Lokales

Ehe für eine Nacht und die Macht der chinesischen Moso-Frauen

KIRCHHEIM Die unterschiedlichsten Frauenwelten freudig vereint unter dem Dach der Stadtbücherei. Die siebte Frauenlesenacht, gemeinsam organisiert vom Pädagoginnentreff und dem Bürgerbüro, gab einen überaus interessanten Einblick in das kulturelle Leben von Frauen aus China, Russland, Korea und Finnland. Ein sinnstiftender

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BRIGITTE GERSTENBERGER

multikultureller Abend mit erfrischender Poesie und anregenden Gesprächen.

Begrüßt wurden die zahlreichen Besucherinnen mit einem Zigeunertanz, dargeboten von Nathalie Lange. Temperamentvoll wurde so eingestimmt auf die Begegnungen mit Frauen vom Osten Europas und dem fernen Asien. Die vier Leseecken, speziell dekoriert nach dem jeweiligen Herkunftsland, boten den Frauen die Gelegenheit, in eine andere Welt einzutauchen.

Witzig-spritzig und mit viel Humor gesegnet berichtete die Finnin Kurka aus ihrem Heimatland und ihrem Leben in Deutschland. Mit 16 Jahren hatte sie ihren späteren Mann, der damals durch Finnland trampte, kennen gelernt. "Mit deutscher Gründlichkeit hat er mir in Abständen von fünf Tagen einen Brief geschrieben". Das finnische Wort "siso" bedeutet zäh und mit der den Finnen innewohnenden Zähigkeit hat sie sich auch in Deutschland "durchgebissen".

"Wie machst du das nur in Deutschland, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren? In einem Land, wo die Kinder um 12 Uhr nach Hause kommen". Elf Au-pair-Mädchen aus Finnland hat die Wirtschaftskorrespondentin "überlebt, und die Kinder auch".

Beim Start in Deutschland haben ihr aber immer wieder Menschen geholfen, das waren richtige "Schutzengelleute". Kurka las aus "Exilliebe From Finland with love" von Roman Schatz vor. Ein Buch, das "die Macken der Finnen" treffend und detailliert analysiert.

In der Provinz Yunan im Südwesten Chinas lebt das kleine Volk der Moso, das sich eine besondere Tradition bewahrte, die sie vom Rest des Landes unterscheidet. Im Land der Töchter haben die Frauen das Sagen, so Ju Wang-Sommerer, die seit vierzehn Jahren in Wendlingen lebt. Die Mutter ist das Oberhaupt der Familie, sie verwaltet den Besitz und entscheidet über das Erbe. Haus, Hof und Namen gehen von ihr auf die Töchter über. "Die Besuchsehe ist für die Frauen ein Symbol der Gleichberechtigung, ein Mann geht zu einer Frau, sie lieben sich, und dann verschwindet er wieder". Wang-Sommerer studierte im Reich der Mitte Englisch. "Ich habe die deutsche Sprache wirklich gebüffelt, zum Beispiel ,Guten Tag' und ,Auf Wiedersehen'. Als ich hier ankam, sagte jeder ,Grüß Gott' und ,Ade', das war alles nicht so einfach". Die Übersetzerin für Englisch, Deutsch- und Chinesisch hatte sich das Kinderbuch, "Abenteuer eines Apfelmädchens", ausgesucht. Eine Geschichte über Mut und Gutmütigkeit.

Die russische Lyrikerin Anna Achmatowa (1889 1966) ist zweifelsohne eine der markantesten Gestalten der russischen Literatur. Gedichte aus "Poem ohne Held" trug Katharina Weitz vor. Aufgewachsen in Russlands wichtigster Hafenstadt am Pazifik, Wladiwostok, kam Weitz vor vielen Jahren nach Deutschland. Schwierige Zeiten hat die Russlanddeutsche durchlebt, in deren Herzen zwei Kulturen schlagen. "Für zwanzig Rubel bin ich regelmäßig zum Blutspenden gegangen, dafür habe ich mir dann für mein Studium Goethes Faust kaufen können". Lange vor dem "Pferdeflüsterer" spricht der Fährtenleser Dersu Usala mit den Tieren, den Gräsern und dem Wald, der Sonne und den Wolken. Die poetische Erzählung von Wladimir Arsenjew, "Der Taigajäger", führte die Zuhörerinnen von Wladiwostok bis hin ins Grenzgebiet zur Volksrepublik China.

"Die Schwaben sind recht stur und haben eine hohe Mauer um sich herum aufgebaut, sie zu überspringen ist nicht so einfach", so die Koreanerin Mi-Hae Park-Schalow. Charmant erzählte sie von kämpferischen koreanischen Frauen, die auf ihre Weise emanzipiert sind. "Die Familie meines verstorbenen Mannes stammt aus Pommern, das passt gut zusammen". Park-Schalow, die stolz darauf ist, verschiedene Kulturen unter einen Hut zu bringen "ich esse mit Stäbchen genauso gut wie mit Messer und Gabel" sie setzte sich an diesem aufschlussreichen Leseabend mit den Parallelitäten koreanischer und deutscher Sprichwörter auseinander.

Mit jiddischen Liedern, Balladen von Brecht und französischen Chansons, vorgetragen von Marla am Akkordeon, ging eine unterhaltsame und rundum informative Frauenlesenacht zu Ende.