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Ehemalige Dettinger Erzieherin kann sich bei Überfall auf kenianisches Kinderheim retten

Ehemalige Dettinger Erzieherin kann sich bei Überfall auf kenianisches Kinderheim retten

Im Februar wurde das Kinderheim des Münsinger Straßenkinderprojekts Eldoret in Westkenia überfallen, ausgeraubt und niedergebrannt. Die deutsche Sozialarbeiterin und ehemalige Dettinger Erzieherin Birgit Zimmermann konnte sich und die Kinder in Sicherheit bringen. Jetzt ist sie erst einmal zurück in Bempflingen, wo sie sich von dem Schrecken erholt.

Marisa Schneider

Kirchheim. „Es ist hauptsächlich Enttäuschung“, so beschreibt Birgit Zimmermann ihre Gefühle über das jähe Ende des Straßenkinderprojekts in Sugoi bei Eldoret. Seit 1999 hatten der Evangelische Kirchenbezirk Münsingen und die Presbyterianische Kirche Ostafrikas (P.C.E.A.) zusammen mit freiwilligen Helfern das Kinderheim in Sugoi aufgebaut. Das Ziel: den immer mehr werdenden Straßenkindern in Eldoret zu helfen und ein Zuhause zu bieten. Rund 130 Jungen im Alter von fünf bis 22 Jahren lebten bis zu dem Überfall im „Eldoret-Münsingen Children‘s Home and School Sugoi“. Die meisten von ihnen gingen in die dazugehörige Schule. „Die Münsingen Academy“ sei eine Primary School gewesen, also eine achtjährige Grundschule, erklärt Birgit Zimmermann.

Sie selbst ist seit 2005 als Sozialarbeiterin in Sugoi tätig. In dieser Zeit wurde das Projekt immer weiter ausgebaut. Um den Austausch zwischen Deutschland und Kenia zu fördern, errichteten sie ein Gästehaus. Erst vor Kurzem konnte der deutsch-kenianische „Arbeitskreis Eldoret“ die neue Berufsschule einweihen, welche die älteren Jungen im Handwerk ausbilden und in ein selbstständiges Erwachsenenleben hineinführen sollte. Außerhalb der Schule war und ist noch immer Birgit Zimmermann die Bezugsperson der Schüler. Mit ihren Sorgen würden die Jungen zu ihr kommen – und die hatten sie in den vergangenen Tagen reichlich.

Dem Überfall in der besagten Nacht gingen turbulente Wochen voraus. Birgit Zimmermann bezeichnet diese als „regelrechte Kriegssituation“. Im Dezember letzten Jahres fand in Kenia die Präsidentenwahl statt. Mwai Kibaki, der dem bevölkerungsreichsten kenianischen Stamm der Kikuyu angehört, wurde in seinem Amt als Präsident bestätigt – ein Wahlergebnis, das viele als verfälscht betrachten und nicht akzeptieren. Auf die Wahl folgten Gewaltakte zwischen den verschiedenen Stämmen – hauptsächlich gegen die Kikuyus.

Fast 95 Prozent der Mitglieder der P.C.E.A. und auch einige Lehrer im Kinderheim seien Kikuyus, berichtet Zimmermann. Im Januar mussten die Lehrer die Schule in Sugoi aufgrund der wachsenden Bedrohung durch die Nandis, die zu den Oppositionsstämmen gehören, verlassen. Nachdem die Kikuyus sich vom Kinderheim wegbegeben hatten, erklärte sich ein Komitee aus den ortsältesten Nandis zu den Beschützern des Heims. Birgit Zimmermann erinnert sich noch an deren Worte: „Wir sind jetzt eure Eltern.“ – wenige Stunden später wurde das Straßenkinderprojekt von anderen Nandis überfallen und abgebrannt.

Die Bempflingerin wollte gerade zu Bett gehen, als die Männer das Kinderheim überfielen. Zusammen mit ein paar Schülern befand sie sich zwischen dem Kinderheim und dem Gästehaus, wo die Eindringlinge sie auch festhielten. Die Mehrheit der Kinder war weiter unten im Gelände. Birgit Zimmermann musste zusehen, wie das neue Gästehaus und die anderen Gebäude in Flammen aufgingen. „Mir haben einfach nur die Knie gezittert, als ich das sah.“, erzählt sie. Ein Nandi aus der Nachbarschaft führte die kleine Gruppe heimlich vom Ort des Geschehens weg, bei ihm warteten sie eine Weile, versuchten, wenigstens ein bisschen zur Ruhe zu kommen. Später beschlossen sie, zur Polizei zu fahren. In einem kleinen Bus tuckerten sie los, immer in der Angst entdeckt zu werden. Die Polizei kam Stunden später zum Gelände des Kinderheims, wo kein einziges Gebäude verschont geblieben war. Gefasst wurde bis heute keiner der Täter.

Birgit Zimmermann und die anderen Mitarbeiter konnten sich von dem Schrecken allerdings nicht gleich erholen, schließlich brauchten die Kinder ihre volle Unterstützung. Die 130 Jungen wurden auf dem Gelände einer Schule in Eldoret untergebracht. Abgesehen von ihrem materiellen Verlust, hatten alle noch einmal Glück – nur wenige wurden leicht verletzt. Die Sozialarbeiterin flog, nachdem die Jungs notdürftig untergebracht waren, Ende Februar zurück nach Deutschland, wo sie ihre Kräfte wieder sammeln kann.

„Es tut gut, wieder hier zu sein und auszuspannen.“, erklärt die 37-Jährige. Inzwischen habe sie sich gut von den Erlebnissen erholt. An ihrem ehemaligen Arbeitsplatz im Dettinger Kindergarten Regenbogen hat sie auch schon vorbeigeschaut. „Es ist einfach schön, wieder nach Hause zu kommen und Dettingen habe ich schon vermisst.“, schwärmt die frühere Kindergärtnerin. Sie habe ihre Arbeit als Erzieherin in der Schlossberggemeinde genossen. Für sie sei es aber einfach an der Zeit gewesen, etwas Neues zu tun – und die Arbeit in Kenia ist gerade ihr Leben.

Über dieses wird sie auch während der dreieinhalb Monate, die sie im Schwabenland verbringt, mehrmals berichten. In der Dettinger Gemeinde ist ein Infoabend geplant, in ihrem früheren Wohnort Nabern wird sie während eines Gottesdienstes über ihre Erlebnisse berichten. Im Juni geht es für sie dann wieder nach Kenia. Das Straßenkinderprojekt soll auf jeden Fall weitergeführt werden – wie und wo ist bis jetzt allerdings noch unklar. Sicher ist zumindest, dass die 130 Jungs mitgenommen werden, gebunden sind sie ja an nichts. Die Sozialarbeiterin freut sich jetzt schon wieder auf ihre Kinder und Kenia, „das einfach wunderschön ist.“ Zwar bleibe Deutschland immer ihre Heimat, aber in Kenia habe sie eine zweite Heimat gefunden – und das Straßenkinderprojekt braucht sie mehr denn je.

Spendenkonto des Arbeitskreises Eldoret

Evangelische Kirchenbezirkskasse

Kreissparkasse Reutlingen

Konto: 1 001 534

BLZ: 640 500 00

Kennwort: „Eldoret-Sugoi“

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