Lokales

„Dieser Krieg nützt niemandem“

Kirchheimer Tamilen sind besorgt wegen der Zustände in ihrer alten Heimat Sri Lanka

Etwa zwanzig Jahre ist es her, dass die ersten tamilischen Menschen nach Kirchheim kamen. Sie waren geflohen vor dem Bürgerkrieg in Sri Lanka, der das Leben auf der paradiesisch schönen Insel zur Hölle gemacht, Familien zerrissen und vor allem jungen Männern jede Perspektive genommen hatte.

Renate Hirsch

Kirchheim. Der Bürgerkrieg in Sri Lanka war eine Folge ungleicher Machtverhältnisse zwischen der singhalesischen Mehrheit und der tamilischen Minderheit nach dem Abzug der englischen Kolonialmacht in den 50er-Jahren. – Längst sind die tamilischen Menschen zu Kirchheimern geworden; etwa die Hälfte von ihnen besitzt einen deutschen Pass. Ihre Kinder sind hier geboren und haben deutsche Klassenkameraden und Freunde. Als die Lage in Sri Lanka sich gegen Ende der 90er-Jahre endlich etwas entspannt hatte, war es zum ersten Mal möglich, dass die jungen Familien die teure, weite Reise auf sich nahmen und die Kinder das Herkunftsland ihrer Eltern und auch ihre Großeltern und Verwandten kennenlernten. Der Frieden schien zum Greifen nah. Es gab Friedensverhandlungen unter norwegischer Federführung zwischen der sri-lankischen Regierung und Vertretern der tamilischen Minderheit, darunter Mitglieder der „Befreiungstiger von Tamil Eelam“ (LTTE), die jedoch scheiterten.

Im Januar dieses Jahres wurde der – ohnehin mehr als brüchige – Waffenstillstand von der Regierung offiziell aufgekündigt; die letzten Mitglieder der skandinavischen Beobachtermission, die mit den Beteiligten jahrelang um mögliche friedliche Lösungen gerungen hatten, verließen das Land. Seither jagt eine Schreckensmeldung die andere. Täglich gibt es neue Zahlen von Opfern – sowohl Soldaten als auch Mitglieder der LTTE, tamilische und singhalesische Zivilisten.

Die Zahlen variieren je nach Quelle und politischer Zielsetzung. Sicher ist jedoch, dass der Bürgerkrieg bisher etwa 80 000 Menschenleben gefordert hat, zumeist Tamilen, mehrere Hundert allein in den vergangenen Monaten. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch legte letzte Woche einen Bericht vor, in dem der Regierung vorgeworfen wird, an dem Verschwinden von mehr als 1 500 Menschen im Lauf der vergangenen beiden Jahre beteiligt gewesen zu sein.

Die Regierungstruppen versuchen, in das tamilische Gebiet im Norden und Osten der Insel vorzudringen, das bisher fest in der Hand der „Befreiungstiger“ war; die Gegenseite antwortet mit allen Mitteln des Guerillakriegs. Zunehmend wird auch die Bevölkerung in anderen Landesteilen in Mitleidenschaft gezogen. Bis vor wenigen Monaten konnten sich Touristen noch prob­lemlos in der Hauptstadt Colombo bewegen oder die geschichtsträchtigen Orte wie Anuradhapura und Kandy besuchen, doch mittlerweile rät das Auswärtige Amt von einer Reise ab. Der Staat ist wegen der Kriegskosten hoch verschuldet. Der Wiederaufbau in den 2004 vom Tsunami zerstörten Gebieten stockt, weil die internationalen Hilfsgelder wegen des Krieges eingefroren wurden.

Die tamilischen Menschen in Kirchheim sind in großer Sorge. Selten können sie mit ihren Angehörigen sprechen, die zumeist in Jaffna leben, auf der abgeriegelten Halbinsel im Norden. Die Telefonverbindung funktioniert nur manchmal, Briefe dauern Wochen, wenn sie denn überhaupt ankommen. Die in Paris und London ansässigen Fernsehsender, die rund um die Uhr von den neuesten Ereignissen berichten, melden Terroranschläge, Bombenattentate, entführte und verstümmelt aufgefundene Menschen, Schikanen der Regierung gegenüber der tamilischen Bevölkerung und bedrohliche Versorgungsengpässe im Kriegsgebiet.

„Die einzige Fernstraße, die die Verbindung zum tamilischen Norden darstellt, ist von der Armee blockiert. Auf einen Flug in die Hauptstadt Colombo muss man monatelang warten – so sind die Menschen praktisch eingekesselt“, sagt ein Betroffener, der erst vor wenigen Wochen aus Sri Lanka gekommen ist. „Die Lebensmittelkosten sind so hoch, dass die Mangel­ernährung zu einem großen Problem geworden ist, vor allem für Kinder, Alte und Schwangere. Der Fischfang ist von der Regierung streng beschränkt worden, Milch ist fast unbezahlbar.“

Eine Frau, die seit Beginn der 90er-Jahre in Kirchheim lebt, meint: „Wir sind in großer Sorge um unsere Familien. Zwei Verwandte von mir sind in der letzten Zeit an Herzinfarkten gestorben, weil es keine Medikamente gab.“ Ihre Nichte hat ein kleines Geschäft eröffnet, doch es ist fraglich, wie lange sie es wird halten können, weil regelmäßig die verschiedenen Kriegsparteien vorbeikommen, um „Steuern“ zu erheben.

Andere Kirchheimer Tamilen erzählen von ihren alten Eltern, die aus Angst vor Bombenanschlägen ihre Häuser verlassen haben und bei Verwandten untergekommen sind oder in Flüchtlingslagern leben. „Mindestens so schlimm wie die mangelnde Versorgung mit Lebensmitteln ist aber auch die psychische Situation der Menschen. Sie haben resigniert und sind verzweifelt, nicht wenige leiden unter schlimmen Depressionen“, erzählt ein Mann, der auch davon berichtet, dass das öffentliche Leben in Jaffna um 17 Uhr schlagartig erstirbt, weil alle Bewohner sich in ihren Häusern verschanzen. Die Stadt ist fest in den Händen der Kriegsparteien. Eine Frau sagt jedoch: „Die Leidtragenden sind aber nicht mehr nur Tamilen, sondern auch die singhalesische Bevölkerung. Dieser Krieg nützt niemandem!“

Anzeige
Anzeige