Lokales

Die Zeitung weckt die Lust am Lesen

",ZiSch' macht aus Schülern Zeitungsleser": Hans Gregor, Rektor der Jesinger Werkrealschule, wusste beim offiziellen Auftakt des Projekts "Zeitung in der Schule" genau, wovon er spricht. Schließlich hatte ihm eine 16-jährige Schülerin bereits ganz offen erklärt: "Das ist viel besser als öde Deutschstunden."

ANDREAS VOLZ

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KIRCHHEIM Knapp zwei Wochen ist es her, als der Teckbote erstmals wieder bündelweise in 17 Klas-

(O:21070320.JP_senzimmern auf den Tisch kam. Die drei Monate zwischen Sommer- und Weihnachtsferien sind "ZiSch"-Zeit im Verbreitungsgebiet des Teckboten. "Zeitung in der Schule" führt die Teilnehmer systematisch und langfristig an die regelmäßige Zeitungslektüre heran.

Schülerinnen und Schüler erwerben in dieser Zeit Lesekompetenz. Sie verfassen außerdem nach einem gemeinsamen Recherchetermin mit der ganzen Klasse Artikel, die dann auf speziellen "ZiSch"-Seiten im Teckboten veröffentlicht werden. Und schließlich sammeln die Schüler einzeln oder in kleinen Teams Zeitungsausschnitte zu einem selbst gewählten Thema. Zu dieser Langzeitarbeit gehört auch noch ein Auswertungsteil. Für die drei besten Arbeiten hat die Stiftung Kreissparkasse als Wirtschaftspartner des "ZiSch"-Projekts wieder ein Preisgeld ausgelobt, und zudem winkt den Siegern die Veröffentlichung ihrer Texte im Teckboten.

"Das Projekt bringt nicht nur Leseratten hervor", sagte Rektor Hans Gregor gestern in Jesingen als Gastgeber der Auftaktveranstaltung, "sondern auch mündige Bürgerinnen und Bürger." Der Pädagoge hofft, dass "Zeitung in der Schule" einen Beitrag dazu leisten kann, dass Kirchheim wieder einen Jugendgemeinderat bekommt. Dem gesamten Zeitungsprojekt wünschte Hans Gregor einen guten Verlauf und allen beteiligten Klassen zündende Ideen beim Schreiben, "damit es nur so zischt".

Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker verwies in ihrem Grußwort auf die positiven Wirkungen der beiden vergangenen "ZiSch"-Runden des Teckboten, wobei sie es prinzipiell bedauerlich fand, "dass wir heute den Umgang mit der Zeitung erst einmal erlernen müssen". In einem kurzen geschichtlichen Abriss erinnerte sie an die enorme Bedeutung des Mediums: Zeitung stehe für Kommunikation, und Kommunikation sei in der Evolution das entscheidende Wesensmerkmal bei der Entwicklung zum Menschen hin. In der Neuzeit schließlich habe es viele hundert Jahre gedauert, bis die Menschen in Europa nach und nach das Recht bekamen, ihre Meinung unzensiert zu sagen und zu drucken. "Auch heute ist es eine großartige Chance, sich durch die Zeitung schon am Frühstückstisch mit anderen Meinungen auseinandersetzen zu können."

Dr. Hans-Peter Pix vom Staatlichen Schulamt Nürtingen ging sogar einen Schritt weiter und regte an, an allen Schulen Debattier-Clubs zu gründen und die Zeitung dabei als Fundus für die Themenwahl und für Hintergrundinformationen zu nutzen. Texte lesen und verstehen wäre dazu Grundvoraussetzung. Gerade an der Lesekompetenz mangelt es aber in vielen Fällen. Schulamtsdirektor Pix machte seinen persönlichen PISA-Schock an einer einzigen Bruchzahl fest: "Ein Viertel der Schulabgänger", sagte er gestern in Jesingen, "verlassen die Schule auf der Lesekompetenzstufe eins. Sie sind also kaum oder gar nicht in der Lage, Informationen aus einfachsten Texten zu entnehmen, sie sind quasi Analphabeten." In diesem Ergebnis der PISA-Studie stecke eine enorme Herausforderung für die Gesellschaft, und das Projekt "Zeitung in der Schule" sei ein wichtiger Baustein, sich dieser Herausforderung zu stellen.

Die Herausforderung erneut annehmen zu können, ist für Dietmar Ederle, Regionalbereichsleiter der Kreissparkasse in Kirchheim, ein Grund zur Freude. Die Stiftung der Kreissparkasse setze gerne mit den Partnern Teckbote und IZOP-Institut sowie mit den vielen Schulen in der Region ein Projekt fort, das die Lust am Lesen weckt. Das Internet ist für Dietmar Ederle zwar ebenfalls eine wichtige Informationsquelle, aber die Waage zwischen den elektronischen Medien und den Printmedien müsse ausgeglichen sein. Das führte Ederle schließlich dazu, sein Bekenntnis zur regionalen Tageszeitung abzulegen: "Ohne lokale Presse geht nichts."

Was möglicherweise schief gehen kann, wenn sich jemand zu sehr in die Zeitung vertieft, zeigten Schülerinnen und Schüler der Klasse 10 an der Jesinger Werkrealschule abschließend in kurzen Spielszenen. Da vergaß zum Beispiel ein junger Ehemann beim Zeitungslesen während des Frühstücks den Hochzeitstag. Ein Vater wollte in seiner Feierabendlektüre nicht gestört werden und verwies seinen Sprössling bei der Frage, wo die Bahamas liegen, an die Mutter, die alles aufräumt. In einem anderen Fall stellte aber die Ehefrau trotz Zeitung fest, dass ihr Mann die Autobahn in der falschen Richtung befährt.

Bis Weihnachten soll das Projekt "Zeitung in der Schule" die Voraussetzung dafür schaffen, dass der Kern dieser witzigen Szenen im künftigen Leben der "ZiSchler" zur Realität werden kann: Egal was passiert, die Zeitung ist immer dabei.