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Dramatischer Rückgang bei den Mütterkuren alarmiert Fachfrauen

Immer weniger Frauen bewerben sich für Mütterkuren, immer mehr Anträge werden abgelehnt. Diese Entwicklung fassen die diakonischen Bezirksstellen im Kreis Esslingen als Warnsignal auf. Sie wollen stark belastete Frauen dazu ermutigen, sich für Kuren zu bewerben und unterstützen sie bei der komplizierten Antragsprozedur.

ULRIKE RAPP-HIRRLINGER

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KREIS ESSLINGEN Die Überforderung kommt schleichend und oft ohne genau zuzuordnende Symptome. Wenn Frauen schließlich dem Druck der vielfältigen und zunehmend höheren Anforderungen als Mütter, Ehefrauen, Pflegende und Berufstätige nicht mehr standhalten können, kann eine Kur langfristige Entlastung bieten. Doch die Krankenkassen lehnen immer häufiger solche Maßnahmen für Mütter ab. Und auch die Zahl der Anträge selbst ist im vergangenen Jahr dramatisch zurückgegangen.

"Wo sind die Frauen?" fragt sich alarmiert Renate Maier-Scheffler, die als Leiterin der Diakonischen Bezirksstelle Nürtingen im Kreisdiakonieverband Esslingen zuständig ist für die Koordination der Kurberatung in den vier Diakonischen Bezirksstellen im Landkreis Esslingen. Dort werden Frauen beraten und in Kurhäuser vermittelt. Um fast zwei Drittel ist die Zahl der beantragten Mütter- oder Mutter-Kind-Kuren zwischen 2004 und 2005 zurückgegangen. Im selben Zeitraum stieg die Zahl der Ablehnungen von 23 auf 66 Prozent.

"Eine besorgniserregende Tendenz", findet die Sozialpädagogin. "Der Druck auf dem Arbeitsmarkt hält viele Frauen davon ab, eine Kur zu beantragen", vermutet Kurberaterin Beatrice Lackner von der Diakonischen Bezirksstelle Kirchheim. Die hohe Ablehnungsquote hält Rita Schwörer von der Diakonischen Bezirksstelle Filderstadt-Bernhausen für eine kurzsichtige Strategie: "Weil die Krankheiten sich verfestigen, sind die Folgekosten schließlich höher."

Auch das Verfahren, um eine Kur bewilligt zu bekommen, ist komplizierter geworden. Nicht mehr nur ein ärztliches Attest muss dem Antrag beigefügt werden. Jetzt benötigt eine Frau zusätzlich ein detailliertes Attest ihres Arztes, um überhaupt einen Antrag bei ihrer Krankenkasse stellen zu können. Damit seien viele Frauen vor allem solche mit schlechten Deutschkenntnissen oder aus sozial schwächeren Schichten überfordert, betont Renate Maier-Scheffler und hofft, "dass die Krankenkassen diese Maßnahme nochmals überdenken". Viele Frauen schreckten vor der komplizierten Antragsprozedur schlichtweg zurück, berichtet Beate Legner von der Diakonischen Bezirksstelle Esslingen.

In den Beratungsstellen des Kreisdiakonieverbands können Frauen Hilfestellung auf dem schwierigen Weg zur Kur finden. Frau S. aus Nürtingen hat es geschafft, mit Hilfe von Marie Luise Härer von der Diakonischen Bezirksstelle Nürtingen, eine Kur bewilligt zu bekommen. Die Mutter von zwei kleinen Kindern ist ein typischer Fall: Als Frau S. berufstätig war, wurde sie zunächst in der Kinderbetreuung durch ihre Schwiegermutter unterstützt. Jetzt ist diese selbst pflegebedürftig und braucht intensive Betreuung. "Alle Pflege lastet auf Frau S.", erzählt Marie Luise Härer. "Frau S. hatte seit Jahren Rückenprobleme, fühlte sich ausgebrannt und empfand selbst ihre Kinder als Last." Wie Frau S. werden Mütter oft erst durch ihren Hausarzt auf die Möglichkeit einer Kur aufmerksam. "Viele Frauen denken zuletzt an sich", weiß Diana Büttner, Sozialpädagogin in Esslingen.

In der Beratung klärte Marie Luise Härer mit Frau S., welche Kur für sie passend ist und ob es sinnvoll wäre, die Kinder mitzunehmen. Frau S. besuchte schließlich eine Mütterkur, weil keines ihrer Kinder krank ist. In einem Haus des Müttergenesungswerks, mit dem der Kreisdiakonieverband wegen des qualitativ guten Angebots überwiegend zusammenarbeitet, wurde Frau S. ganzheitlich betreut. Dazu gehören medizinische Betreuung, aber auch Gesprächstherapien. Zuweilen bieten die Häuser auch Spezialangebote etwa für Frauen, die psychisch kranke Angehörige betreuen. "Die Ganzheitlichkeit ist wichtig für die nachhaltige Wirkung der Kur", erklärt Rita Schwörer. Deshalb werden die Frauen auch nach der Kur weiterhin in den Diakonischen Bezirksstellen begleitet. "Das festigt den Kurerfolg", betont Renate Maier-Scheffler.

In der dreiwöchigen Kur hat Frau S. nicht nur ihren leeren Akku aufgeladen, sondern auch Strategien erlernt, um ihren Alltag besser zu bewältigen. Wie viele ihrer Leidensgenossinnen konnte sie sich zum ersten Mal eingestehen, dass sie Hilfe braucht. Jetzt nimmt sie regelmäßig eine Auszeit, indem sie eine Runde läuft, und hat sich zusätzliche Unterstützung bei der Nachbarschaftshilfe und durch andere Familienangehörige geholt. "Weil Frauen so viel durch eine Kur gewinnen, wollen wir ihnen trotz aller Hürden Mut machen, sich weiterhin an uns zu wenden, weil wir Lobby für sie sind", betont Renate Maier-Scheffler.