die Tränen der Enttäuschung, die Erschütterung über den ungeahnten Abschied. Entsetzen über den jähen Tod, Zorn über das Verlassenwerden.

Alle diese Stachel tun weh, sehr weh. Sie verdunkeln das Herz. Sie bohren Wunden in die Seele. Ein Wort nur, ein Gedanke, ein Bild kann sie wieder aufbrechen lassen. Und bringt allen Schmerz zurück.

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Totensonntag Ewigkeitssonntag: Der Gedanke an die Ewigkeit und ihre Unbegrenztheit bringt mein Lebensgefühl ins Wanken. Das kann Angst machen: "O Ewigkeit, du Donnerwort, du Schwert, das durch die Seele bohrt - Zeit ohne Zeit . . .", schrieb im 17. Jahr-hundert Pfarrer Johann Rist. Sollte ich deshalb die Ewigkeit für mich und meine Toten fürchten? "O Ewigkeit, du Freudenwort, das mich erquicket fort und fort", so hat ein anderer Liederdichter seinen Kollegen schon wenig später widersprochen. Und ich höre Paulus: "Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?" und frage: Paulus, warst du jemals wirklich traurig? "Selig sind die Trauernden, denn sie sollen getröstet werden", so Jesus.

Spür deine Trauer, spür deinen Schmerz. Sie sind das Band der Liebe zu den Deinen. Zünde eine Kerze an für sie, weine, wenn du magst. Trau dem Schein des ewigen Lichtes, lass Hoffnung dein Herz erfüllen. Gott hält dich fest wie die, um die du trauerst. Susanna Herr Pfarrerin an der Evangelischen Martinskirchengemeinde in Kirchheim