Lokales

Die "Totgeburt" und der kleine Halsbandschnäpper

Die Mehrheit des Bissinger Gemeinderats sprach sich in jüngster Sitzung dafür aus, drei Bereiche auf der Gemarkung der Seegemeinde aus dem von der EU geforderten Vogelschutzgebiet herausnehmen zu lassen.

RICHARD UMSTADT

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BISSINGEN Die Bissinger Ratsmitglieder waren sich nicht ganz sicher, ob der schützenswerte Halsbandschnäpper im Clinch mit Bahnchef Mehdorn liegt oder dem kleinen Vögelchen der rasende Hirsch von ICE, der einst entlang der Autobahn gen München donnern soll so die große Koalition es will jetzt schon dermaßen Angst einjagt, dass es die geplante Trasse meidet wie der Teufel das Weihwasser. Dies jedenfalls wollen die vom Land beauftragten Ornithologen den Gemeinden weismachen. Seltsamerweise zeichnet sich die Hochgeschwindigkeitstrasse als weißer Streifen in der vom Land gezeichneten Vogelschutzgebietskarte aus, was die Bissinger doch sehr verwunderte. Noch mehr erstaunt waren sie darüber, dass der Piepmatz offensichtlich Weinbauern hasst, denn auch im Remstal mussten keine Gebiete zu seinem Schutze ausgewiesen werden. Es gibt ihn dort nicht. Offensichtlich stört den sensiblen Zugvogel das Geballere in den Weinbergen.

Doch entlang des Albtraufs im Landkreis Esslingen, da fühlt sich das kleine Kerlchen wohl. Etwa auf Bissinger Gemarkung, dort, wo das Streuobst gedeiht. Oder sollte man besser sagen, noch gedeiht. Denn Siegfried Nägele, als Land- und Forstwirt fachkundiger Bürgervertreter und einer der Vorsitzenden des Kreisbauernverbandes, malte das Bild eines sterbenden Erwerbszweiges in einer sich wandelnden Kulturlandschaft in düsteren Farben. "Wir können die Zeit nicht anhalten", machte er auf die ständig sich verändernden Umwelt- und Klimabedingungen aufmerksam. Was sich vor rund 150 Jahren in Heller und Pfennig auszahlte, nämlich Obstbäume statt Weinreben zu pflanzen, rentiert sich heute nicht mehr. "Wir können den Zerfall des Streuobstbaus nicht mehr aufhalten", war sich Nägele sicher. Ebensowenig könne er staatlich verordnet werden. "Das verschlingt Unsummen".

Und weil der Streuobstbau allen prämierten naturtrüben heimischen Apfelsäften zum Trotz einem sterbenden Ast gleichkommt, und damit allmählich auch dem Halsbandschnäpper die Lebensgrundlage entzogen wird, nannte Siegfried Nägele aus fachlicher Sicht das Vogelschutzgebiet eine "Totgeburt". "Das ist eine Art Momentaufnahme und die ist zu statisch, die greift zu kurz, ist nicht besonders intelligent". Freilich war auch ihm klar, dass die Brüsseler Verordnung kommt "drübergestülpt" über die ohnehin bereits vorhandenen Schutzgebiete.

Bissingens Bürgermeister pochte auf eine finanzielle Anerkennung des Gesetzgebers zum Ausgleich für den Erhalt der Vogelschutzgebiete. "Wir wissen allerdings noch nicht, wofür Gelder aus Brüssel kommen werden".

Für Gemeinderat Rainer Merkle war es fraglich, ob der monetäre Ausgleich der EU für betroffene Gemeinden den Gewerbesteuerverlust wett macht, der in die Gemeindesäckel Löcher reißt, wenn Firmen mangels neuer Gewerbegebiete abwandern müssen. Er sah vor allem die kleinen Kommunen im "Würgegriff" des Vogelschutzgebiets. "Es kann nicht sein, dass ein paar kleine Gemeinden die Hauptlast im Lande tragen", wetterte er und empfand das Ganze "überzogen".

78 Prozent der Bissinger Gemarkung liegen bereits jetzt schon unter einer naturschützenden Käseglocke oder gehören dem Fauna-Flora-Habitat an. Das EU-Vogelschutzgebiet nimmt nun die Seegemeinde in die Zange und rückt an die Wohngebiete heran, weshalb Verwaltung und Bürgervertreter mehrheitlich den Inline-Skater-Platz in den "Laubwiesen", die "Hagen- und Haldenäcker" sowie "Äckerwengert II" herausgenommen wissen wollen.

INFODie genaue Karte des geplanten EU-Vogelschutzgebietes auf Bissinger Markung mit allen Gebieten kann im Rathaus in der Vorderen Straße eingesehen werden. Bis 31. Januar können dazu Bürger und Grundstücksbesitzer Stellung beziehen.