Lokales

Durch Schulden zu Armut und Ausgrenzung

KIRCHHEIM Überschuldung ist längst zu einem Massenphänomen geworden. Die neuesten Zahlen belegen, dass sich die Situation nicht verbessert, sondern vielmehr noch verschlimmert hat. So sind mittlerweile rund 3,13 Millionen Haushalte in Deutschland überschuldet, rund 400 000 mehr, als noch vor vier Jahren. Über 3000 verschuldete Haushalte gibt es nach Schätzungen im Einzugsbereich der Schuldnerberatung Kirchheim der Diakonischen Bezirksstelle, die für den Kirchenbezirk Kirchheim zuständig ist. Ihr "Gebiet" umfasst etwa 82 000 Einwohner und reicht von Kirchheim bis nach Lenningen mit all seinen Teilorten, ebenso bis Neidlingen und Notzingen. Hilfreich zur Seite stehen den Ratsuchenden die Teilzeit-Arbeitskräfte Heike Blankenhorn-Frick und Silke Jähner.

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Vor dem Hintergrund steigender Verschuldung stellt für immer mehr Betroffene das Verbraucherinsolvenzverfahren den letzten Ausweg dar, um aus der Schuldenfalle heraus den Weg in ein Leben mit Perspektiven zu finden. Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass die Zahl der Privatinsolvenzen weiter sprunghaft ansteigt. Im Jahr 2004 ist eine Steigerung von nicht weniger als 46 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu verzeichnen. Eine Tendenz, die sich für die Kirchheimer Schuldnerberaterinnen abzeichnet, besteht darin, dass immer mehr Ehepaare im Alter von Mitte bis Ende 50 Rat suchen.

Die Überschuldung privater Haushalte ist zwar ein drängendes, aber oft unsichtbares Problem. Leicht tritt dabei in den Hintergrund, welche Schicksale sich hinter diesen Zahlen verbergen. Meist sind Arbeitslosigkeit, Krankheit, Scheidung oder Trennung die Ursachen, die in die finanziellen Nöte führen.

Folgender familiärer Hintergrund ist nach den Erfahrungen von Heike Blankenhorn-Frick und Silke Jähner ebenfalls recht typisch: Meist ging der Mann arbeiten, die Frau versorgte den Haushalt. Doch dann werden die Männer arbeitslos, die Frauen können nicht mehr Fuß fassen im Berufsleben. Wenn der Bewilligungszeitraum für das Arbeitslosengeld ausläuft, muss das Paar Hilfen nach Hartz IV beantragen. "Das Geld, das sie dann bekommen, reicht gerade zum Leben, nicht aber um eventuell noch offene Kreditverpflichtungen zu begleichen", sagen die Beraterinnen. Gleichzeitig betonen sie, dass nicht einfach behauptet werden kann, die Betroffenen wären unvorsichtig mit ihrem Geld umgegangen. Hätte der Mann bis 65 gearbeitet und dann Rente erhalten, wären die Schulden bis dahin längst abgezahlt gewesen, und die Rente würde die Lebenshaltungskosten gut abdecken.

Überschuldung führt nicht selten zu Armut und Ausgrenzung. Wer Schulden angehäuft hat, braucht Hilfe, damit er sich wieder aus eigener Kraft unterhalten kann und nicht in Abhängigkeit von Gläubigern oder Staat leben muss.

Wenn umgangssprachlich von "Schuldenlast" und davon gesprochen wird, dass Schulden krank machen, dann ist nach Erkenntnissen damit befasster Menschen sehr viel Wahres darin verborgen. Kaum ein Außenstehender macht sich in vollem Umfang bewusst, was es konkret bedeutet, über längere Zeit hinweg seinen Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen zu können.

Wer verschuldet ist, fühlt sich oft auch schuldig und sei es noch so unberechtigt. Der Druck der Gläubiger, Scham vor Freunden, Bekannten und selbst der eigenen Familie und schließlich die Angst vor dem völligen sozialen Absturz kommen hinzu. All das führt dazu, dass die Betroffenen in geradezu erschreckendem Ausmaß mutlos sind und am Leben verzweifeln.

Auch die Auswirkungen für die Kinder, die durch die Überschuldung der Eltern betroffen sind, sind bitter. Sie leiden am meisten darunter, ausgegrenzt zu sein und nicht mit ihren Freundinnen und Freunden mithalten zu können.

Um eben diese Schicksale sichtbar zu machen, haben die Schuldnerberatungsstellen im Landkreis Esslingen mit Menschen Gespräche über ihre Erfahrungen, Einstellungen und Gefühle im Zusammenhang mit ihrer aktuellen Lebenssituation geführt. Die Gespräche zeigen auf: Ängste, Schuldgefühle und Scham führen bei vielen Betroffenen zu Isolation und Resignation. Aber auch Mut, der Wille zum Neuanfang und veränderte Ansichten über Werte können die Folgen einer solchen Krisensituation sein.

Die individuellen Beispiele, die ab morgen im Teckboten abgedruckt werden, sollen deutlich machen, wer der Mensch hinter den Schulden ist nämlich jemand "wie du und ich".

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