Lokales

Die Vorburg hält sich noch verborgen

Öffentliche Führung zum Abschluss der Grabungen auf der Limburg stößt auf großes Interesse

„Suchet, so werdet ihr finden“ – für die Archäologen, die in den vergangenen vier Wochen an der Limburg gegraben haben, sollte sich dieser Spruch als zweideutiges Orakel erweisen: Gefunden haben sie sehr viel, aber eben nicht unbedingt das, wonach sie gesucht haben.

Weilheim. Gesucht hatten die Studenten der Universität Tübingen unter der Leitung von Anke Scholz nach Mauerresten, die auf eine Vorburg verwiesen hätten. Die Vorburg ist Bestandteil des Idealtyps einer Burg. In ihr waren einst die Wirtschaftsgebäude untergebracht, die zur Versorgung der Burgbewohner mit täglichem Bedarf unabdingbar waren. Gefunden haben die Archäologen bei ihrer Lehrgrabung im nördlichen Teil des Ringplateaus unterhalb des Limburg-Gipfels aber keine Mauer, sondern nur eine „wallartige Struktur“. So zumindest drückte es Grabungsleiterin Anke Scholz vorsichtig aus, als sie am Donnerstagabend mehr als 100 interessierte Besucher über die Grabungen und die Funde informierte.

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Überhaupt war Anke Scholz – wie es wissenschaftlicher Tugend entspricht – sehr zurückhaltend mit endgültigen Aussagen über die Funde. Dafür wäre es zum Abschluss der Grabungen auch noch viel zu früh gewesen. „Ein negativer Befund ist auch ein Ergebnis“, bemerkte sie und stellte damit fest, dass sie und ihr Team selbst in dem „Schnitt“ am äußersten Rand des Plateaus keine Hinweise auf eine Mauer oder eine sonstige Hangbefestigung gefunden haben.

Und auch der erwartete Aufschluss über die Zeit, in der Bertold I. auf der Limburg saß, lässt sich nicht gerade durch ein Übermaß an Fundstücken gewinnen. Was die Keramik betrifft, sprach Anke Scholz von einer „Fundlücke genau im Hochmittelalter“. Immerhin aber fanden sich verschiedene Hufnägel und damit auch Hinweise auf „Wellenrandhufeisen“, was die Grabungsleiterin als hochmittelalterlich beziehungsweise bur­genzeitlich einordnete.

Ein kleines Stück Schlacke wiederum spricht für Anke Scholz dafür, dass es an der Grabungsstelle mit den vier Schnitten eine kleine Schmiede gegeben haben könnte – „zur Versorgung des Bedarfs auf der Burg“. Eine einstige Verhüttung dagegen komme nicht in frage. Dafür sei der Schlackenfund nicht groß genug gewesen. Aber wenigstens könnte der Hinweis auf eine Schmiede auch ein Hinweis auf die gesuchte Vorburg sein – selbst wenn Anke Scholz jetzt nach dem Ende der stichprobenartigen Grabung die Vorburg eher südlich des Limburg-Gipfels vermutet.

Die wichtigsten Keramikfunde sind Anke Scholz zufolge spätmittelalterlich oder frühneuzeitlich. Es sind mehrere Stücke, die zu einem Gefäß gehören, das wohl einmal ein Henkeltopf gewesen sein dürfte. „Leider haben wir keine Randscherben gefunden“, bedauert die Grabungsleiterin. Durch Scherben vom Rand des Gefäßes hätten sich die Eigenarten und damit auch Hinweise zur genaueren Datierung der Keramik ablesen lassen. Dennoch geben diese Scherben Auskunft über die Nutzung der Limburg, als es die Burg längst nicht mehr gab. Bis zur Reformation stand dort nämlich eine Kapelle, die dem heiligen Michael geweiht war. Menschen haben also zu allen Zeiten ihre Spuren auf dem Berg hinterlassen. Selbst Funde aus jüngster Zeit sind unter dem Grasboden zutage getreten: der Boden einer verrosteten Getränkedose und die kegelförmige Kunststoffspitze einer Silvesterrakete.

