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Die Suche nach den Resten der „basilica“

Rainer Laskowski sprach beim Kornhaus-Kolloquium über die Martinskirche als Forschungsaufgabe

Beim archäologischen Kolloquium im Kornhaus hielt Museumsleiter Rainer Laskowski einen Vortrag zum Thema „Die Kirchheimer ,basilica decimalis‘ als Forschungsaufgabe“. Nach eigener Aussage konnte er aber lediglich „mehr Fragen aufwerfen als Antworten geben“. Eine Forschungsaufgabe wird die Geschichte der Martinskirche also weiterhin bleiben.

Andreas Volz

Kirchheim. In der Erstnennungsurkunde aus dem Jahr 960, die nicht nur zur 1050-Jahr-Feier Kirchheims im Jahr 2010, sondern dadurch auch zum archäologischen Kolloquium Anlass gab, ist sowohl von „chiricheim“ als auch von einer „basilica decimalis“ die Rede. Für Kirchheims Museumsleiter Rainer Laskowski steht in diesem Zusammenhang zweifellos fest: „Die Martinskirche gab Kirchheim ihren Namen.“

Seinen Vortrag begann Rainer Laskowski mit drei historischen Ansichten, die aber allesamt wesentlich jünger sind als die Kirche selbst. Die ersten beiden stammen noch aus der Zeit vor dem Stadtbrand: die eine von Merian aus dem Jahr 1643 und die andere aus dem Kieserschen Forstlagerbuch von 1683/84. An beiden Ansichten Kirchheims fiel Rainer Laskowski auf, dass sie einen großen, gewaltigen Turm zeigen. Bei Merian ist dazu noch ein mächtiger Chor zu sehen. Das dazwischen liegende Kirchenschiff sei aber in beiden Fällen „mickrig“. Die dritte Ansicht, die aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stammt und auf der nur die Martinskirche zu sehen ist, warte dagegen mit einem „gewaltigen Hauptschiff“ auf.

Die Martinskirche ist Rainer Laskowski zufolge „in sehr unterschiedlichen Bauphasen erhalten“ und weist keine Einheitlichkeit auf. Hinzu kommen zwei wesentliche Umbauten in jüngerer Zeit: Die Gotisierung durch Heinrich Dolmetsch 1898/99 und die umfassende Renovierung von 1961 bis 1964. Beides hat jeweils gravierende Spuren hinterlassen und den historischen Bestand geschädigt, wenn nicht gar unwiederbringlich zerstört. Rainer Laskowski fand dafür deutliche Worte: „Man hat die historische Substanz den eigenen Vorstellungen untergeordnet.“

Das Innere der Martinskirche, wie es sich heute präsentiert, bezeichnete er gleichfalls als „das Ergebnis furchtbarer denkmalpflegerischer Arbeiten“. So seien etwa die Emporen herausgerissen und die Säulen erneuert worden. „Der Plattenboden ist eine weitere denkmalpflegerische Maßnahme, die man heute nicht mehr versteht.“ Der Abriss des „Archivanbaus“, einer zweigeschossigen Beinhauskapelle aus dem 15. Jahrhundert, war bereits 1957 erfolgt. Auch dieser Abriss hat dem historischen Gebäudebestand erheblich geschadet.

Bei den Ausgrabungen des Jahres 1963 habe es sich um die erste Grabung der Mittelalter-Archäologie des Landesdenkmalamts gehandelt. Als bedauerlich stufte es Rainer Laskowski ein, dass es von diesen Grabungen außer der Dokumentation keine Unterlagen mehr gibt: „Die Originaldokumente sind heute verschwunden.“ Aber eine Hoffnung hegt der Museumsleiter diesbezüglich noch: „dass man sie irgendwann als falsch abgelegt wieder finden kann“.

Grund für die Grabungen war der Einbau einer Warmluftheizung, wofür Bodeneingriffe notwendig waren. Dabei sind die Archäologen auf das Grab eines fränkisch-alamannischen Adligen gestoßen – eben jenes Mannes, dem Professor Dr. Horst Wolfgang Böhme in seinem Eingangsvortrag zum Kolloquium nun hypothetisch eine Frau auf dem Alamannenfriedhof im Rauner zugeordnet hat. Rainer Laskowski verwies seinerseits aber darauf, dass bei denselben Grabungen in der Martinskirche auch ein Frauengrab gefunden wurde, und dass es auch diese Frau sein könnte, die zu dem adligen Mann gehört.

Auf Fragen nach der 960 erwähnten „basilica decimalis“ allerdings gibt der Baubefund der Martinskirche keine konkreten Antworten. Gleichwohl hat Rainer Laskowski an der Nordwand Anzeichen zweier unterschiedlicher Bauphasen entdeckt. Demnach muss der obere Teil später erhöht worden sein. „Ich stelle mir das so vor“, sagte der Referent nun im Kolloquium: „Bis zum Aufsatz könnte es sich tatsächlich noch um das nördliche Schiff der ehemaligen Basilika handeln.“ Es bleibe aber die Frage, ob das wirklich noch aus der Romanik stammt. Möglicherweise seien auch einfach wieder die alten Steine benutzt worden.

Ein weiterer Befund Rainer Laskowskis bezieht sich auf „deutliche Fugen“ zwischen Turm und Kirche. Seine Schlussfolgerung lautet: „Der Turm und die romanische Basilika gehören nicht zusammen, der Turm ist ein eigenständiges Bauwerk.“ Damit ergebe sich aber ein neues Datierungsproblem und eine neue Frage: „Wann ist der Turm wirklich gebaut worden?“

Antworten auf so manche historische und archäologische Frage könnte natürlich auch der Chor der Martinskirche geben. Allerdings bezeichnete Rainer Laskowski diesen Chor weitgehend als „archäologische Wüste“. Dazu trage zum einen die Gruft der Franziska von Hohenheim bei. Zum anderen hätten die Heizungskanäle links und rechts der Gruft viel Substanz zerstört. „Wenn es archäologisch noch was im Chor gibt, dann im östlichen Teil“, meinte Kirchheims Museumsleiter und warf auch damit eher eine Frage auf, als dass er eine Antwort geben konnte.

Eine Antwort – wenn auch eine vage – gab Rainer Laskowski aber doch noch: In den Profilen, die 1963 entlang des Maueraufbruchs vom Boden des Hauptschiffs erstellt wurden, könnte es „an einer Stelle möglicherweise ein Pfostenloch geben“. Wenn dem so wäre, dann wäre dies ein Hinweis auf eine Holzkirche als Vorgängerbau der späteren Steinkirchen – was noch zu beweisen wäre.

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