Lokales

Düstere Zukunft für Obstwiesen

Die Obst- und Gartenbauvereine schlagen Alarm. "Wenn wir nicht handeln, werden die Streuobstwiesen in 20 Jahren verschwunden sein", warnt Dietmar Hage, Vorsitzender des Kreisverbands. Er sieht die Gefahr, dass die ungepflegten Wiesen versteppen und von neuen Wäldern überzogen werden.

HERMANN DORN

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KREIS ESSLINGEN Hage zeichnet ein dramatisches Bild. "Alle Anstrengungen haben an der negativen Entwicklung nichts geändert", stellt er fest. Auf seinen Streifzügen durch den Kreis findet er immer häufiger Wiesen, die nicht mehr gemäht werden. Viele Bäume warten auf den fachmännischen Schnitt, auf dem Boden verfault das Obst. "Es ist ein Trauerspiel", sagt der Vorsitzende, der um das vertraute Landschaftsbild ebenso fürchtet wie um den Lebensraum für Tiere und Pflanzen.

Frühere Einzelfälle haben sich längst zum Trend verfestigt. Den Ernst der Lage veranschaulicht ein Spaziergang in Obertal. In der Umgebung des kleinen Stadtteils, der sich über Wäldenbronn erstreckt, treten viele Stücklesbesitzer den Rückzug an. Zu beschwerlich ist ihnen die Arbeit geworden, zumal das Alter seinen Tribut fordert. Das Echo auf ihre Suche nach einem Käufer ist dürftig. So bemüht sich ein Rentner seit Jahren vergeblich um einen Nachfolger. Einmal scheitern die Verhandlungen am Preis, dann fehlt ein Wasseranschluss.

Die Obst- und Gartenbauvereine erkennen an, dass sich die Politik um das Thema bemüht. "Die Ergebnisse sind aber enttäuschend", sagt Hage, der sich an eine Aktion des Landratsamts in den 80er-Jahren erinnert. 300 000 Euro hat der Kreis für 38 610 Obstbäume ausgegeben. Heute stehen noch 20 Prozent. Ähnliche Erfahrungen gibt es mit gut gemeinten Werbefeldzügen von Gemeinden, die jedes Jahr mehrere hundert Obstbäume verschenken. Fehlendes Wissen über den Schnitt sowie schwindendes Interesse führen dazu, dass den Aktionen mäßiger Erfolg beschieden ist.

Lokale Bemühungen, Apfelsäfte aus heimischer Erzeugung auf den Markt zu bringen und mit diesem Hinweis beim Verbraucher zu punkten, werden von den Obst- und Gartenbauvereinen begrüßt. An der Krise des Streuobstbaus vermögen solche Initiativen allerdings wenig zu ändern. "Wir müssen die Probleme grundsätzlicher angehen", fordert der Kreisvorsitzende. Als wichtigen Fortschritt wertet er es, dass es gelungen ist, auf Kreisebene wie in der Region Stuttgart runde Tische einzurichten. Zusammen mit Naturschutzverbänden und Behörden suchen Hage und seine Mitstreiter dort nach wirksamen Rezepten.

Ganz oben auf der Tagesordnung sehen die Obst- und Gartenbauvereine das Ziel, das Netz der Annahmestellen dichter zu knüpfen. "Wenn die Erzeuger immer größere Wege zurücklegen müssen, sinkt die Bereitschaft noch weiter, das Obst zu ernten und abzuliefern", so Hage. Bei Preisen von 4,50 Euro pro Doppelzentner überlegten viele Stücklesbesitzer ohnehin, ob sich der Aufwand für sie lohnt. Wer betriebswirtschaftlich denkt, müsse sich an 20 Euro orientieren. Dass in Sulzgries eine weitere Adresse für die Erzeuger von der Bildfläche verschwindet, ist für den Kreisvorsitzenden unter solchen Umständen fatal. Er nimmt die Politik in die Pflicht und fordert Unterstützung für alle Akteure, die sich um die Vermarktung heimischer Säfte bemühen. Mit vereinten Kräften soll das öffentliche Bewusstsein für das Thema geschärft werden. Hage weiß, dass es nicht ausreicht, die 7500 Mitglieder seiner Organisation im Altkreis Esslingen ins Boot zu nehmen. "Das muss eine breite Bewegung werden."

Eine Mitverantwortung für den Niedergang weist Hage dem Gesetzgeber zu. "Alles wird reglementiert", kritisiert er. Die Auflagen für Zäune und Gartenhäuser akzeptiert er. Dass aber auch Sandkästen verboten werden, hält er für übertrieben. Bund und Länder müssten einen kleinen Spielraum schaffen, der es erlaubt, auf den Grundstücken die Freizeit zu verbringen. "Es ist unrealistisch zu glauben, dass wir in großem Stil jene Idealisten finden, die sich ausschließlich der Arbeit an den Streuobstwiesen verschreiben." Wichtig sei ein vernünftiger Ausgleich zwischen Naturschutz und Freizeitgesellschaft.