Lokales

Die Sympathien der Senioren hat Lord auf seiner Seite

KIRCHHEIM "Lord vom Mississippi" steht in den Papieren. Einfach "Lord" wird der braune Boxer gerufen. Von Hochnäsigkeit oder eitlem Gebaren angesichts dieses "adligen" Namens ist jedoch nichts zu spüren: Wer auf den betagten Boxerherrn

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BIANCA LÜTZ

trifft, wird schwanzwedelnd und freundlich empfangen. Den Menschen in seiner Umgebung weicht der zwölfjährige Lord kaum von der Seite egal, ob er sie schon lange kennt oder gerade zum ersten Mal getroffen hat. Mal stupst er sie, um Streicheleinheiten zu ergattern, mal schmiegt sich ganz eng an ihre Beine oder er platziert seine Schnauze ganz einfach auf ihrem Schoß.

"Der Hund ist ein Partner ersten Ranges", schwärmt Lords Frauchen Karin Eul und klopft ihrem bulligen Vierbeiner den Rücken. Seit 42 Jahren hält die Kirchheimerin Hunde immer Boxer. Lord ist mittlerweile der Sechste und seinem Frauchen zufolge ein ganz besonderes Exemplar: "Er hat die Begleithundeprüfung und eine Schutzhundeausbildung", erzählt sie. Darüberhinaus stand der Boxer in jungen Jahren bei zwei Ausstellungen ganz oben auf dem Treppchen und verfehlte den Ruhm des "deutschen Champions" nur um Haaresbreite. "Einfach sagenhaft", erinnert sich die 61-Jährige stolz. Am entscheidenden Wettbewerb konnten Herrin und Hund dann allerdings aus gesundheitlichen Gründen nicht teilnehmen. Ohnehin sind es weniger die Urkunden und Siege, die Karin Eul so sehr an ihrem Vierbeiner schätzt, sondern vielmehr dessen gutmütigen Charakter und Qualitäten als ständiger Begleiter und Beschützer: "Lord ist mein bester und treuester Freund", versichert sie nachdrücklich.

"Als ich noch berufstätig war, hatte ich viel mit Menschen zu tun und musste den ganzen Tag reden", erinnert sich Karin Eul an ihre Zeit als Inhaberin eines Autohauses im westfälischen Hagen. Ihre Hunde damals waren es noch zwei begleiteten sie tagsüber ins Büro und zogen abends in aller Ruhe mit ihrer Besitzerin durch die Wälder: "Da fiel der ganze Stress des Tages von mir ab und ich konnte wieder klar denken."

Als Karin Eul dann vor drei Jahren nach Kirchheim umzog, war Lord stets bei ihr und erleichterte der seit zehn Jahren Alleinstehenden den Start in der neuen Umgebung. "Es vergeht kein Tag, an dem mich nicht jemand des Hundes wegen anspricht", freut sich die 61-Jährige darüber, dass der Boxer für zahlreiche Kontakte und Gespräche sorgt. Mit dem Vierbeiner an ihrer Seite machte sich die frisch Zugezogene immer wieder guten Mutes auf zu stundenlangen Spaziergängen auf der Schwäbischen Alb und erkundete die neue Umgebung auf eigene Faust.

Aber nicht nur für seine Herrin erweist sich Lord immer wieder als loyaler Partner, auch für zahlreiche andere Menschen in Kirchheim ist er mittlererweile viel mehr als einfach nur ein Hund. Seit etwa zwei Jahren besucht Karin Eul zusammen mit Lord die Senioren im Altenzentrum Sankt Hedwig. "Da sind viele dabei, die früher auch Tiere hatten", weiß die Hundeliebhaberin, die auch das Kulturcafe Sankt Hedwig betreut, und freut sich über die positive Wirkung ihres Vierbeiners auf die alten Menschen. "Den Senioren ist die Freude so richtig anzusehen", erzählt sie, dass der kräftige Hund die Sympathien immer auf seiner Seite hat. "Die meisten haben überhaupt keine Angst, sondern fangen an, von früher und von ihren eigenen Tieren zu erzählen." Zwar kommen Lord und sein Frauchen schon mehrmals die Woche ins Altenzentrum nach dem Geschmack einiger Bewohner dürften die Besuche aber ruhig noch öfter stattfinden. "Eigentlich könnte ich jeden Tag mehrere Stunden lang dort verbringen", erzählt Karin Eul lachend.

Zu den Senioren, die regelmäßig Besuch von Lord bekommen, gehört auch Emmi Zindel. "Ich hab ja sonst keine Menschenseele mehr", sagt die alte Dame, die seit dem Tod ihres Mannes im vergangenen Herbst in Sankt Hedwig wohnt. Sie schließt den kräftigen Hund in ihre Arme, krault ihm das Fell und redet ruhig auf ihn ein. Lord genießt die Streicheleinheiten und hält ganz still. Die Kontaktaufnahme macht er den alten Menschen leicht, denn stets tut er den ersten Schritt: "Er sucht immer die Nähe der Menschen", weiß sein Frauchen.

Lords Fähigkeiten haben sich offenbar bereits herumgesprochen. Vor kurzem hat Karin Eul ein Angebot von einem weiteren Seniorenstift in Kirchheim erhalten: Auch dort soll sie künftig zusammen mit ihrem Boxer älteren Menschen Besuche abstatten. Auf die neue Aufgabe freut sich 61-Jährige schon: "Für die alten Leute mache ich das einfach gern", sagt Karin Eul, deren zweitliebste Freizeitbeschäftigung es ist, sich mit Senioren zu beschäftigen den ersten Platz allerdings belegt unangefochten Boxerrüde Lord.

INFOZwischen Menschen und ihren Haustieren besteht oftmals eine ganz besondere Bezie-hung. In der Serie "Mensch & Tier" stellt der Teckbote Leute aus der Region zusammen mit ihren tierischen Lieblingen vor und be-leuchtet deren Verhältnis zueinander.