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Eichenprozessionsspinner können "ätzend" sein

Auch wenn sie ein Teil der Natur sind, so handelt es sich doch um äußerst unangenehme Zeitgenossen: Die Eichenprozessionsspinner mit ihren giftigen Nesselhärchen können für den Menschen eine schmerzhafte Angelegenheit werden. Anfang der Woche wurden in Nürtingen die ersten Fälle von Kontaminationen in diesem Frühjahr bekannt.

UWE GOTTWALD

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NÜRTINGEN Es sollte ein erfrischendes Badevergnügen werden, doch für ein Ehepaar mit ihrem Kleinkind endete der Sonntagnachmittag im Nürtinger Freibad äußerst schmerzhaft. Sie kamen offensichtlich mit den Härchen einer unscheinbaren, aber umso unangenehmeren Raupenart in Berührung. Die Gefahr, die vom Eichenprozessionsspinner ausgeht, wird oft nicht erkannt oder unterschätzt, wurde nach Auskunft von Fachleuten in Deutschland bisher vor allem nur in den wärmsten Regionen wie der Rheinebene beobachtet. Doch sei die Häufung von warmen Sommern für das Einwandern dieser Raupenart auch in unseren Gefilden ursächlich.

In Nürtingen gab es Ende Juni 2001 den ersten größeren Raupenalarm, damals waren Kinder aus der Braikeschule betroffen. Fündig wurde man auf dem benachbarten Gelände der Versöhnungskirche, auf einer Eiche vollführten Hunderte von Eichenprozessionsspinnern das wunderliche Schauspiel, dem sie ihren Namen verdanken. Bevor sich die Krabbler verpuppen, um zum Schmetterling zu mutieren, hängen sie sich gleich einer Prozession zu einem Zug aneinander, wandern vom Boden her in breiten Bändern an den Eichenstämmen in immer höhere Baumregionen empor, um sich in kreisartigen Gespinsten zu verpuppen.

Wegen der benachbarten Schule musste gehandelt werden. Die Verantwortlichen der Stadtwerke und des Grünplanungsamtes waren ebenfalls aufgeschreckt und ließen Eichen im Freibad beziehungsweise in öffentlichen Grünanlagen beobachten.

Die Gefahr ist allerdings nicht mit dem Ausschlüpfen der Schmetterlinge gebannt, im Gegenteil, die leeren Raupenhüllen können dann erst richtig zum Problem werden, wenn sie der Wind in einigem Umkreis verstreut. Wegen des im Sommer anstehenden Ferienlagers entschloss man sich damals, die Raupen abzubrennen, was von der Nürtinger Feuerwehr nicht ohne erheblichen Aufwand zum Eigenschutz erledigt werden musste.

Im Nürtinger Freibad wurde am Sonntag nach den ersten Fällen an weiteren Eichen nachgeschaut, wo man prompt fündig wurde. Während des Montags und zum Teil auch schon am Sonntag, so Stadtwerke-Geschäftsführer Volkmar Klaußer als Freibadbetreiber, habe man das Umfeld der Eichen es handelt sich glücklicherweise nur um wenige Exemplare abgesperrt, am Dienstagmorgen brannte die Feuerwehr die Gespinste aus. Dennoch wurde unser Fotograf wider Erwarten gestern Nachmittag noch fündig und entdeckte eine neuerliche stattliche Ansammlung von noch lebenden Eichenprozessionsspinnern. Den Verantwortlichen muss allerdings zugute gehalten werden, dass die Tiere zunächst schwer zu entdecken sind, ist ihre Struktur und Farbe auf der Eichenrinde doch eine gute Tarnung.

Wann die "Prozessionen" beginnen, lässt sich nicht exakt vorhersagen. Förster Tomm dazu: "Die Entwicklung der drei bis vier Zentimeter langen Raupen ist witterungsabhängig." Er vermutet, dass die erste Hitzeperiode des Jahres das Wachstum der Raupen beschleunigt haben könnte. In der Regel sei von Ende Mai bis Ende Juni mit dem Prozessionsspinner zu rechnen. Allerdings habe er bereits vor drei Wochen von einem Fall in Reichenbach gehört.

Bastian Kuthe vom Grünplanungsamt nimmt die ersten Meldungen in Nürtingen jedenfalls ernst und will in den nächsten Tagen verstärkt Eichen an exponierten Orten beobachten lassen. Allerdings schränkt er ein: "Wir können nicht jede Eiche ins Visier nehmen." Man beschränke sich auf Orte, wo mit viel Publikumsverkehr zu rechnen ist. Deshalb ergehe auch wieder eine Warnung an die Kirchengemeinde mit Blick auf das Ferienlager.

Wenn exponierte Bäume gemieden werden, schätzen die Fachleute die Chance eines unliebsamen Kontaktes mit den ätzenden Härchen als eher gering ein. Sollte es doch passiert sein, ist ein Besuch beim Arzt ratsam. Dabei können sich die Symptome erst nach Stunden zeigen. Dr. Karl-Hans Groß von der Nürtinger Hautarztpraxis Pfeifle und Groß erinnert sich an die Fälle von vor vier Jahren, beruhigt aber: "Bei rascher Behandlung mit Salben, in schwereren Fällen mit Cortisoncreme, klingen die Symptome nach einigen Tagen ab." Bei manchen könne es aber zu allergischen Reaktionen kommen, auf die medikamentös reagiert werden müsse.