Lokales

Discounter setzt Schnäppchenjäger unter "Zugzwang"

KIRCHHEIM Was ein rechter Schnäppchenjäger ist, den hielt es gestern nicht lange in den Federn: Lange Schlangen vor sämtlichen Lidl-Filialen in Kirchheim und Umgebung bewiesen, dass sich auch die schwäbischen Rabattfüchse gehörig unter Zugzwang gesetzt fühlten. Und das im wörtlichen Sinne: Blanco-Fahrscheine der Bahn zum Festpreis lockten nicht nur eingefleischte Discount-Freunde, sondern vor allem passionierte Bahn-Kenner noch vor Ladenöffnung auf die Parkplätze und vor die Lidl-Pforten. Insider waren (fast) unter sich, vor allem Langstreckenfahrer deckten sich ein. Da spielten die seit Wochen in den Medien erörterten Kritikpunkte wie fehlende Beratung, Wettbewerbsverzerrung oder möglicher Image-Verlust der Bahn keine Rolle.

Anzeige

Einen Boom wie zu Frühzeiten des Computerverkaufs in Discountern erlebte vor allem die Lidl-Filiale in Jesingen: Der Parkplatz platzte zu früher Stunde aus allen Nähten, nahezu 100 Kaufwillige drängten sich bereits Minuten vor acht Uhr vor noch verschlossenen Glastüren. Fast ebenso viele waren es in Nürtingen, Wernau und Boll, aber auch in Ötlingen und Weilheim standen die Reisewilligen Schlange zumeist ohne Einkaufswagen, denn ihr Interesse galt weniger Klopapier oder Hundefutter als vielmehr den kleinen Papierstreifen. Wehe, wer die Reihe missachtete und vielleicht gleich in Eingangsnähe ein bekanntes Gesicht erblickte . . . er wurde unmissverständlich zurück ins Glied beordert.

50-Euro-Scheine die Summe für zwei Tickets hielt manch einer schon abgezählt parat, im Kopf längst die fertige Reiseroute. Denn die Schnäppchenjagd wurde hierzulande nicht um ihrer selbst willen betrieben, vielmehr saßen die meisten Wartenden im Geiste längst im Zug. Klarer Trend: Norddeutschland steht hoch im Kurs. "Nach St. Peter-Ording" zieht's beispielsweise eine Neidlingerin, die dort ihren kurenden Sohn besuchen will. Sie weiß genau, wie viel sie spart: "Mindeschtens 150 Euro." Ihre Schlangennachbarin war gar vom entgegengesetzten Ende der Welt mit dem Kartenkauf beauftragt worden: Eine Besucherin aus dem fernen Neuseeland, die gestern noch auf dem Stuttgarter Flughafen landen sollte, hatte via Internet von der umstrittenen Schnäppchenaktion erfahren. Sie will nach ihrer Visite am Albtrauf mit den Billigtickets dann weiter durchs Land touren. Ein Student hatte quasi auf dem Weg zum Bahnhof nur kurz beim Discounter Zwischenstopp gemacht und den ersten Platz in der Warteschlange erobert. Strahlend verließ er kurz darauf ebenfalls als Erster wieder die Einkaufshochburg und bummelt heute sicher schon über den Berliner Kudamm, vorausgesetzt, sein Wunschzug konnte fahrplanmäßig starten.

Andere hatten weniger Glück. Minütlich stieg die Anspannung vor den Kassen, und vielerorts waren in Kürze die Karten vergriffen, Bestelllisten weckten neue Hoffnungen. Wer leer ausging, verließ den Ort der spektakulären Verkaufsaktion oft recht missmutig. Das galt übrigens auch für die kleine Gruppe der uninformierten Zeitgenossen, die mal eben ihren üblichen Tageseinkauf erledigen wollten. Auf die Schnelle war da nichts zu machen.

red