Lokales

"Die Unterstützung darf sich nicht auf das Putzen beschränken"

Die Menschenwürde ist unantastbar: Die Freiheit des Einzelnen geht sogar soweit, dass dieser das Recht auf Verwahrlosung hat. Doch wie weit darf diese gehen? Wann können oder müssen Angehörige oder Nachbarn einschreiten, und wie tun sie dies am besten? Die Auftaktveranstaltung zur Kirchheimer Reihe "PflegeKultur" im Wächterheim, moderiert von Ruth Hamberger vom Verein buefet, gab hilfreiche Antworten.

PETER DIETRICH

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KIRCHHEIM Bei Roman Voronenko war jeder Finger am rechten Platz in diesem Fall auf den weißen und schwarzen Klaviertasten. Denn Voronenko erfreute die rund 40 Besucher zu Beginn mit einem kleinen, aber feinen Klavierkonzert. Will doch die neue Vortragsreihe nicht nur den Alltag von Pflegenden erleichtern, sondern auch mit Kultur den Geist und die Seele erfreuen.

Wie es aussehen kann, wenn in einer Wohnung nicht mehr alles an seinem Platz ist, darin gab Hansjörg Schaude vom Sozialpsychiatrischen Dienst für alte Menschen (SOFA) einen lebendigen Einblick. Verwahrlosung besteht für ihn im "Mangel an Fürsorge für sich selbst, von außen und für Dinge". Schaude unterscheidet drei Typen verwahrloster Wohnungen: Bei Typ 1 sammle ein Bewohner scheinbar wertlose Gegenstände, dennoch seien eine gewisse Ordnung und ein System erkennbar. Bei Typ 2 sei dies nicht mehr der Fall, dennoch sei ein kleiner, wohnlicher Platz erhalten, zum Beispiel am Küchentisch oder auf der Couch vor dem Fernseher. Küche und WC seien oft noch intakt, es gebe keine üblen Gerüche, es handle sich um "trockene Verwahrlosung". Schockierend hingegen die Beispielfotos, die Schaude von Typ 3 zeigte: Hier sind Küche, WC und Bad nicht mehr in Funktion oder Gebrauch, befinden sich Speisereste und Exkremente auf dem Boden, herrscht ein ekelerregender Geruch. Hier spiegle der äußere Zustand der eigentlich unbewohnbaren Wohnung den inneren Zustand des Bewohners wider.

Die Ursachen von Verwahrlosung könnten sehr verschieden sein, ihr könne eine Störung des Selbstgefühls zugrunde liegen oder auch das Wegfallen der Struktur nach einem plötzlichen Eintritt in den Ruhestand. Verlusterlebnisse, ob den Lebenspartner oder die Heimat betreffend, könnten genauso verwahrlosende Folgen haben wie versäumte Trauer. Ein Gefühl der akuten Bedrohung kann dazu führen, dass sich ein Mensch nicht mehr auf die Straße traue und sich stattdessen in seiner Wohnung verbarrikadiere. Seine Scham wegen der Zustände in seiner Wohnung führe bei manchem Bewohner dazu, dass er niemanden mehr hereinlasse, die emotionale Verarmung gehe somit weiter. Die Einschätzung von Verwahrlosung, betonte Schaude, sei vom Betrachter abhängig, von dessen Bewertungsmaßstäben und dessen Schichtzugehörigkeit. Er versuchte, Ängste vor Erkrankungen zu zerstreuen: "Die Verbreitung übertragbarer Krankheiten durch Verwahrlosung allein ist eher unwahrscheinlich."

Eine Einschätzung, die Barbara Groß, seit 1992 beim Gesundheitsamt in Esslingen tätig, teilte: "Sich anzustecken ist eine große Kunst. Wir waren in vielen verwahrlosten Wohnungen, weder ich noch meine Kolleginnen haben uns je etwas geholt." Ihre Behörde sei beratend tätig und für Aktionen auf einen konkreten Auftrag, zum Beispiel des Ordnungsamtes, und eine gesetzliche Grundlage angewiesen. Wohnraum dürfe nur zur Gefahrenabwehr betreten werden. Das Gesundheitsamt dürfe wegen unhygienischer Zustände in Gemeinschaftseinrichtungen tätig werden, nicht jedoch im Privatbereich. Das Unterbringungsgesetz gelte nur bei psychisch kranken Menschen. "Wir begutachten, handeln müssen andere", fasste Groß einschränkend die Funktion ihres Amtes zusammen.

Was kann der Angehörige oder Nachbar tun? "Nicht als erstes den Müll und das Chaos beseitigen", warnte Schaude, denn diese würden von den Betroffenen als Stütze empfunden. Wichtig sei, zuerst Selbst- und Fremdgefährdung auszuschließen, zum Beispiel die vom Herd ausgehende Brandgefahr. Dann gelte es, Zugang zum Bewohner zu suchen und schrittchenweise den Müll abzubauen: "Ich lasse mir von Betroffenen gerne eine Tüte Altpapier schenken." Eine Gefahr bestehe daran, das Helfen auf das Putzen zu reduzieren. Schaude rät dringend, sich Verbündete zu suchen und mit ihnen die Verantwortung zu teilen.

"Man kann niemanden aus dem Verkehr ziehen, nur weil er sich sonderlich verhält", unterstrich Notar und Vormundschaftsrichter Kurt Lütze, der die rechtliche Seite des Themas erläuterte. Bevor ein Betreuer bestellt werden könne, sei ein medizinisches Gutachten nötig, sowie Gespräche mit den Angehörigen und dem Betroffenen in seiner gewohnten Umgebung. Um später "Bürokratismus und viel Ungemach" zu vermeiden, empfahl Lütze eine Vorsorgevollmacht. "Das ist noch wichtiger als ein Testament", betonte er denn entgegen der weitläufigen Meinung könnten Ehepartner oder Kinder im Ernstfall nicht automatisch für den anderen entscheiden.

Eines machte die Veranstaltung deutlich: Patentrezepte gibt es nicht. Manchmal ist eher beiläufiges Reden gefragt, etwa wenn Kinder ihre älteren Eltern ohne Kränkungen auf Putzbedarf aufmerksam machen wollen. In anderen Fällen hingegen muss entschieden gehandelt werden. "Bei starker Suizidgefährdung", so Barbara Groß zu den Zuhörern, "müssen Sie die Polizei holen."

Als nächste Veranstaltung in der Reihe "PflegeKultur" wird am 1. Februar um 18 Uhr im Stadtkino Kirchheim der Film "Mein Vater" mit Götz George gezeigt. Im Anschluss an den Film gibt es ein Gespräch mit Fachleuten.