Lokales

Ehrenmorde passieren mitten in Deutschland

Hanife Gashi hat ihre Lebensgeschichte aufgeschrieben und möchte damit erreichen, dass das verhindert wird, was ihr widerfahren ist. Ihre 16-jährige Tochter Ulerika wurde von ihrem eigenen Vater im Namen der Ehre erdrosselt, weil sie einen Freund hatte, der nicht den Vorstellungen des Vaters entsprach.

RENATE SCHATTEL

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KIRCHHEIM "Mein Schmerz trägt deinen Namen" heißt das bewegende Buch, aus dem die Migrantin aus Kosovo-Albanien in der Aula der Kirchheimer Alleenschule auf Einladung des Fördervereins der Alleenschule vorlas. Unterstützung in den schwierigen Lebensverhältnissen und für ihren Gang in die Öffentlichkeit fand Hanife Gashi bei der Menschenrechtsorganisation Terre Des Femmes (TDF) in Tübingen. Collin Schubert von TDF begleitete die Autorin auf ihrer Lesung. Die Idee zu dem Buch sei aus den vielen Gesprächen, die Hanife Gashi mit den Kolleginnen von TDF führte, entstanden. "Hanife Gashis Lebensgeschichte ist beispielhaft und wichtig, um die Diskussion über die Ehrenmorde zu entfachen", erklärte Collin Schubert.

Die 16-jährige Ulerika wurde mit einem Klebeband erdrosselt, ihre einzige Schuld sei gewesen, dass sie so sein wollte, wie ihre deutschen Freundinnen. Und sie hatte einen Freund, dessen Mutter Bosnierin war und keine Kosovo-Albanerin, wie Ulerikas Eltern. "Warum konnte der Mord nicht verhindert werden?", fragte die überzeugte Menschenrechtlerin. Die Migrantinnen und Migranten lebten mit uns Deutschen Seite an Seite, seien aber wie in einem Kokon abgeschieden von der übrigen Welt und niemand bemerke etwas von den blauen Flecken, Blutergüssen und blutenden Wunden, die den Frauen angetan werden, weil diese sich versteckten aus Angst vor neuen Misshandlungen durch den Ehemann. "Die Männer sind in einem streng traditionell-patriarchalischen Weltbild erzogen worden, in dem die Frau dem Mann absolut untergeordnet ist", zeigte sie auf.

Die Ehre spiele in der patriarchalischen Gesellschaft eine große Rolle und gehe auf die frühe Stammesgeschichte zurück. Dort war der Mann dafür zuständig, das Eigentum zu verteidigen und zu diesem gehörte auch die Frau. "Frauen verkörpern die Familienehre, indem sie sich sittsam verhalten. Sie besitzen selbst aber keine Ehre", beschrieb Schubert die bis heute bestehende Situation. Die Frauen werden früh verheiratet und streng bewacht, die Mädchen regelrecht ausgegrenzt, dürfen nicht an Klassenfahrten und Sportunterricht teilnehmen und schon gar keine Kontakte zum anderen Geschlecht aufnehmen, vor der Ehe würden sie einem Jungfräulichkeitstest unterzogen. "Der Jungfräulichkeitstest wurde in der Türkei erst vor drei Monaten verboten", sagte Schubert. Schnell sei der gute Ruf beschädigt und die Ehre verletzt. Dann beschließe der Familienrat, an dem auch die Mütter beteiligt sind, ob das Mädchen verstoßen oder ermordet werde.

Im Falle von Ulerika Gashi hat aber die Mutter ihre Töchter immer unterstützt. Hanife Gashi hat ihrer Tochter am Grab versprochen, dass ihr Tod nicht umsonst gewesen sein soll und sie publik machen wolle, dass solche Ehrenmorde mitten in Deutschland passieren. Mit gleichmäßiger Stimme las die bildhübsche Autorin aus ihrer Lebensgeschichte vor. Angesehen hat ihr niemand das Leid, das sie durchmachen musste, denn ihre Fassade war immer perfekt. "Ich habe viel zu lange gewartet, meine Misshandlungen der Polizei zu melden. Ich rate den Frauen, sich nicht zu verstecken und sich mitzuteilen", sagte sie eindringlich den Betroffenen.

