Lokales

Dritter Versuch hängt in der Luft

Auf 300 Hektar in Baden-Württemberg darf gentechnisch verändertes Saatgut angebaut werden: auf zwei Flurstücken in Oberboihingen sowie auf zwei in Talheim bei Tübingen. Mehr sind beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit nicht angemeldet. Die Oberboihinger Felder bewirtschaftet die Fachhochschule Nürtingen.

REGINA SCHULTZE

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KREIS ESSLINGEN Sieben Hektar hatte der Nürtinger FH-Professor Andreas Schier angemeldet. Die beinhalten ein dickes Sicherheitspuffer: Bepflanzt sind bislang nur 0,5 Hektar mit gentechnisch verändertem Mais. 0,3 Hektar davon gehören zu seinem Langzeit-Freisetzungsversuch, der 2008 beendet sein soll. Schier testet die Herbizidtoleranz der Pflanzen, also ob für den transgenen Mais weniger Pflanzenschutzmittel nötig ist als für herkömmlichen Mais.

"Der bürokratische Aufwand hat zugenommen", klagt Gentechnik-Experte Schier über die geänderte Gesetzeslage. Inzwischen haftet jeder Landwirt (oder die Hochschule) für das, was angebaut wird. Konkret: Pflanzt ein Landwirt gentechnisch verändertes Saatgut, kann ihn ein Biobauer oder ein konventionell wirtschaftender Bauer für Schäden haftbar machen. Schäden bedeutet, wenn es zu unbeabsichtigten Auskreuzungen kommt. "Die Schadenssummen können erheblich sein", sagt die Rechtsanwältin des Landesbauernverbands. Deshalb schätzt sie, dass sich Gentechnik auf deutschen Feldern nicht durchsetzt.

Diese Tendenz bestätigt Schier: "Viele Landwirte haben zurückgezogen, weil sie das Haftungsrisiko nicht übernehmen wollten." Dass die Gentechnik die Geister scheidet und viele die neue Technik vehement ablehnen, weiß Schier. Er hat von anderen Projektleitern gehört, dass Landwirte nicht mehr gegrüßt und vom Pfarrer von der Kanzel herunter gerügt wurden, weil sie gentechnisch veränderte Pflanzen anbauen wollten. "Da gab es wohl böse Szenen."

Der Nürtinger Pflanzenfachmann wurde selbst noch nicht diskriminiert. Allerdings klagt er über das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, das die Versuche genehmigt. "Ich habe das Gefühl, dass da willkürlich entschieden wird." Der Hintergrund: Eigentlich wollte Schier am 1. April nochmals Mais ausbringen. Dort sollte nicht nur die Herbizid-, sondern zusätzlich die Insektenresistenz getestet werden. "Plötzlich werden Dinge gefragt, die man schon letztes Jahr hätte fragen können." Zudem forderte das Amt zusätzliche Untersuchungen. Näheres will er nicht sagen: "Die Sache ist in der Schwebe." Werde nicht bald über den Antrag entschieden, müsse er den Versuch für 2005 abblasen. "Dann verlieren wir ein Jahr."

Dass der Genmais andere Maiskulturen verunreinigt und die FH dafür haftbar gemacht wird, fürchtet Schier nicht: "Bei Freisetzungsversuchen gibt es definierte Abstände, die eingehalten werden müssen." Die liegen bei 200 Metern, die in Oberboihingen selbstverständlich eingehalten würden. Bei so genannten Anbauversuchen gebe es keine Orientierungswerte. "Ab zehn Metern gibt es aber kaum noch Pollenschüttung", sagt der Nürtinger Projektleiter. Verdopple man den Abstand, sei es nahezu ausgeschlossen, dass Pflanzen auf Nachbars Feld zu fremdem Erbgut kommen. Für den benachbarten Biobauer, der jahrelang gegen die Genversuche geklagt hatte, sieht Schier keine Gefahr: "Er baut gar keinen Mais an."

Unterdessen rät der Esslinger Kreisbauernverband nach wie vor, auf Gentechnik zu verzichten. Etwa 90 Prozent der 1000 Landwirte im Kreis sind im Verband organisiert. "Der Verbraucher will's nicht und wir haben langfristig auch keinen Vorteil", meint Verbandsvorsitzender Walter Vohl. Kurzfristig könne man vielleicht Spritzmittel sparen. Nach allem, was man aber von der Natur weiß, könne es gut sein, dass dann wieder mehr Pestizide eingesetzt werden müssten.