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"Die Super-Nanny verletzt die Würde des Kindes"

WERNAU "Nein, das möchte ich nicht sein", sagt Barbara Spiller. Als Super-Nanny sieht sie sich überhaupt nicht. Auch wenn die Diplom-Sozialpädagogin aus Kirchheim genau in diesem Bereich arbeitet: Sie hilft Familien, gibt Elternkurse und

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REGINA SCHULTZE

berät beim Deutschen Kinderschutzbund in Erziehungsfragen. Was Bildschirm-Kollegin Katja in dieser Folge so macht, dem stimmt sie oft nicht zu. "Sie ist sehr autoritär. Und die Haltung der Mutter gegenüber finde ich nicht okay", sagt Spiller. "Sie stülpt ihr ihre eigenen Vorstellungen über und richtet sich nicht nach dem Tempo der Mutter. Außerdem redet sie der Mutter am Ende noch Schuldgefühle ein, weil die sich innerhalb einer Woche nicht um 180 Grad geändert hat." Von einer pädagogischen Vorgehensweise könne man hier nicht sprechen.

Völliges Chaos gleich in den ersten Sendeminuten: Der siebenjährige Michelle beschimpft seine Mutter, schlägt sie, legt volle Verweigerungshaltungen an den Tag und brüllt: "Verpisst euch, ihr Huren!" Zuschauer, die sich geschockt fragen, ob Kinder so sind, beruhigt Ursula Wiedmann, Vorstandsfrau des Kinderschutzbunds in Stuttgart. "Natürlich nicht. Der Junge ist verhaltensauffällig. Wenn das junge Leute sehen, überlegen sie es sich wahrscheinlich noch mal mit dem Kinderkriegen", sagt die Expertin für Trennungs- und Scheidungskinder lächelnd. "Die suchen fürs Fernsehen extreme Fälle aus, sonst würden sich nicht fünf bis sechs Millionen Zuschauer die Sendung angucken", meint Spiller.

Filmjunge Michelle lässt sich nicht anziehen, bewirft seine Mutter mit Spielgerät, traktiert sie mit Fußtritten. Und das alles, ohne dass sich die allein erziehende Nicole gegen den kleinen Tyrannen wehrt. Im Gegenteil: Sitzt der Siebenjährige er ist der älteste der vier Kinder stundenlang vor dem Computer, bedient sie ihn auch noch, bringt ihm ein Brot. "Hier finden keinerlei Essensrituale statt. Normalerweise isst man gemeinsam Abendbrot", kritisiert Spiller heftig. Nachdem sich in dem Fernseh-Haushalt alle den ganzen Tag über unkontrolliert aus den überall liegenden Süßigkeitentüten bedienen, essen, wann und was sie wollen, weiß Nicole nicht, ob es stimmt, wenn Michelle zur Schlafenszeit gebetsmühlenartig brüllt: "Ich hab Hunger! Ich hab Hunger!" Dass Kinder beim Zubettgehen äußerst kreativ verzögern können, weiß auch Ursula Wiedmann. "Ich würde sagen: Du hast die Zähne schon geputzt. Wenn du jetzt noch was isst, musst du die Zähne nochmal putzen. Ist es dir das wert?"

Unmöglich finden es beide Erziehungsexpertinnen, wenn die Nanny in Michelles Zimmer in die Kamera über den Jungen spricht, während er am Computer sitzt. "Auch wenn er nicht direkt zuhört, das spürt er. Damit verletzt sie die Würde des Kindes", sagt Spiller. Auch die nächste Szene ärgert die Pädagogin. Da bestärkt die Nanny die Mutter, es sei gut, sich für die Kinder aufzuopfern. "Für die Kinder da zu sein ist okay, aber sich aufzuopfern ist grundlegend falsch. Wichtig ist es für Eltern, auch gut für sich selber sorgen zu können. Wer das nicht kann, kann auch nicht gut für andere sorgen."

Die Nanny versucht, Ordnung in das Chaos der Familie zu bringen: Sie hat mit Nicole Regeln festgelegt, die auf großen Plakaten an die Wand gehängt werden. "Regeln sind gut, aber sie müssen gemeinsam ausgehandelt werden", sagen die Fachfrauen, "dann werden sie auch eher eingehalten."

Pascha Michelle denkt nicht im Traum daran, die Regeln anzunehmen: Kurz vor 22 Uhr schaltet er den PC ein, das Mutter-Nanny-Duo schafft den Apparat aus dem Zimmer. Doch auch das gefällt den Fachfrauen nicht. "Im Vorfeld sollte besprochen werden, welche Konsequenz auf einen Regelverstoß folgt. Dann müsste in der Nacht nicht mehr lange rumdiskutiert werden." Nachdem Michelle bislang keine Konsequenzen für seine Umtriebe tragen musste, wird er immer aggressiver, greift sogar zum Messer. Und siehe da: Erstmals setzt sich die Mutter durch, wird deutlich in Tonfall und Körperhaltung, schreit: "Raus aus der Küche!" Das bringt ein dickes Lob der Nanny. Auch wenn Regeln und Strukturen sehr wichtig sind im Familienbetrieb, so sind sie nur ein kleiner Teil von dem, was Erziehung ausmacht. "Die Beziehungsebene wird vollkommen vernachlässigt", kritisieren die Fachfrauen. Um die Grundbedürfnisse des Kindes nach Liebe, Anerkennung und Vertrauen gehe es nicht. "Es wird auch nicht hinterfragt, warum der Junge so verhaltensauffällig ist", sagt Wiedmann. Deutlich wird nur, dass er seinen Papa vermisst. Ob er Kontakt zu ihm hat, bleibt offen. Sinnvoll könnte sein, den Umgang mit dem Vater oder einer anderen männlichen Bezugsperson herzustellen. Mit der Mutter müsste man Strategien entwickeln, wie sie Probleme lösen kann, und mit ihr Ziele erarbeiten. "Man müsste sie fragen, was wäre denn für dich eine harmonische Familie?", sagt Barbara Spiller. In der TV-Familie fehlen gemeinsame Unternehmungen, Spiele, Bastel- und (Vor-) Lesestunden sowie gemeinsame Pläne für die Freizeit.

Die Super-Nanny konnte Nicole die wie alle TV-Familien 2000 Euro bekam nicht recht von ihren Methoden überzeugen. "Das Fatale ist, es wird vermittelt, dass in 14 Tagen so ein Chaos geheilt werden kann", meint Spiller. "Profis gehen manchmal zwei Jahre in die Familien", ergänzt Wiedmann. Trotz Kritik an der Sendung finden beide: Das Thema Erziehung gehört in die Medien. Eben nicht so, wie es RTL macht. Als kritisch bewerten die Expertinnen, wenn Eltern und Schulkameraden Michelle im Fernsehen sehen und von der Nanny hören, dass sie "so einen katastrophalen Zustand in einer Familie noch nie erlebt" habe. Wobei Wiedmann Eltern ermuntert: "Hilfe anzunehmen ist keine Schwäche, sondern Stärke!" Seriöse Hilfe geben Jugendamt, Beratungsstellen, der Kinderschutzbund und andere.

INFODas Elterntelefon des Deutschen Kinderschutzbundes ist kostenlos und anonym unter der Nummer 0800/1 11 05 50 Montag und Mittwoch von 9 bis 11 Uhr, Dienstag und Donnerstag von 17 bis 19 Uhr zu erreichen. Die Super-Nanny läuft auf RTL, Mittwoch, 20.15 Uhr.