Lokales

"Die Zeitungen sind der Sekundenzeiger der Weltgeschichte"

"Zeitung in der Schule" hat dieses Mal etwas Besonderes zu bieten: Der Teckbote, das Aachener IZOP-Institut und die Deutsche Bahn ermöglichten es der "ZiSch"-Klasse aus Jesingen, im Mainzer Gutenberg-Museum die aktuelle Ausstellung zum Thema "400 Jahre Zeitung" zu besichtigen. Weitere Klassen, die sich rechtzeitig angemeldet hatten, folgen im Januar.

ANDREAS VOLZ

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MAINZ

Vor 400 Jahren, im Sommer 1605, hat Johann Carolus aller Wahrscheinlichkeit nach die erste

(O:21070320.JP_Zeitung der Welt herausgegeben. So zumindest werten die Ausstellungsmacher in der Heimatstadt Johannes Gutenbergs die Tatsache, dass der Straßburger Buchbinder damals nach dem Erwerb einer Druckerei "seine Nebentätigkeit als Nachrichtenhändler auf eine neue Grundlage gestellt habe".

Für die Verbreitung von Nachrichten, so ist es in der Mainzer Ausstellung zu sehen, waren einst Boten zuständig, die dann zunehmend von Postreitern abgelöst wurden. Wie Johann Carolus in Straßburg, so gab es fast überall geschäftstüchtige Menschen hauptsächlich Postmeister , die eingehende Nachrichten sammelten, abschrieben und verkauften. Carolus war wohl lediglich der erste, der sich der damals gut 150 Jahre alten Drucktechnik Gutenbergs bediente, um die Nachrichten schneller vervielfältigen zu können.

Neueste Post aus aller WeltDie Post war lange Zeit die wichtigste Institution zur relativ raschen Verbreitung von Nachrichten aus aller Welt also vornehmlich aus ganz Europa. Der Titel des ältesten erhaltenen Exemplars von Carolus' Zeitung zeigt das Einzugsgebiet seiner Meldungen detailliert auf. Das Blatt hieß "Relation: Aller Fürnemmen vnd gedenckwürdigen Historien / so sich hin vnnd wider in Hoch vnnd NiederTeutschland / auch in Franckreich / Italien / Schott und Engelland / Hisspanien / Hungern / Po-len / Siebenbürgen / Wallachey /Moldaw / Türckey / ec Inn diesem 1609. Jahr verlauffen vnd zutragen möchte. Alles auf das trewlichst wie ich solche bekommen vnd zu wegen bringen mag / in Truck verfertigen will."

"Zeitung" ist in der ursprünglichen Bedeutung nichts weiter als ein anderes Wort für "Nachricht". Nachdem sich Carolus' neue Geschäftsidee innerhalb weniger Jahre in ganz Europa verbreitet hatte, begann im deutschen Sprachraum der Bedeutungswandel des Wortes "Zeitung". Eine der heutigen Standarddefinitionen lautet: "Täglich, wöchentlich oder mehrmals in der Woche erscheinende Publikation, die einen breiten Leserkreis über aktuelle Ereignisse aus dem gesellschaftlichen Leben, aus Politik, Wirtschaft, Kultur unterrichtet."

Geändert hat sich die Art der Nachrichtenübermittlung. Neue Techniken haben den herkömmlichen Postreiter nach und nach ersetzt: der optische Telegraf, die Eisenbahn, der elektrische Telegraf, das Telefon, der Fernschreiber, der Satellit. Geblieben ist die Zeitung, die sich ebenso hartnäckig wie erfolgreich der Konkurrenz von Radio, Fernsehen und Internet erwehrt.

