Lokales

"Diskriminierung in vielfältiger Form"

Sind Krawalle wie in Frankreich auch in Deutschland möglich? Mit dieser Frage befasste sich die Partei "Arbeit und soziale Gerechtigkeit Die Wahlalternative" (WASG) in einer öffentlichen Veranstaltung in Kirchheim.

KIRCHHEIM Der Landtagskandidat der WASG, Bernd Luplow, und Jochen Findeisen, stellvertretender Kreisvorstandssprecher der WASG im Kreis Esslingen, gingen zunächst auf die Unterschiede zwischen der Situation junger Migranten und Migrantenabkömmlinge in Deutschland und in Frankreich ein. Während diese jungen Menschen in Deutschland als Arbeitnehmer, Flüchtlinge, Asylanten, Spätaussiedler aus einer Vielzahl von Ländern kommen, stammen die jungen Leute in Frankreich aus Ländern des ehemaligen französischen Kolonialreiches.

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Im Gegensatz zur Situation in Deutschland seien die jungen Leute afrikanischer oder arabischer Herkunft in Frankreich fast alle französische Staatsbürger und hätten keine Probleme mit Aneignung und Gebrauch der französischen Sprache.

Seit 1997 würden unter dem Einfluss der neoliberalen Sparpolitik in Frankreich staatliche Investitionen in die Ausbildung der jungen Migranten und die Infrastruktur ihrer Wohngegenden immer mehr zurückgefahren. Die jugendlichen Migranten hätten noch bis heute die stark ausgeprägten Ehrbegriffe ihrer Herkunftsländer. Es sei ihnen in der Schule gesagt worden, sie seien Franzosen und sie würden höchst aggressiv reagieren, wenn sie als Franzosen zweiter Klasse behandelt werden würden.

Über "Diskriminierung in vielfältiger Form" beklagten sich auch die türkischen und türkischstämmigen Besucher der Veranstaltung. "Besonders widerwärtig" sei es, dass einige Unternehmen ihren Aktionären mit Entlassungen imponieren wollten und deshalb langjährig im Betrieb arbeitende Türken mit Entlassung drohen würden, wenn sie sich nicht "integrieren" und ausreichend Deutsch lernen würden. Bernd Luplow empfahl den Betroffenen dringend, im Falle einer Kündigung beim DGB um Rechtsschutz nachzusuchen. WASG und DGB würden derartige Vorgänge auch öffentlich machen.

Übereinstimmend stellten die Anwesenden fest, dass der Vorwurf mangelhafter "Integration" ein wohlfeiler Knüppel sei, mit dem von jedem je nach Interessenlage auf die hier lebenden Migranten eingedroschen würde. Niemand könne einem Migranten sagen, wann und ob er ausreichend "integriert" sei. Zweifellos gibt es ohne ausreichende Sprachkenntnisse keine Integration.

Die WASG fordert deshalb eine frühzeitige, öffentlich geförderte Sprachausbildung. Anerkannt wurde, dass es in Kirchheim derartige Angebote zwar gäbe, allerdings würde es einem Schichtarbeiter wenig bringen, wenn Sprachkurse erst abends gegen 20 Uhr stattfänden. Bernd Luplow erklärte, auch für die Sprachausbildung sei eine Zusammenarbeit zwischen der Verwaltung und den Migrantenvereinen sehr wichtig. Unverständlich sei es, dass etwa der Kirchheimer Verein "Halk evi" (Volkshaus) nicht einmal einen eigenen Versammlungsraum habe.

Die Teilnehmer waren sich darin einig, dass zurzeit zwar Ereignisse wie in Frankreich nicht zu befürchten seien, aber niemand könne voraussagen, was passieren würde, wenn die öffentliche Hand weiter eine Sparpolitik auch zu Lasten der Migranten betreiben würde.

pm