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Eduard Mörikes Neujahrsgruß wurde von Kindern gesungen

BISSINGEN Der Gottesdienst in der kleinen Ochsenwanger Kirche gestaltete sich am Neujahrsmorgen des Jahres 1853 wie schon am vorhergehenden Silvesterabend etwas anders, als es die Einwohner des Albdorfes gewohnt waren. Der junge,

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WERNER FRASCH

gerade 28-jährige Pfarrverweser Eduard Mörike hielt nicht nur die übliche Predigt und sang mit der Gemeinde die bekannten Kirchenlieder aus dem Gesangbuch. An diesem besonderen Jahreswechsel durften auch die Kinder am Gottesdienst mitwirken und Lieder singen, deren Verse der junge Pfarrer gedichtet und mit den Dorfkindern einstudiert hatte. Eduard Mörike war ein knappes Jahr vor diesem denkwürdigen Gottesdienst in das abgelegene Dorf auf der rauen Alb gekommen. Es zählte damals etwa dreihundert Einwohner und war erst seit zehn Jahren eine selbstständige Pfarrei. Mörike hatte seine letzte Dienstprüfung noch nicht ablegen können und war daher immer noch Vikar. Trotzdem setzte ihn die Kirchenbehörde in dem kleinen Ort als Pfarramtsverweser ein.

Als misslich empfand der junge Pfarrer den Gesang der Ochsenwanger Kirchenbesucher, der nichts weniger als "schreiend und ohne Ausdruck" war. Dabei war Musik für Eduard Mörike neben der Literatur ein wahres Lebenselexier. Der Besuch von Konzerten und der Oper später sollte er mit seiner Novelle "Mozart auf der Reise nach Prag" dem größten Komponisten seiner Zeit ein literarisches Denkmal setzen gehörten für ihn seit der frühen Jugend zum Alltag.

Bruder Karl komponiertEs ist daher nicht weiter verwunderlich, dass der Musikliebhaber Mörike schon bald versuchte, den Kirchengesang in Ochsenwang zu heben. Bei den erwachsenen Kirchgängern hatte er wohl wenig Hoffnung auf Besserung; für Übungsstunden hätten die Bauern ohnehin weder Zeit noch Sinn gehabt. Der Pfarrverweser versprach sich dagegen mehr davon, die Kinder für einen harmonischen Gesang zu begeistern, war ihm die "Kinderlehre" doch ein besonderes Anliegen und wahres Vergnügen. Noch in keiner seiner zahlreichen Gemeinden zuvor hatte er von den jüngsten Besuchern der Gottesdienste so prompte und frische Antworten bekommen wie in Ochsenwang. Da traf es sich gut, dass sein Bruder Karl im Oktober 1832 ein neue Bleibe suchte. Er war Amtmann im oberschwäbischen Städtchen Scheer gewesen, hatte sich dort allerdings Umtriebe gegen die Obrigkeit zu Schulden kommen lassen und musste deshalb mehrere Monate im Staatsgefängnis auf dem Hohenasperg verbüßen. Nach seiner Entlassung kam er beim Bruder in Ochsenwang unter und konnte sich dort auf verschiedene Weise nützlich machen. Dazu gehörte auch der Gesangsunterricht für die Dorfkinder. Die Bemühungen trugen Früchte. Am Silvesterabend des Jahres 1832 sangen die Ochsenwanger Kinder ein von Karl Mörike vertontes Gedicht Eduards mit dem Titel "Seufzer": "Dein Liebesfeuer, / Ach, Herr wie teuer / Wollt' ich es hegen, / Wollt' ich es pflegen / Hab's nicht geheget, /Und nicht gepfleget, / Bin tot im Herzen / O Höllenschmerzen." Zum Silvesterabend 1832 entstanden auch die Verse auf die Melodie "O sanctissima": Jesu, teures Licht, / Du verlass uns nicht! / Führ uns die seligen Weiden! Zeig uns die hellen, / Lieblichen Quellen, / Die da zum Leben geleiten! . . ."

