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Drei Mark Strafe "wegen Nichtteilnahme am Kartoffelkäfersuchdienst"

Zum Mythos der "Stunde Null" gehört die Vorstellung, dass die Bevölkerung im zerstörten Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Nichts, quasi über Nacht das Wirtschaftswunder geschaffen hat. Allerdings lagen zwischen der Kapitulation und der Gründung der Bundesrepublik vier ganze Jahre. Vom Alltag in der Nachkriegszeit erzählte Helene Bauer aus Weilheim in einem Gespräch mit dem Teckboten.

ANDREAS VOLZ

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WEILHEIM "Im Oktober 1944 mussten wir alle raus aus der Schule und in der Rüstung arbeiten", berichtet Helene Bauer mehr als 60 Jahre später. Einige seien in die Maschinenfabrik nach Esslingen gegangen, sie selbst arbeitete bei ihrem Vater in der Weilheimer Kupferschmiede Bachofer, im heutigen Industriegebiet Tobelwasen. Weil es dort keinen Luftschutzkeller gab, mussten die Beschäftigten bei Fliegeralarm raus ins Freie. Unter Bäumen suchten sie Deckung und Schutz. Bis zum 19. April 1945 ging die damals 16-Jährige regelmäßig dieser Arbeit nach. Einen Tag später marschierten die Amerikaner in Weilheim ein.

Im eigenen Haus in der einstigen Poststraße wohnte die vierköpfige Familie Bauer seit sechs Jahren. In der Nachkriegszeit war das allerdings ein großer Nachteil: "Viele, die in ziemlich neuen Häusern wohnten, mit etwas gehobener Ausstattung, mussten raus aus ihren Häusern." Am 20. April 1945 hatte sich Helene Bauer mit ihrer Mutter im Wohnzimmer aufgehalten, als zwei Soldaten "mit MG im Anschlag" hereinstürmten. "Die haben im Haus geschaut, ob es Widerstand gibt." Die Devotionalien aus dem "Dritten Reich", die damals in nahezu jedem Haushalt zu finden waren, mussten ziemlich schnell verschwinden: "Meine Mutter hat ,Mein Kampf' unters Sofa gepfeffert, die Abzeichen haben wir mit dem Hammer zerklopft."

Von einem Tag auf den anderen war eine neue Zeit angebrochen. Nur eines hatte sich an diesem Tag nicht geändert: Wie so oft in den Wochen und Monaten zuvor, saß die Familie am Abend wieder im Keller. War es ehedem der Luftschutzraum gewesen mit dicken Türen, mächtigen Riegeln und entsprechenden Dichtungen als Schutz gegen Gasangriffe versehen , der zum Aufenthalt im Keller zwang, so waren es nun die neuen Herren im Haus, die die eigentlichen Eigentümer vertrieben: "Wir haben die ganze Nacht in der Waschküche verbracht. Oben haben sich die Soldaten Spiegeleier gebraten und unsere Teller zum Fenster rausgeschmissen."

Am nächsten Tag ging es in die Strumpffabrik auf der anderen Straßenseite, wo viele Leute aus der Nachbarschaft für längere Zeit hausen mussten. Geschlafen wurde in den Regalen der Fabrik, eine Kochgelegenheit gab es nicht. Zwischendurch durfte die Familie wieder zurück ins Haus, dann ging es für eine Woche ins Nachbarhaus. Schließlich erhielten die Bauers ein Zimmer in der Bissinger Straße zu viert. Vom beachtlichen Komfort des eigenen Hauses war dort nichts mehr gegeben, keine eigene Küche, kein Bad, von Toiletten mit Wasserspülung ganz zu schweigen.

Und doch hatte die Familie das Glück, nicht ausgebombt zu sein. Außerdem konnten sie einiges an Besitztümern mitnehmen, obwohl es eigentlich nur erlaubt war, das Allernötigste zusammenzuraffen: "Wir hatten auf der Bühne noch Schlafzimmermöbel von der verstorbenen Oma. Die haben wir dann unten aufgestellt, nachdem wir unsere Betten mit einem Auto von der Firma abtransportiert hatten. Die wichtigsten Papiere und das Tafelsilber hat meine Mutter auch mitgenommen."

Fotos und sonstige persönliche Erinnerungsstücke sind dagegen samt und sonders verloren gegangen. "Man konnte nachträglich eine Auflistung machen, was man alles im Haus zurückgelassen hatte". Das galt für Schränke, Stühle, Spiegel oder Wandbilder, nicht aber für die Inhalte von Schränken und Schubladen. "Meine Mutter hat es am meisten geschlaucht", erinnert sich Helene Bauer, "sie hatte ja auch ihren Garten hinterm Haus verloren. Wir haben dann eine Wiese gepachtet und umgegraben. Dort haben wir Kartoffeln gepflanzt, um wenigstens was zum Essen zu haben. Mit Leiterwagen und Fässern haben wir das Gießwasser rausgefahren."

