Lokales

". . . durch einen wohl geführten Schwertstreich glücklich exekutiert"

Was die Kirchheimer Innenstadt an historischer Gebäudesubstanz zu bieten hat, entstand im 16., 17. und 18. Jahrhundert. Über diese Epoche reger Bautätigkeit nicht selten ausgelöst durch Katastrophen schreibt Rosemarie Reichelt in ihrem Beitrag zur neuen Kirchheimer Stadtgeschichte über "eine württembergische Amtsstadt von der Mitte des 16. Jahrhunderts bis zum Ende des Herzogtums".

ANDREAS VOLZKIRCHHEIM Wie in ganz Württemberg, brach auch in Kirchheim die Katastrophe des 30-Jährigen Kriegs erst nach der Schlacht bei Nördlingen im Sommer 1634 herein. Nur wenige Tage nach der Schlacht erreichten kaiserliche Truppen die Stadt. Außerhalb der Stadttore ging es entsprechend wild zu. Brandschatzungen, Mord, Folter, Vergewaltigungen waren an der Tagesordnung. Die Stadtmauern boten zunächst ausreichend Schutz. "Ganz sicher ist jetzt: Die Stadt wurde übergeben", berichtet Rosemarie Reichelt, "es gab keinen Kampf um die Stadt."

Anzeige

Besonders verheerend wirkten sich Pest und Hungersnot im Folgejahr auf die Bevölkerung aus: "Für 1635 sind in Kirchheim über 1 000 Todesfälle verzeichnet. Sonst gab es im Durchschnitt 300 bis 400 Tote in einem Jahr." Der "prominenteste" Tote, den Kirchheim in den Kriegswirren zu beklagen hatte, war allerdings bereits im April 1622 in der Schlacht bei Wimpfen gefallen: Magnus, Sohn Herzog Friedrichs I. und Bruder des damals amtierenden Herzogs Johann Friedrich. Magnus war ein Sohn der Stadt Kirchheim, auch wenn er im Jahre 1594 eher zufällig dort zur Welt gekommen war. Damals herrschte in Stuttgart die Pest, und Friedrich I. residierte ein halbes Jahr lang in Kirchheim.

Herzog Friedrich I. war übrigens derjenige unter den württembergischen Herrschern, die besonderes Interesse an der Stadt Kirchheim hatten. So ließ er unter anderem seine Alchimisten in Kirchheim forschen, die Rosemarie Reichelt zufolge "solide und unsolide Naturwissenschaft" betrieben. Außerdem hat Kirchheim dem Herzog wichtige Meilensteine im Gesundheitswesen zu verdanken: die erste offizielle Apotheke und den ersten Amtsphysikus, also einen für damalige Verhältnisse ausgesprochen seriös ausgebildeten Arzt.

Die Kirchheimer selbst haben in dieser Zeit ihr Bürgerhaus errichtet, indem sie dann Friedrich I. bei Jagdaufenthalten festlich bewirteten. Außerdem diente das repräsentative Gebäude als Kaufhaus. Im Keller lagerten große Weinvorräte der Stadt, und im dritten Stock war der Tanzboden untergebracht. 1661 wurde verordnet, dass Hochzeiten mit mehr als 20 Gästen ausschließlich dort zu feiern sind. 1671 schließlich schaffte die Stadt Feuerspritze und Feuereimer an, die sich ebenfalls im Bürgerhaus befanden.

Diese Gerätschaften konnten allerdings den großen Stadtbrand Anfang August 1690 nicht verhindern. Wie nahezu die gesamte Stadt, fiel auch das stattliche Bürgerhaus dem verheerenden Brand zum Opfer. Erst mehr als 30 Jahre später wurde zwischen 1722 und 1724 an gleicher Stelle das heutige Rathaus errichtet. Generell erfolgte der Wiederaufbau der Stadt nur "schleppend und unter ungeheuren Kraftanstrengungen", wie Rosemarie Reichelt schreibt.

