Lokales

"Eierrugla" und "Maibaumstecka"

"Es war einmal . . .", so beginnen viele alte Märchen. Was an Erzählungen beim zweiten Abend der Volkshochschule in Bissingen zu hören war, waren keine Märchen, sondern Erinnerungen an die Kindheit und Jugend in den zwanziger und dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts.

BISSINGEN Die Konfirmation vor fast 80 Jahren war das Thema des Abends. Viele konnten sich noch recht lebhaft an dieses Fest erinnern, das anders als heute gefeiert wurde. Nicht nur das eigene Bekenntnis zum christlichen Glauben war damit verbunden, sondern für die meisten auch das Ende der Schulpflicht. So berichtete eine Teilnehmerin: "Wenige Tage nach meiner Konfirmation wurde ich erst 13 Jahre alt. Ich kam aus der Schule. Gerne hätte ich die Handelsschule in Kirchheim besucht, doch dafür war ich zu jung. So blieb ich ein ganzes Jahr zu Hause und half meiner Mutter im Haushalt und in der Landwirtschaft. Ich hatte fünf jüngere Geschwister, da gab es viel zu tun. An meinem vierzehnten Geburtstag musste ich in die Fabrik zu Kolb & Schüle als Arbeiterin. Mein Vater hatte das so beschlossen."

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Gut konnten sich einige auch noch an den damaligen Pfarrer Maier erinnern, der es manchmal mit den Buben nicht ganz einfach hatte. Das Auswendiglernen der vielen Sprüche und Hersagen in der Kirche war manchen auch noch als eine schlimme Prüfung in Erinnerung.

Üblich war es, dass die Konfirmandinnen in der Woche vor dem Fest die Kirche putzten. Die Buben mussten in Eimern das Putzwasser herbeischleppen, das in einem Kessel vor der Kirche erhitzt wurde. Im Wald wurde Reisig geholt und mit Hilfe des damaligen Gärtners zu Girlanden gebunden, die die Kirche schmückten. Nur wenige Geschenke gab es zum Fest. Kleine Geldbeträge zwischen zwei und fünf Mark, das Gesangbuch und auch mal eine Armbanduhr wurden als Geschenke genannt.

Als besonders unangenehm angesehen wurde das damals übliche Austragen von Kuchen in der Verwandtschaft, bei Nachbarn und Bekannten. Schon Tage vorher waren die Mütter mit dem Backen von einfachen Obst- und Rührkuchen und Hefezöpfen beschäftigt. Das Konfirmationskleid war ganz schwarz. Es diente noch viele Jahre danach als Trauerkleid, besonders auch an Karfreitag, wo es üblich war, schwarz zu tragen.

Im weiteren Verlauf des Abends wurde noch viel gelacht, als auf alte Bräuche wie das Aufmalen von Kar-freitagsbrezeln ans Scheunentor, ans "Eierrugla" und "Eierschmeißa", ans "Maibaumstecka" und ans "Wasserschnallastreua" erinnert wurde.

In eine ganz besondere Welt versetzt sah sich die junge Redakteurin des Südwestrundfunks, die an dem Abend für eine Radiosendung Tonbandaufzeichnungen machte. Nicht nur einmal musste sie um "Übersetzung" des Gehörten bitten.

gg