Lokales

Ein archäologischer „Jahrhundertfund“ im Herdfeld

Ende vergangener Woche kam es in Kirchheim zu einem archäologischen „Jahrhundertfund“: Im Herdfeld wurden drei alamannische Steinplattengräber aus der Spätmerowingerzeit – also aus der Zeit um 700 – gefunden. Den letzten vergleichbaren Fund gab es im Herdfeld vor über 100 Jahren: 1906.

Andreas Volz

Kirchheim. Eines der drei neu entdeckten Gräber ist schon so weit freigelegt, dass Knochen zu erkennen sind. Dabei lag allerdings der Schädel umgekehrt im Grab, was für Museumsleiter Rainer Laskowski ein eindeutiger Hinweis darauf ist, „dass da schon mal jemand dran war“. Mit Grabbeigaben rechnet er deshalb nicht. Ohnehin habe sich in dieser Zeit der Übergang zum Christentum vollzogen, was auch zu einer „Änderung der Beigabensitte“ geführt habe: „In diesen späten Gräbern findet sich nur wenig.“ Was möglicherweise doch ursprünglich mit in den Gräbern gelegen haben mag, hätten die früheren „Ausgräber“ oder Grabräuber sicher bereits mitgenommen. Allerdings möchte Rainer Laskowski die Hoffnung auf „kleinere Beifunde“ im Herdfeld, die wissenschaftlich von Bedeutung sein könnten, noch nicht gänzlich aufgeben.

Beim mittleren der drei Gräber lasse sich schon von der Oberfläche her erkennen, dass es „stark durchwühlt“ ist. Und auch beim dritten Grab fehlen bereits die Steinabdeckung und Teile der Mauereinfassung. Dass es sich bei diesen drei Grabstellen um einzelne Steinplattengräber handelt, ist ebenfalls Zeichen für eine gewisse Übergangszeit – zwischen der Endphase der Reihengräberfriedhöfe und dem Beginn der Bestattungen bei der Ortskirche. In Kirchheim hätte es sich bei der Ortskirche wohl um die heutige Martinskirche gehandelt. Darauf deutet auch das Steinplattengrab des adligen Alamannen aus der Martinskirche hin, das eine ähnlich gemauerte „Gruft“ aufweist wie die drei Gräber im Herdfeld. Fünf solcher Steinplattengräber waren dort bereits 1906 entdeckt worden. 1931 fanden Ausgräber in der Christofstraße noch drei „Körpergräber“ – ohne Steine, in diesem Fall allerdings mit Beigaben.

Alle elf Gräber, die aus dem Herdfeld inzwischen bekannt sind, sieht Rainer Laskowski als eine Einheit. Für ihn gehören sie zu einem Gutshof, einem landwirtschaftlichen Gehöft. Weil es sich bei den neu aufgefundenen Steinplattengräbern um auf­wendig hergestellte Gräber handelt, vermutet er, dass die dort Bestatteten „Personen aus der unmittelbaren Umgebung des Hofbesitzers“ waren, also keinesfalls Angestellte, Sklaven oder Unfreie.

Da es ähnliche Hofgrablegen oder zumindest Einzelgräber auch am Hungerberg in der Bohnau, in der Armbruststraße, am Amtsgericht oder in Wellingen gibt, vermutet der Kirchheimer Museumsleiter, dass auch die Schlierbacher Straße in Kirchheim an einer alten Wegverbindung liegt, die vom Heidengraben bei Erkenbrechtsweiler durch das Lennin­ger Tal über Bol und Sattelbogen, Bissingen, Nabern, Bohnau und Rauner in Richtung Hochdorf und Roßwälden und letztlich hin zur Fils und in Richtung Göppingen führte: „An dieser Straße lagen die Höfe. Die Linienführung muss noch im späten 7. und frühen 8. Jahrhundert von großer Bedeutung gewesen sein.“

Was die Funde für Rainer Laskows­ki ebenfalls bestätigen, das ist die frühe Besiedlung des Kirchheimer Herdfelds. Sowohl aus dem 6./7. als auch aus dem 11./12. Jahrhundert seien Funde nachgewiesen. Laskows­ki geht auch ohne Funde aus den Jahrhunderten dazwischen von einer Siedlungskontinuität aus und deshalb auch tatsächlich von einer mittelalterlichen Marienkapelle am heutigen Alten Friedhof.

Was passiert nun mit den aktuellen Funden? Die Fundstellen sind bereits vom Landesdenkmalamt vermessen und fotografiert. Die Knochen werden für spätere Untersuchungszwecke eingelagert. Einige der blauen Arietenkalksteine, aus denen die Grabmauern und die Abdeckungen bestehen, möchte Rainer Laskowski aufheben, um einmal für eine Sonderausstellung im Museum „etwas zu inszenieren“. 1906 war das noch ganz anders, wie Rainer Laskowski erzählt: „Da hat man die Steine gleich wieder zum Hausbau verwendet. Das war echte schwäbische Sparsamkeit.“

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