Lokales

Digitale Signale steuern die Züge ab 2006

Die Bahn rüstet zurzeit die Strecke zwischen Obertürkheim und Göppingen sowie Wendlingen auf eine moderne digitale Steuerungstechnik um. Ab Mitte 2006 wird sie die Züge steuern.

HANS-JOACHIM HIRRLINGER

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PLOCHINGEN Noch ist das Sig-nal N2, das am alten Güterbahnhof in Plochingen liegt, heimatlos, aber es weiß schon, wohin es gehört: Ab Mitte 2006 wird N2 die Züge an der Ausfahrt von Gleis 2 am Esslinger Bahnhof in Richtung Plochingen steuern. Wenn ein Lokführer dann im Funkkontakt mit Karlsruhe wissen möchte, warum N2 ihn immer noch mit Rot blockiert, dann weiß der Fahrdienstleiter in der baden-württembergischen Betriebszentrale der Bahn, wovon der Mann im Zug spricht. N2 ist eines von fast 500 neuen Signalen von den großen Signalbrücken bis zu den kleinen Schotterzwergen, die in anderthalb Jahren die Züge zuverlässiger fahren lassen sollen.

Zurzeit rüstet die Bahn die 42 Kilometer lange Strecke zwischen Obertürkheim, Göppingen und Wendlingen für 80 Millionen Euro auf die moderne digitale Steuertechnik um. Dazu gehören nicht nur drei Stellwerke in Esslingen, Plochingen und Ebersbach, sondern auch 380 Kilometer Kupferkabel, über die die elektrischen Impulse an die 480 neuen Signale entlang der Strecke weiter gegeben werden. Damit ist ein ungeheurer logistischer Aufwand verbunden, wie Projektleiter Christian Wörner weiß: Die von bis zu 700 Zügen pro Tag befahrene Strecke muss unter Betrieb umgerüstet werden. Wobei das zwischen Obertürkheim und Plochingen noch relativ leicht ist, weil die beiden S-Bahn-Gleise ab Mitternacht mehrere Stunden frei sind.

DB-Pressesprecher Martin Schmol-ke kennt mehrere Gründe, weshalb die Bahn seit einem Jahr die Steuertechnik auswechselt: Die alte Relaistechnik ist überholt, die mehr als 40 Jahre alten Kabel werden brüchig, und neben dem Rheintal ist die Neckar- und Filstalstrecke die meistbefahrene in Baden-Württemberg. Ein zweiter Faktor kommt hinzu: Die Umrüstung der noch älteren Signaltechnik in Ostdeutschland ist weitgehend abgeschlossen, wie Wörner weiß. Jetzt wird der Westen technisch aufgerüstet. Wobei die Bahn, wen wundert's, gleich auch noch rationalisiert: Lautlose Prozessoren statt klackender Relais brauchen weniger menschliche Hilfe, die zudem in Karlsruhe zentralisiert wird. Ein unauffälliger grauer Bau neben der Bahnbrücke, den nur Computer füllen, ersetzt das alte Stellwerk. Vom Betriebszentrum aus einem von bundesweit sieben regelt ab Mitte 2006 Baden die württembergische Strecke zentral. Dort gibt der Fahrdienstleiter mit der Maus auf dem Monitor durch einen Klick die Fahrstrecke frei, übers neue Stellwerk Plochingen geht der Stellstrom bis zur Weiche und stellt sie um. Alles weitere regeln die Streckenabschnitte intern mit Technik.

Es gibt unterschiedlich lange Gleisabschnitte, in Bahnhöfen sind sie kürzer, auf freier Strecke länger. Doch alle haben eines gemeinsam: Jeweils nur ein Zug darf sie befahren. Das kontrolliert der Achszähler. Er schaltet N2 nur dann auf Grün, wenn ebenso viele Achsen den Abschnitt verlassen haben wie eingefahren sind. Wobei ein Monitor des Signals Rot/Grün und die zulässige Geschwindigkeit zeigt, der zweite den Gleiswechsel. Es gehe nicht um höhere Geschwindigkeiten, sagt Wörner, die Strecke sei ausgereizt, aber das Tempo lasse sich mit der digitalen Technik feiner steuern. Das bringe vor allem in den Bahnhöfen Minuten. Minuten sind schon entscheidend bei Gegenverkehr, der den Fahrweg blockiert. Das erhöht die Zuverlässigkeit der Züge, die vorläufig nur theoretisch den Fahrplan genauer einhalten können. Und es weckt Hoffnung bei Fahrgästen, die sich immer wieder über kleinere und größere Verspätungen und entgangene Anschlüsse beklagen.