Ein Dachziegel mit typisch grüner Glasur passt für Anke Scholz sehr gut in die Umgebung der Limburg, wo sich solche Ziegel öfter an Kirchen nachweisen lassen. Für welches Gebäude der Ziegel aber einmal verwendet worden war, lässt sich bislang ebenso wenig sagen wie es derzeit eine Antwort auf die Frage nach den Schieferfunden gibt. „In recht rauen Mengen“ sei Holzmadener Ölschiefer gefunden worden, berichtete Anke Scholz. Als Material für Schindeln sei dieser Schiefer allerdings ungeeignet, weil er zu weich ist. Die Frage, wofür dieser Schiefer also verwendet wurde, bleibt zunächst unbeantwortet. Und das gilt auch für die Frage nach der Herkunft einer anderen Schieferart. Diese sei sandiger und stabiler als der Holzmadener Schiefer und deswegen tatsächlich als Schindelmaterial verwendet worden. Das zeigen Löcher an den Fundstücken, und das zeigt auch ein passender Nagel, der in der gleichen Schicht gefunden wurde.

Ein ähnlicher Fund – wenn auch aus einer anderen Schicht und aus einer anderen Zeit – war es, der Anke Scholz ein dickes Lob an ihre Studenten aussprechen ließ: ein kleiner Nietstift oder Nagel aus Bronze, der beim Graben leicht hätte übersehen werden können. Bei diesem kleinen archäologischen Schatz handelt es sich um einen eindeutig frühgeschichtlichen beziehungsweise vormittelalterlichen Fund. Außer durch dieses Bronzestück haben die Ar­chäologen nun auch anhand entsprechender Keramikfunde „definitiv eine vormittelalterliche Besiedlung nachgewiesen“.

Vier Pfostenlöcher, die in einem der vier Schnitte nachzuweisen waren, haben die Wissenschaftler drei verschiedenen Schichten und damit auch drei verschiedenen Epochen zugeordnet. Die ältesten dieser Löcher würde Anke Scholz „vorsichtig ins Spätmittelalter“ einsortieren. Aber zu welchem Zweck an dieser Stelle immer wieder Pfosten bis zum geologischen Untergrund eingerammt worden waren, lässt sich ebenfalls noch nicht sagen.

Eine weitere Erkenntnis, die jetzt auch archäologisch endgültig nachgewiesen wurde, ist die, dass das gesamte Plateau unterhalb des Gipfels nicht natürlich entstanden ist, sondern durch Menschenhand. Die „Terrasse“ wurde einerseits eingeebnet und andererseits aufplaniert. Bis zu 1,60 Meter betragen die Auffüllungen, sodass Anke Scholz zu dem Schluss kommt: „Da ist ordentlich Erde bewegt worden.“

Weitaus weniger, aber immer noch ganz schön viel Erde haben Anke Scholz und ihre

Studenten in den vergangenen vier Wochen bewegt. Sichtbar sollte davon aber nichts zurückbleiben. Denn als das Grabungsteam der Universität Tübingen ges­tern seine Zelte abgebrochen hat, wurden auch die vier Schnitte, die jeweils vier Quadratmeter groß waren, sorgfältig wieder mit den ausgegrabenen Schichten verfüllt.

Eine weitere Grabung auf der Südseite unterhalb des Gipfels kann sich Anke Scholz sehr gut vorstellen. Bevor es dazu aber kommen könnte, müssten wieder das Landesdenkmalamt und die Naturschutzbehörde zustimmen. Eine weitere Schwierigkeit künftiger Grabungen wäre die Finanzierung. Eine Lehrgrabung wie in diesem Jahr wird es an der Limburg so schnell nicht mehr geben. Anke Scholz müsste sich also auch noch auf die Suche nach Sponsoren begeben.

Aber unabhängig davon, wie es weitergeht, bleibt zu hoffen, dass es den Funden und der späteren Auswertung besser ergehen wird als denjenigen, die 1913/14 auf dem Gipfel der Limburg ausgegraben worden waren. Direkt im Anschluss an die damalige Grabung brach der Erste Weltkrieg aus, sodass es plötzlich ganz andere Sorgen gab als die ar­chäologischen Funde auf der Limburg. Seit dem Zweiten Weltkrieg schließlich ist die Dokumentation verschollen. Sie ist wahrscheinlich in Stuttgart verbrannt. Letzteres zumindest kann den aktuellen Funden nicht passieren: Sie landen Anke Scholz zufolge „mittel- bis langfristig“ im Zentralen Fundarchiv in Rastatt.