Nachdem Konrad Widerholt in seiner Zeit als Obervogt von 1650 bis 1667 dafür gesorgt hatte, dass es nach Ende des 30-Jährigen Kriegs in und um Kirchheim langsam wieder aufwärts ging, war der Stadtbrand nicht die einzige Katastrophe, die Ende des 17. Jahrhunderts für Rückschläge sorgte. "1688/89 waren wieder ganz schlechte Erntejahre", erzählt Rosemarie Reichelt. Hungersnöte waren die Folge. Hinzu kamen die kriegerischen Beutezüge der Franzosen unter Ludwig XIV., die nicht nur die Rheingegend betrafen, sondern auch am Neckar zu einer realen Gefahr wurden. 1688 hatten französische Truppen bereits Esslingen eingenommen, ohne jedoch nach Kirchheim weiterzuziehen. Fünf Jahre später hatte Kirchheim das "Glück", durch den Stadtbrand noch dermaßen zerstört zu sein, dass es für das französische Heer kein lohnenswertes Ziel darstellte.

Was sich für die Kirchheimer nach dem 30-Jährigen Krieg nicht mehr lohnte, das war der Erhalt der Rossmühle zwischen der Lateinschule (dem heutigen Max-Eyth-Haus) und dem Martinskirchturm. Sie war einst entstanden, um im Verteidigungsfall auch innerhalb der Stadtmauern mahlen zu können. Wie Rosemarie Reichelt im Gespräch berichtet, ist dieser Notfall nie eingetreten: "Laut Quellen ist die Rossmühle nur einmal benutzt worden. Da war der Winter so kalt, dass die Mühlräder draußen stillstanden."

Die Idee der Festungsstadt war also gut 100 Jahre, nachdem Kirchheim zur Landesfestung ausgebaut worden war, bereits wieder passe. Mit Herzog Ulrich und der Reformation hatte die intensive Bautätigkeit in Kirchheim in den 1540er-Jahren begonnen. Der Herdfeld-Friedhof war damals angelegt worden. Der einstige Kirchhof neben der Martinskirche ließ sich somit neu bebauen. So entstand zum Beispiel das Kornhaus als ein Bestandteil des Verteidigungskonzepts für die Landesfestung. Unter Herzog Christoph bereits wurde der Ausbau zur Festung beendet. "Es gibt tolle Pläne über die Renaissance-Fortifikation", erzählt Rosemarie Reichelt. Sie seien aber nur im Kleinen umgesetzt worden.

Neben großen Plänen, tatsächlicher Bautätigkeit, neben Kriegsereignissen und Stadtbrand hat sich die Autorin unter anderem auch um "Trivialgeschichtliches" gekümmert. Kriegsgewinnler gehören ebenso dazu wie korrupte Würdenträger etwa Silvester Eckher, der aus einer angesehenen Familie stammte und zuletzt den Rang eines "herzoglichen Kellers" bekleidete. Ämterhäufung war damals üblich, und so hatte er die Gelegenheit, im großen Stil Gelder zu unterschlagen, Rechnungen zu fälschen und sich somit persönlich zu bereichern. 1564 flog schließlich alles auf. Eckher wurde gefangengesetzt, gefoltert und kam gegen eine hohe Kaution wieder frei.

Anderen Delinquenten erging es wesentlich schlechter: Mörder, insbesondere auch Frauen, die ihre unehelich geborenen Kinder getötet hatten, wurden auf dem Richtplatz (wo heute das Henriettenstift steht) mit dem Schwert enthauptet. Mitte des 18. Jahrhunderts war sogar eine "gehobene Bürgerstochter" davon betroffen, wie Rosemarie Reichelt schreibt. Im Beisein einer großen Zuschauermenge wurde sie wegen Tötung ihres Neugeborenen "durch einen einzigen wohl geführten Schwertstreich glücklich exekutiert", wie es damals hieß. "Glücklich" heißt in diesem Fall natürlich nichts anderes als "erfolgreich". Positives kann die Kirchheimer Historikerin aus den Zeiten, als ein aus heutiger Sicht archaisch anmutendes Rechtsverständnis herrschte, aber dennoch berichten: "Während Mörder und Kindsmörderinnen unbarmherzig mit dem Tode bestraft wurden, weisen die Kriminalakten aus Kirchheim keine Hexenverbrennungen nach auch nicht im 16. Jahrhundert."