Das Überleben war eine tägliche Herausforderung. Für alles Notwendige brauchte man Lebensmittelkarten und Bezugsscheine. Auf der entsprechenden Stelle im Rathaus war Helene Bauer von Juni 1946 bis Oktober 1948 als Schreibkraft tätig. Danach hat sie in einer Näherei gearbeitet, bevor sie im Januar 1950 zur Firma Faber & Becker wechselte.

Einige Erinnerungsstücke an die bewegte Nachkriegszeit, die heutzutage kurios anmuten, hat die Weilheimerin aufbewahrt, so etwa einen Bußgeldbescheid von 1948: Drei Mark musste ihr Vater damals bezahlen "wegen Nichtteilnahme am Kartoffelkäfersuchdienst". Auch den umfangreichen Schriftverkehr mit den verschiedensten Behörden hat sie in einem Ordner gesammelt. Meistens geht es dabei um Zuweisungsverfügungen, die besagten, dass Zimmer abzutreten waren. Schon vor dem Kriegsende wohnte eine Frau aus Stuttgart mit ihren beiden kleinen Kindern im Haus. "Bei Fliegeralarm musste ich immer rauf und ihr helfen, ihre Kinder in den Keller zu bringen", erzählt Helene Bauer.

Unmittelbar nach Kriegsende waren wie gesagt Soldaten im gesamten Haus einquartiert, im Anschluss daran kamen die "Litauer", die als "Displaced Persons" (DPs) von der zuständigen UNO-Behörde UNRRA den jeweiligen Gemeinden zugewiesen wurden. "Uns hat man immer erzählt, das seien ehemalige Zwangsarbeiter, die darauf warteten, dass sie wieder heimkonnten", erinnert sich Helene Bauer.

In einem Weilheimer Ratsprotokoll vom 22. März 1946 ist von einem Gesuch derjenigen Hauseigentümer die Rede, "deren Häuser zu Gunsten der Litauer im Oktober vergangenen Jahres geräumt werden mussten". Die Gemeinderatsmitglieder hätten für die Lage der Betroffenen volles Verständnis gezeigt, heißt es weiter, "zumal der hiesigen Bevölkerung hinreichend bekannt ist, dass die Zuteilung des Wohnraumes für die Litauer in geradezu großzügiger Weise durchgeführt wurde". Eine Lösung war allerdings noch auf längere Zeit hinaus nicht abzusehen: "Alle bisher bei der UNRRA unterbreiteten Vorschläge, eine Zusammenlegung des Wohnraumes der Litauer in dem Sinne vorzunehmen, dass wenigstens der Eigentümer des Hauses seine Wohnung wieder beziehen kann, waren ergebnislos."

Erst im Protokoll vom 27. Februar 1948 geht es dann um die Abrechnung der "Litauerkosten", die die Stadt größtenteils vom Amt für Besatzungsleistungen erstattet bekam. Auf die jeweiligen Hausbesitzer kam in dieser Zeit dagegen einiges an Kosten zu, um ihr Eigentum zu sanieren sofern das notwendige Baumaterial überhaupt erhältlich war. "Vor der Währungsreform hat man fast nichts gekriegt", sagt Helene Bauer und zählt einige der reparaturbedürftigen Schäden auf: "Da waren Löcher in den Boden gebrannt, die Badewannen waren zerstört, unterm Dach lagerte der Müll, in allen Häusern hat man den Kammerjäger gebraucht, es gab überall Ratten und Wanzen. Einer hatte in unserer Küche sein Motorrad geparkt, ein anderer hatte ein Loch in die Wand geschlagen und eine Kette mit ,Madenschloss' durchgelegt, um die Schiebetüre abschließen zu können."

Auch wenn die Familie Ende der 40er-Jahre wieder im eigenen Haus wohnen konnte, allein war sie deswegen noch lange nicht: "Wir hatten immer noch fremde Leute im Haus und in der Wohnung." Schließlich waren die Heimatvertriebenen nach wie vor auf Wohnraum in der neuen Heimat angewiesen. In einer Zuweisungsverfügung für das Bauer'sche Haus von 1952 sind unter anderem das "Wasserzapfrecht in der Küche" und die "Abortmitbenutzung" explizit erwähnt. Häufig genug gab es ohnehin kein Wasser im Haus. Mit Eimern und Kannen wurde das Wasser vom Brunnen am Bahnhof geholt.

Anfang Mai 1955 schließlich stellte Helene Bauers Vater den entscheidenden "Antrag auf Freigabe von einem Zimmer der vermieteten beiden Räume im Dachgeschoss meines Wohnhauses" für den eigenen Bedarf. Die Tochter war inzwischen längst erwachsen geworden, das Kriegsende lag bereits volle zehn Jahre zurück und das Wirtschaftswunder hatte rasant an Fahrt aufgenommen.