Eine OpernmelodieDas Lied am Neujahrsmorgen, sicherlich der populärere der Mörike'schen Verse zu diesem Jahreswechsel, wurde allerdings nicht von Bruder Karl in Noten umgesetzt. Nach den Angaben Eduards war es nach der Melodie von Antonio Salieris Oper "Axur, König von Omus" zu singen. Dieses Werk des Mozart-Rivalen, 1788 im Wiener Burgtheater uraufgeführt, wurde in Mörikes Ochsenwanger Zeit häufig in der Stuttgarter Hofoper gegeben und seine Melodien waren in musikbegeisterten Kreisen damals sehr populär. Naheliegend ist allerdings, dass in Ochsenwang die Melodie zuvor noch niemand gehört hatte, geschweige, dass jemandem die Handlung dieser tragisch-komischen Oper vertraut war. Das Lied wurde auch in die 1838 erschienene erste Gesamtausgabe der Gedichte von Eduard Mörike aufgenommen. Auch dort ist der Text als "Kirchengesang" gekennzeichnet, vielleicht in der Hoffnung, dass das Lied Bestandteil des kirchlichen Liedgutes werden möge. In dieser Erstausgabe ist das Lied mit folgendem Wortlaut wiedergegeben:Zum neuen JahrKirchengesang(Melodie aus Axur: Wie dort auf den Auen)Wie heimlicher WeiseEin Engelein leiseMit rosigen FüßenDie Erde betritt:So nahte der Morgen.Jauchzt ihm, ihr Frommen,Ein heilig Willkomen,Ein heilig Willkommen!Herz, jauchze du mit!In ihm sey's begonnen,Der Monde und SonnenAn blauen GezeltenDes Himmels bewegt.Du, Vater, du rahte!Herr, dir in die HändeSey Anfang und Ende,Sey Alles gelegt!

Der NeujahrswunschDer Neujahrstag des Jahres 1833 war der einzige Jahresbeginn, den Eduard Mörike in Ochsenwang verbracht hat. Schon bald nach dem Jahreswechsel wollte er den Ort auf der rauen Alb mit Rücksicht auf seine angegriffene Gesundheit verlassen. Er musste jedoch noch bis in den nächsten Spätherbst hinein in dem Ort auf dem Berg bleiben, an den er sich wie angekettet fühlte.

Trotzdem empfang er für seine Ochsenwanger eine tiefe Zuneigung, die nicht zuletzt in den seelsorgerischen Wünschen an die Gemeinde im Gottesdienst an diesem Neujahrsmorgen ausgesprochen wurden. Im Verkündigungsbuch ist der Wortlaut dieser Botschaft festgehalten. Die zahlreichen Korrekturen, Ausbesserungen und Streichungen dieses Aufschriebs zeigen, dass sich sein Verfasser mit der Formulierung nicht leicht getan hat. Offenbar kam es ihm auf jedes Wort an, und dabei klingen die Ausführungen doch recht unspektakulär. Sie gehören im Übrigen zu den wenigen überlieferten pastoralen Äußerungen Mörikes und lauten in der von ihm niedergelegten Schreibweise und Interpunktion: "Ich schließe mit herzlichen Segenswünschen für diese werthe Gemeine. Möge ein wohllöblicher Magistrat in dem fröhlichen Gedeihen sowohl des eigenen häuslichen Lebens als auch des gemeinen Wohles, eine Ermunterung und den Lohn seiner öffentlichen Bemühen finden! Möge jedem Bürger jeder Familien, den Witwen und Waisen die Liebe und Freundlichkeit unsres Gottes auf recht manchfache Weise erscheinen! Der Allmächtige sey mit allen unseren öffentlichen Anstalten. Sein Geist begleite die Verkündigung des ewigen Wortes in dieser unserer Kirche, und lasse uns ferner Weisheit Kraft Besserung Trost und Erquickung hier finden. Es blühe unsere Jugend! Unser Schulstand! Die Arbeit des Lehrers belohne sich durch einen glücklichen Erfolg und dankbare Anerkennung seiner amtlichen Thätigkeit. Gottesfurcht gute Sitte christliche Zucht, Friedfertigkeit sey und bleibe der Ruhm dieser Gemeinde, so wird Gott es uns an keinem der äußerlichen Güter fehlen lassen. Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes so wird Euch das übrige Alles zufallen."

In Ochsenwang hatte Eduard Mörike Phasen des höchsten Glücks verspürt. Die guten Wünsche, die er am Neujahrstag 1833 an seine Gemeinde richtete, gingen bei ihm selbst allerdings nicht in Erfüllung. Ausgerechnet in dem Jahr, in dem sich für den angehenden Pfarrer beruflich ein Silberstreif am Horizont abzeichnete und nach kurzen Stationen in Weilheim und Ötlingen bald die Ernennung zum Pfarrer in Cleversulzbach folgte, sollten sich die Wege von Eduard Mörike und Luise Rau trennen.