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"Die Weintrinker sind ein geselliges Völkchen"

Länger als ein Jahr dauerten ihre Aufenthalte bei den ersten Hotel- und Gastronomieadressen Deutschlands nie. Was man in jungen Jahren versäumt, kann man schlecht nachholen, weiß die 22-jährige Sonja Schollenberger. Mit 17 hat die Nürtingerin sich für das Leben in der Gastronomie entschieden, die Gourmetrestaurants waren ihr Ziel.

MATTHIAS EBERSPÄCHER

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NÜRTINGEN Über Wichtigtuer unter den Sommeliers, 16-Stunden-Schichten in Top-Hotels, schlechte Laune und das gesellige Volk der Weintrinker erzählte die Gewinnerin des Juniorenpreises beim Wettbewerb Deutscher Wein.

Eigentlich wollte sie Musicaldarstellerin werden. Sieben Jahre spielte sie im Naturtheater in Grötzingen, nahm Gesangsunterricht, sang in der Jungen Oper in Stuttgart und war schon an der Hochschule in München angelangt. Dann kam die Zusage des Hotels am Schlossgarten in Stuttgart für ihre Ausbildung zur Hotelfachfrau. Sie spezialisierte sich auf den Beruf eines Sommeliers, eines Weinkellners.

"Bis zu meinem achtzehnten Geburtstag wollte ich eigentlich nie einen Tropfen Alkohol probieren", erinnert sich die Weinkennerin. Ihr erstes Glas Wein trank sie in der Ausbildung, ein guter Port, wie sie noch weiß. "Ich konnte mich schnell damit anfreunden."

Hatte sie Talent zur Weinkennerin? Man braucht nur minimales Talent. Durch lebenslanges Probieren kann man alles lernen", ist ihre Devise. Was sie so sagt, nimmt sie sehr ernst. Zwei freie Tage pro Woche stehen ihr theoretisch zu. Von wegen! "Ich habe einen Fulltime-Job, ein Leben, das sich um den Wein dreht", sagt die Vollblut-Sommelière. An freien Tagen besucht die Nürtingerin häufiger Winzer und Weingüter als ihre Eltern. Weinreisen gehören nunmal dazu, um den Horizont zu erweitern. "Das ganze Drumherum und die Person, die hinter dem Wein steht, ist wichtiger als der Wein selbst."

Bei der Arbeit als Sommelière hingegen ist die Funktion wichtiger als die Person. "Schlechte Laune gibt es einfach nicht. Probleme muss man zu Hause lassen." Und das oft für 16 Stunden. "Es bleibt vieles auf der Strecke, aber das war mir auch klar, als ich mich für diesen Weg entschieden habe", erzählt die Zweiundzwanzigjährige. Die Gäste wollten von ihren Problemen nichts wissen, sie bezahlten ja schließlich, und das nicht wenig. Sie setzt auf ihre natürliche Freundlichkeit, und wenn sie wirklich öfter schlechte Laune hat, dann weiß sie, dass etwas nicht stimmt: "Wenn man auf der Stelle tritt, ist es Zeit zu gehen."

"Hotel Barreis" in Baiersbronn, "Schlosshotel Bühlerhöhe" in Baden-Baden, "Schlosshotel Bensberg" in Bergisch Gladbach und jetzt Christina Fischers "Weingenuss und Tafelfreuden" in Köln. Die Stationen in ihrem Lebenslauf lesen sich wie eine Auflistung der Topadressen Deutschlands.

Als Nächstes steht für Sonja Schollenberger die halbjährige Sommelier-Schule in Koblenz an. Danach ist sie IHK-geprüfte Sommelière. Der Begriff Sommelier ist aber nicht geschützt, so befördert sich so mancher Hochstapler zum Weinexperten. "Es gibt sehr viele Leute, die sich in der Weinbranche sehr wichtig nehmen", das musste die Nürtingerin lernen, "und das geht mir manchmal schon auf die Nerven."

Manch ein Gast flöße ihr da schon mehr Respekt ein als solche Wichtigtuer. "Es gibt Gäste, die haben einen größeren Weinkeller zu Hause als viele Restaurants und dazu auch Zeit, sich mit dem Wein zu beschäftigen. Die haben sehr viel Ahnung." So habe sie beim Arbeiten einem großen Druck standzuhalten. Auch weil die Räder in einem Gourmetrestaurant perfekt ineinander greifen müssen.

Ein Koch stehe am Tag bis zu 20 Stunden in der Küche und müsse Spitzenleistung bringen. "Wir müssen den Abend gut über die Bühne bringen, auch wenn es mal Probleme gibt." Die edlen Hotels und Restaurants müssten ihren Standard halten, um in den Gourmetführern wie dem Guide Michelin gute Platzierungen zu erreichen. Für Sonja Schollenberger ist dieser Leistungsdruck auch Motivation.

Verkrampft werde sie bei ihrer Arbeit eigentlich nie. "Wein verbindet eben. Die Weintrinker sind ein geselliges Völkchen, so komme ich mit Gästen auch oft in Gespräche." Der quirligen und wortgewandten Frau nimmt man das bedenkenlos ab.

Von ihren Eltern habe sie die Leidenschaft für edle Tropfen nicht in die Wiege gelegt bekommen. Inzwischen zieht die erfolgreiche Tochter aber wenigstens ihren Vater in den Bann ihrer Leidenschaft. Auch die kleine Schwester bestreitet momentan die Ausbildung zur Hotelfachfrau, aber eigentlich will sie Pilotin werden. "Wenn ich einmal im Monat heimkomme, trinke ich mit meiner Familie oft einen Wein", erzählt Sonja Schollenberger, die inzwischen an keinem Ort mehr richtig zu Hause ist: "Es gibt kaum einen Beruf, bei dem man so viel herumkommt."

Den Sieg des Juniorenpreises beim Wettbewerb Deutscher Wein, bei dem der Sommelier-Nachwuchs zeigen konnte, was er kann, sieht sie als Bestätigung für ihr bisher Gelerntes. "In Jubel ausgebrochen bin ich aber nicht. Ich bin mit der Erwartung in den Wettbewerb gegangen, dass ich siege, nachdem ich letztes Jahr Zweite war." Trotzdem mache sie sich oft Gedanken, ob sie überhaupt verdient gewonnen habe. Glück und Tagesform seien mitentscheidend, ob man aus den 18 verschiedenen Weinen die richtigen Anbaugebiete, Qualitätsstufen und Jahrgänge herausschmeckt und riecht. Eine Sommelière lerne niemals aus, sie müsse immer weiter Weine probieren. Irgendwann will sie in Frankreich arbeiten. Nur ihre Französischkenntnisse will sie noch aufbessern, vielleicht in der Abendschule. "Moment, das geht ja gar nicht, fällt ihr ein, abends arbeite ich ja."