Vier Seiten im KleinstformatDie Ausstellung mit dem kompletten Titel "Schwarz auf Weiß: 400 Jahre Zeitung ein Medium macht Geschichte" zeigt die Entwicklung der Zeitung während der vergangenen vier Jahrhunderte in allen möglichen Facetten auf beginnend mit der Drucktechnik, wie es sich für ein Museum gehört, dessen Namenspatron als der Erfinder des Drucks mit beweglichen, gegossenen Metalllettern gefeiert wird. Seine Maschine orientierte sich am Vorbild der Weinpresse. Jahrhundertelang hat sich die Gutenberg-Presse kaum weiterentwickelt. Nach jedem einzelnen Druck war die Druckform neu einzufärben, die Stundenleistung lag bei 60 Seiten. Die gesamte Zeitung bestand in der Regel aus vier Seiten im für heutige Verhältnisse handlichen Taschenformat.

Mit der Kniehebelpresse, die 200 Seiten pro Stunde ermöglichte, begann der rasante Fortschritt im Zeitungsdruck. Die dampfbetriebene Schnellpresse von Friedrich König arbeitete mit Zylindern und schaffte bereits 1 000 Seiten stündlich. Die Maschine aus dem Hause "Koenig und Bauer" wurde erstmals im Jahr 1814 für den Druck der "Times" in London eingesetzt.

Heutzutage werden allein in Deutschland jeden Tag rund 20 Millionen Zeitungsexemplare gedruckt. Schon der Papierbedarf dafür ist immens. Auch darauf geht die Ausstellung kurz ein. Das 19. Jahrhundert brachte dabei ebenfalls die entscheidende Weichenstellung: 1845 wurde erstmals eine Zeitung auf Papier aus Holzfeinschliff gedruckt, das in der Folgezeit das Papier aus Haderlumpen ablöste.

Der allmählichen Entstehung des Redakteursberufs ist ein weiterer Teil der Ausstellung gewidmet. Prominente Beispiele für Redakteure des 18. Jahrhunderts sind etwa der Sprachwissenschaftler Johann Christoph Adelung oder der wortgewaltige schwäbische Dichter und Musiker Christian Friedrich Daniel Schubart. Dessen Schicksal wiederum zehn Jahre Festungshaft auf dem Hohenasperg führt zu einem weiteren wichtigen Kapitel der Zeitungsgeschichte und der Mainzer Ausstellung: die Themen Pressefreiheit und Zensur.

Vor allem nach den Karlsbader Beschlüssen von 1819 erlebte die Zensur eine besondere "Blütezeit" in Deutschland. Geschwärzte Zeitungsbögen sind in der Ausstellung Belege für die Vorgehensweise der Zensoren, deren zweites wichtiges Werkzeug die Schere war.

Den Anteil der Presse an einer funktionierenden Demokratie zeigt das Gutenberg-Museum ebenfalls in der "Zensur-Abteilung". Zwei totalitäre deutsche Staaten begnügten sich im 20. Jahrhundert nämlich nicht mehr damit, einfach nur das wegzustreichen, was nicht geschrieben werden durfte. Vielmehr diktierte das Regime der NSDAP ebenso wie später der SED-Staat, was die Bürger überhaupt auf welche Art und Weise in der Zeitung lesen können sollten.

Mit Bildern und Zeitungsausschnitten, die den friedlichen Umbruch in der DDR aus dem Jahr 1989 dokumentieren, wird die Mainzer Ausstellung schließlich einem ihrer wichtigsten Mottos gerecht: "Die Zeitungen sind der Sekundenzeiger der Weltgeschichte". Weltgeschichte schrieb der Hamburger "Relations-Courier" aber schon 1683 in Form eines aktuellen Berichts: Ein Soldat aus dem deutsch-polnischen Entsatzheer schilderte damals, was er als Augenzeuge bei der türkischen Belagerung von Wien erlebt hatte. "Kurzer Bericht dessen / was sich in dieser letzten und denckwürdigen Belagerung und victorieusen Entsatz der Stadt Wien zugetragen" so lautet die Überschrift vom 21. September 1683. Im Hunderte von Kilometern entfernten Hamburg war der Bericht also nur wenige Tage nach der Schlacht am Kahlenberg bereits im Druck erschienen.

