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"Die Strafe muss auf dem Fuß folgen"

Die Zahl junger Menschen, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten, steigt kontinuierlich an. Im vergangenen Jahr wurden im Landkreis Esslingen 1380 Jugendliche und Heranwachsende durch die Jugendgerichtshilfe betreut, das entspricht 3,6 Prozent der 14- bis 20-Jährigen.

ANKE KIRSAMMER

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KREIS ESSLINGEN "3,6 Prozent, das ist fast verniedlichend", sagte Landrat Heinz Eininger vor dem Jugendhilfeausschuss des Kreistags. Doch müssten die Zahlen differenziert betrachtet werden. Die Statistik sage nichts darüber aus, wie die Zahlen bei Kindern unter 14 Jahren aussehen, da sie noch nicht strafmündig seien, betonte der Kreisverwaltungschef. Er warnte in diesem Zusammenhang allerdings davor, die Jüngsten zu kriminalisieren. Zu denken gebe, dass die Täter immer jünger werden, so der allgemeine Tenor im Rund. Die Fallzahlen weisen deutlich nach oben. Waren es im Jahr 2001 noch 1320 Fälle, so musste sich die Jugendgerichtshilfe im Kreis Esslingen im vergangenen Jahr mit insgesamt 1588 Fällen befassen.

Nach wie vor ist Kriminalität ein Problem der Jungs. 82,8 Prozent der betreuten jungen Leute sind männlich. Der Ausländeranteil bei den Jugendgerichtshilfefällen liegt bei 30 Prozent.

Heinz Eininger machte beim Umgang mit straffälligen Jugendlichen einen Wandel aus. Habe man es in früheren Jahren erst mit verschiedenen Formen von Betreuung versucht, so wisse man heute: "Die Strafe muss auf dem Fuß folgen." Insgesamt sei der Kreis im Bereich der Jugendgerichtshilfe nicht schlecht aufgestellt.

Nahezu unverändert ist in den vergangenen fünf Jahren der hohe Anteil an arbeitslosen jungen Menschen in der Jugendgerichtshilfe-Statistik mit rund 33 Prozent. Viele kommen aus unvollständigen Familien. Auffällig ist der starke Anstieg an Eigentumsdelikten. Sie sind seit 1999 von 35,8 auf 41,3 Prozent im vergangenen Jahr angestiegen und stellen damit die Spitze dar. Gegenläufig ist die Entwicklung bei Verstößen gegen das Betäubungsmittelgesetz. Hier gibt es einen Rückgang von 39 Prozent im Jahr 2002 auf knapp 32 Prozent im Jahr 2004 zu verzeichnen. Nicht verändert hat sich die Zahl der Gewaltdelikte mit 12,6 Prozent. Da-runter fallen auch sämtliche Sachbeschädigungen wie beispielsweise Graffiti-Schmierereien. Mit 24 701 Stunden mussten junge Leute vergangenes Jahr 4 000 mehr Stunden an gemeinnütziger Arbeit verrichten als noch im Jahr zuvor.

Positiv streicht der Bericht heraus, dass die Staatsanwaltschaft bei Bagatelldelikten zunehmend auf förmliche Strafverfahren verzichtet und stattdessen auf Angebote der Jugendgerichtshilfe zurückgreift. Dazu wurden vermehrt Kooperationsprojekte beispielsweise mit der Polizei aufgebaut. Das inzwischen landkreisweit in Kirchheim, Esslingen, Filderstadt und Nürtingen angebotene Kaufhaus-Informationsprojekt (KIP) stellt statt der Bestrafung den erzieherischen Aspekt in den Vordergrund. In Zusammenarbeit mit den Jugendsachbearbeitern der Polizei und einem Vertreter des Einzelhandels wird den Jugendlichen verdeutlicht, wie sich Ladendiebstähle beispielsweise auf die Preiskalkulation von Warenhäusern auswirken. Unter Federführung der Jugendgerichtshilfe nahmen in Kirchheim von Oktober 1999 bis einschließlich September 2003 170 Jugendliche an diesem Kurs teil. Das "Ritzel-Projekt" ist konzipiert für Ersttäter zwischen 14 und 18 Jahren, die beispielsweise ihr Mofa frisiert hatten. In dem Bericht wird auch auf das Projekt FRED zur Frühintervention bei erstauffälligen Drogennutzern hingewiesen. Es richtet sich an Cannabis-Konsumenten in der Altersgruppe der 14- bis 20-Jährigen.

Sehr gut entwickelt hat sich der Täter-Opfer-Ausgleich, eine 1991 im Landkreis Esslingen eingeführte Form der außergerichtlichen Schlichtung. Waren es im Jahr 1999 noch 54 Fälle, so stieg die Zahl innerhalb von fünf Jahren auf 149 an.