Hanife Gashi wuchs unbeschwert und frei im Kosovo auf bis zu dem Tag, als sie völlig unvorbereitet davon erfuhr, dass sie verlobt worden war. "Ich fühlte mich verraten und verkauft, denn ich war bereits verlobt, ohne dabei zu sein und ohne den Mann zu kennen", beschrieb sie die Situation. Aus Angst vor der eigenen Hinrichtung fügte sie sich in ihr Los und trat einen zwanzig Jahre dauernden Leidensweg an. Ihr Wunsch war gewesen, Ärztin zu werden, nun musste sie, mit gerade bestandenem Abitur, als Bäuerin auf den Hof ihrer Schwiegereltern ziehen.

Von dort musste die Familie aus politischen Gründen nach Deutschland fliehen, wo sich Hanife mit Deutschkursen und einer Berufsausbildung gut einlebte, ihr Mann Latif sich aber von Arbeitskollegen und Nachbarn abschottete. Der sehr seinen patriarchalischen Traditionen verhaftete Latif hat nicht verkraftet, dass sich Frau und Töchter immer selbstständiger machten. Immer häufiger kam es zu gewaltsamen Übergriffen. Im September 2002 gestand Ulerika ihrer Mutter, dass sie einen Freund habe, dessen Mutter aber keine Albanerin sei. Als Ulerika sich weigerte, sich von ihrem Freund zu trennen, eskalierte der Streit und sie musste ihr Leben lassen. Latif wurde wegen Mordes zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt, obwohl sonst die Ehrenmorde wegen "kultureller Hintergründe" milder bestraft werden. Hanife hat sich scheiden lassen und zusammen mit ihren Töchtern ihren Mädchennamen wieder angenommen. Die Verwandten im Kosovo machten ihr zwar Vorwürfe, zeigten aber auch Verständnis, denn die Einstellung der Menschen hat sich in den letzten zwanzig Jahren gewandelt.

Im Gespräch mit Lehrerinnen der Alleenschule wurde deutlich, dass es das Beste ist, mit den gefährdeten Mädchen so schnell wie möglich zum Jugendamt zu gehen. Dort werden sie in Obhut genommen, können in einem Heim ihre Ausbildung fertig machen und bekommen psychologische Betreuung. Wenn der Kontakt zur Familie gesucht wird, dann nur mit einem Betreuer, der die Mädchen schützt. "Den Mädchen bleibt aber nichts anderes übrig, als sich von der Familie zu trennen und unterzutauchen". Das hat aber die völlige Entwurzelung der jungen Frauen zur Folge. Die psychischen Belastungen können nur durch Fachkräfte in den Griff gebracht werden.

Auch Terres Des Femmes bietet bundesweit vier anonyme Wohneinheiten mit Betreuung für Migrantinnen an. Die Frauenrechtsorganisation hat eine Kampagne ins Leben gerufen, die über die Ehrverbrechen aufklärt. "Nein zu Verbrechen im Namen der Ehre" will durch Vorträge, Info-Materialien und Aktionen darauf aufmerksam machen. TDF fordert mehr Beratungsstellen, Notaufnahmen sowie bessere Integrationsmaßnahmen für Migrantinnen und setzt sich dafür ein, dass die Täter nicht wegen "kultureller Unterschiede" strafmildernde Umstände bekommen.

Für die Lehrerinnen und Lehrer an der Alleenschule wie an allen anderen Schulen ist erhöhte Aufmerksamkeit für gefährdete Mädchen geboten, denn auch in Kirchheim geschah schon ein Mord im Namen der Ehre. Anlaufstellen sind in erster Linie das Jugendamt, aber auch Terres des Femmes in Tübingen unter www.frauenrechte.de.