Von Lesern und LeserinnenDie wichtigste Personengruppe, die sich mit der Zeitung befasst, kommt in Mainz ebenfalls nicht zu kurz. Die Leser werden in den Schaukästen und an den Wänden in vielen zeitgenössischen Bildern mit erklärenden Texten dargestellt. Die Ausstellung räumt dabei mit einem weit verbreiteten Vorurteil auf: 70 Prozent der deutschen Bevölkerung konnten Ende des 18. Jahrhunderts nämlich bereits mehr oder weniger gut lesen. Bekamen die Frauen anfänglich wenn sie Glück hatten die Zeitung von Männern vorgelesen, so waren schon vor 100 Jahren deutliche Erfolge der Emanzipation zu verzeichnen: Fotos vom beginnenden 20. Jahrhundert zeigen Frauen, die demonstrativ in Straßencafés auf den Boulevards Zeitung lesen.

Die Individualisierung der Zeitungsleser ist übrigens auch ein Phänomen der Moderne. "Bis tief ins 19. Jahrhundert hinein", heißt es in einem Schaukasten, habe eine "Geschichte der Gemeinschaftslektüre" vorgeherrscht. Heute gebe es pro Zeitungsexemplar zwei bis drei "Endverbraucher". Einstmals hätten in der Regel ein Dutzend und mehr Personen zu einer "Bezugsgemeinschaft" gehört.

Und noch etwas Wesentliches hat sich geändert seit der ersten Zeitung des Johann Carolus: Anfänglich ging es wie gesagt um Berichte aus aller Welt, die die Leser begierig aufsaugten. Lokales war damals nicht gefragt. "Darüber wussten die Leute Bescheid", heißt es in der Ausstellung. Während heute also Fernsehen und Internet die globalen Eilmeldungen schneller unters Volk bringen als die Zeitung, scheint die Lokalpresse doch zumindest die frühere "Buschtrommel" zu ersetzen, womit sie eine wichtige Nische besetzt hält. Doch auch bei den Nachrichten aus aller Welt hat die Zeitung entscheidende Vorteile: Sie liefert wichtige Hintergrundinformationen und rangiert bei Umfragen zur Glaubwürdigkeit der Medien meist an erster Stelle.

Europäisches Kulturgut"Zeitungen sind eines der großen Kulturmittel, durch die wir Europäer Europäer geworden sind." Diese Feststellung traf der Historiker und Publizist August Ludwig Schlözer im Jahre 1805, als die Zeitung gerade einmal halb so alt war wie heute. Immerhin steht an anderer Stelle in der Mainzer Ausstellung vermerkt, dass der Buchdruck lange Zeit in erster Linie der Verbreitung der Bibel und anderer religiöser Erbauungsschriften diente. "Die Zeitung", heißt es weiter, "darf als der erste weltliche Lesestoff für alle gelten". Die Zeitung dient also der Aufklärung, wie umgekehrt auch die Aufklärung ohne Zeitung kaum denkbar gewesen wäre. Immanuel Kant wird im Gutenberg-Museum übrigens als begeisterter Zeitungsleser dargestellt.

Abschließend bleibt noch der eigentliche Anlass zu erwähnen, der die Zehntklässler der Jesinger Werkrealschule nach Mainz geführt hatte: "Zeitung in der Schule". Auch dieses moderne Projekt hat eine lange Tradition. So ist im Mainzer Museum momentan über frühere Zeiten zu lesen: "In höheren Schulen wurden Zeitungen von aufgeschlossenen Pädagogen als anschauliches Lehrmittel im Geographie- und Geschichtsunterricht genutzt." Und daran sollte sich auch 400 Jahre nach dem Druck der ersten Zeitung nichts ändern: "ZiSch" macht's möglich im Verbreitungsgebiet des Teckboten zumindest zwischen den Sommer- und den Weihnachtsferien.

INFODie Ausstellung "Schwarz auf Weiß: 400 Jahre Zeitung ein Medium macht Geschichte" ist noch bis zum 29. Januar 2006 im Gutenberg-Museum in Mainz zu sehen: dienstags bis samstags von 9 bis 17 Uhr und sonntags von 11 bis 15 Uhr.