Lokales

Donnerstag, 20. April, 8 Uhr. Als ich das Fenster ...

Donnerstag, 20. April, 8 Uhr. Als ich das Fenster öffne, macht sich die Veränderung gegenüber eines normalen Frühlingsmorgens schnell bemerkbar: Das Vogelgezwitscher wird penetrant durch lautes Brummen und Hupen übertönt. Nichts mit ländlicher Idylle in der Urweltgemeinde. Eine Blechlawine rollt langsam mitten durchs Dorf. Während ich warte, betrachte ich die Autos genauer: ein Kühllaster aus Ludwigsburg, ein Tanklaster aus Slowenien und viele andere Fahrzeuge, die in der Sonne einen beinahe festlichen Eindruck hinterlassen. Als ich gerade versuche, die einzelnen Gesichter in den Autos zu interpretieren verärgerte, müde, gelangweilte und neugierig umher blickende kommt der Bus mit geschlagenen zehn Minuten Verspätung doch noch.

In Schrittgeschwindigkeit bewegt sich die Schlange auf Jesingen zu. Die Sonne auf dem kleinen Bach neben der Straße glitzert mir immer hämischer entgegen wieso sitze ich in diesem stickigen Bus? Jedoch entdecke ich auch kleine Dinge, die bestätigen, wie schön ich wohne. Ich verfalle dem Träumen. Doch schon tönt von hinten das Geplänkel einer gelangweilten Gruppe Jugendlicher mit ihren Handys hervor und holt mich unsanft in die Wirklichkeit zurück. Sie beschließen auszusteigen und nach Kirchheim zu laufen. Viel Spaß! Zwei ältere Frauen lassen sich über die Öffnungszeiten der einzelnen Supermärkte aus. Mein Blick streift eine junge Frau mit schönen, pechschwarzen Locken. Sie möchte zwischen den Haltestellen aussteigen, um pünktlich zu sein ein "Nein" des Busfahrers hindert sie jedoch. Wieso sie nicht aussteigen darf, erklärt er ihr nicht. Ein leicht zerzauster Herr, schräg gegenüber, beschreibt den Grund seiner Verspätung per Handy auf sehr drollige Art: "Vor und hinter uns sind furchtbar viele Autos."

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Wir befinden uns nun mitten in Jesingen und kein Ende ist absehbar. Rentner steigen zu, die langsame Fahrt kommt ihnen entgegen ohne Sturzgefahr können sie sich setzen. Kurz vor Kirchheim wird der Fahrer nervös, telefonisch regelt er seinen Fahrplan neu, während ich genüsslich meinen Traubenzucker verspeise. Nach über einer Stunde für sieben Kilometer steige ich seltsam amüsiert und beschwingt aus.

Julia Knapp