Lokales

„Dorf unterm Hakenkreuz“

Freilichtmuseum zeigt Alltag von Frauen und Familien während des Nationalsozialismus

„Nur Mütter im Vaterland? Mädchen und Frauen im Nationalsozialismus“ – unter diesem Titel zeigt das Freilichtmuseum Beuren im Rahmen der Reihe „Dorf unterm Hakenkreuz“ ab 19. Mai eine Ausstellung, die Einblicke in das dörfliche Leben von Frauen in der NS-Zeit gibt.

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richard umstadt

Beuren. Auf dem Tisch im ehemaligen Munitions- und Instandsetzungshaus, das heute zur Verwaltung des Freilichtmuseums gehört, hängt eine braune BDM-Kletterweste auf einem Stofftorso, liegen gerahmte Fotos von einem Mann in Wehrmachtsuniform und einer Frau, eine Blechdose mit der Aufschrift „Tekrum Schatzkästle, Deutsches Korn aus deutscher Erde, das zur köstlichen Erfrischung werde“, daneben „Scholle und Kraft, Kalender für Landwirtschaft und Gartenbau 1935“, „Das deutsche Hausbuch“, „Wir Mädel singen“ und ein geöffneter Hebammenkoffer mit Inhalt sowie das dazugehörige Hebammenbuch, in dem die Seiten über die arische Rassenlehre herausgeschnitten wurden. Außerdem gehören zu den Museums-Exponaten aus den 30ern noch zwei unscheinbare Päckchen „Fewa Feinwaschmittel“. Wozu Fewa damals von der deutschen Hausfrau vor allem verwendet werden sollte, steht auf der Rückseite der Verpackung: „Zur Reinigung von SA- und SS-Uniformen geeignet.“

Diese und zahlreiche andere Ausstellungsstücke mehr sichtete die für das Ausstellungsprojekt zuständige wissenschaftliche Mitarbeiterin Brigitte Haug in der umfassenden und gut inventarisierten Museumssammlung, wie Museumsleiterin Steffi Cornelius im gestrigen Werkstattgespräch ausführte. Auf der Suche nach Fotos aus jener Zeit war auch das Kreisarchiv dem Freilichtmuseum behilflich. In einem weiteren Schritt führte Brigitte Haug mit sieben Zeitzeuginnen Interviews, die ihre Erfahrungen in und mit der NS-Zeit aus dem Blickwinkel von sogenannten „Volksgenossinnen“ weitergaben. Es handelt sich dabei um Frauen, die nicht von der Partei ausgegrenzt oder gar verfolgt wurden. Alle Gesprächspartnerinnen wohnen in den Landkreisen Esslingen und Reutlingen.

Das Schicksal von Frauen im Nationalsozialismus in markanten Lebensabschnitten wie der Schulzeit, der Zeit in der NS-Jugendorganisation, der Zeit des Arbeitsdienstes und in Ehe und Mutterschaft wird zudem in den Gebäuden dokumentiert, in denen sie früher wohnten und die jetzt im Museum stehen: Im Ausgedinghaus von Aichelau kann das Berufsleben einer Hebamme zur damaligen Zeit verfolgt werden. In einem Bauernhaus aus Beuren lebte eine unverheiratete Frau, die ihre Eltern pflegte, und wer ab 19. Mai ins alte Häslacher Rathaus kommt, wird sich mit all den entsprechenden Bildern und Utensilien in die 30er-Jahre versetzt fühlen. Dort hatte im Vorzimmer eine junge Frau ihren Arbeitsplatz, an dem sie die an die Front eingezogenen Mitarbeiter ersetzte. In der Gärt­ringer Scheuer ergänzen Exponate und alte Fotos aus der Zeit des Nationalsozialismus die Aussagen der befragten Frauen auf dem Land.

Die Idee zu der Ausstellungsreihe „Dorf unterm Hakenkreuz“ entstand in der Arbeitsgemeinschaft der sieben regionalen Freilichtmuseen in Baden-Württemberg, der „Sieben im Süden“, wie sie auch genannt werden. „Zum einen gibt es bald keine Zeitzeuginnen mehr“, begründete Steffi Cornelius die Initiative, „und zum andern wollten wir uns auch mit diesem dunklen Kapitel unserer Geschichte beschäftigen. Diese Zeit wurde bisher in den Freilichtmuseen ausgeblendet.“

Cornelius vermutet, dass die Ausstellung unter den Besuchern gemischte Gefühle auslösen und auf ein geteiltes Echo stoßen wird. „Ich wünsche mir, dass die Besucher das Thema annehmen und sehen, es gibt auch noch eine andere Art der Heimatgeschichte.“ Vor allem hofft die Museumsleiterin, mit der Ausstellung den Jugendlichen einen Impuls geben zu können, sich innerhalb der Familie mit dieser Zeit auseinanderzusetzen. „Freilichtmuseum heißt nicht nur Spinnrädchen schnurr“, verweist die wissenschaftliche Mitarbeiterin Brigitte Haug auf die Dokumentation einer Geschichtsepoche, die von vielen gerne ausgespart werden würde. Ein Exponat, das vormals ebenfalls im alten Häslacher Rathaus hing, findet die wissenschaftliche Mitarbeiterin besonders interessant. „So wird gewählt!“ steht dort auf einem Wahlplakat in Gotik-Fraktur-Lettern, und wo das Kreuzchen zu machen ist, wird den Volksgenossen auch gleich gesagt.

Innerhalb der vergangenen 20 Jahre trug das Freilichtmuseum eine umfangreiche Sammlung von circa 40 000 Gegenständen zusammen, die in 30 der insgesamt 40 ehemaligen Munitionsdepotbunker auf rund 4 000 Quadratmetern Fläche lagern.

Verschiedene Vorträge ergänzen die Ausstellung: „Liebe im Krieg“, „Verlorene Heimat. Die Auflösung des Dorfes Gruorn 1935 – 1942“, „Grafeneck – Geschichte und Erinnerung“, „Maschinen braucht das Land“ und „Sophie Scholl – Widerstand im Nationalsozialismus“.