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Ein Baumarkt, der Museumsflair ausstrahlt

KIRCHHEIM Nicht einmal, wenn man den Begriff "second hand" wörtlich nimmt, passt er zum "Kreislauf". Dennoch ist "aus zweiter

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ALEXANDRA BOGER

Hand" noch am Ehesten das, was sich mit dem etwas anderen Baumarkt verbinden lässt. Das Sortiment ist alt, gebraucht und oft schon aus dritter oder vierter Hand, ja sogar Teile aus dem Barock oder der Gotik sind zu finden, die einmal Teil eines Gebäudes waren. Diplom-Ingenieur Wolfgang Bloos, selbst seit fast 25 Jahren auf diesem Gebiet tätig, betreibt den historischen Baumarkt "Kreislauf" in Kirchheim mit seiner Familie und einigen Restauratoren.

Mit einem Baumarkt im üblichen Sinn hat der "Kreislauf" nicht viel gemeinsam. Das geschichtsträchtige Baumaterial ist weder Massenprodukt noch Einzelteil, sondern eher ein Sammelsurium an geschichtlichen Fundstücken. Bloos und sein Team werden vor dem Abriss alter Gebäude zur Baustelle gerufen, um die alten Schätze zu "bergen". Das bedeutet das schichtweise Abtragen der Bausubstanz und wird "Rückbau" genannt. Also ließe sich das Gebäude an der Dettinger Straße eher mit einem "Museum für historische Baumaterialien mit Verkauf" beschreiben.

Es gibt keine Garantien, keine Materialbestellungen und keine Normierung. An den Exponaten hängen kleine Zettelchen, doch steht dort statt dem Preis der Fundort, das Material und das Alter. "Das Verkaufen steht weniger im Vordergeund als das Erhalten und Weitergeben der Stücke". So hat Wolfgang Bloos schon etwas von einem Museumsdirektor, wenn er durch sein Reich führt und zu jedem Stück eine Geschichte kennt. Beispielsweise erinnert er sich an einen Auftrag zum Rückbau, bei dem er vernagelt unter einer Treppe ein altes Radio fand, das damals wohl während des Zweiten Weltkrieges versteckt wurde.

Er hat eine persönliche Beziehung zu den Stücken, die an der Wand lehnen, auf dem Boden und auf Tischen stehen. So sucht eine Tür direkt am Eingangsbereich auf einem angepinnten Zettel nach jemandem, der etwas Zeit und Arbeit in sie investieren möchte. "Dann geb ich die Tür gern günstig her, wenn ich weiß, jemand restauriert sie authentisch," meint der Architekt aus Leidenschaft.

In einem hinteren Raum lagern Bretter, die ursprünglich aus den USA kommen und da der Baumarkt seinen Fokus auf Gegenstände der Umgebung gelegt hat, verwundert das. Als Amerika im 19. Jahrhundert noch abhängig von den Exporten Europas war, wurde das so genannte "Pitch-Pine"-Holz in die Schiffe zurück nach Europa als Ballast eingeladen und in Deutschland zu Dielen verarbeitet. Ein anderer Hingucker in seiner Sammlung ist eine Gusseisentreppe um 1900 aus Augsburg, die in Stuttgart hergestellt wurde und jetzt, zurück im Ländle, auf einen neuen Abnehmer wartet. "Wir fragen schon nach, wo die Teile eingebaut werden und was die Kunden damit vorhaben", sagt der 53-Jährige.

Im "Kreislauf" geht es um die Wiederverarbeitung und Erhaltung dessen, was schon da ist unter ökologischen und ökonomischen Aspekten. So meint der aus Esslingen stammende Wahlkirchheimer, der den Anblick von Containern kaum ertragen kann: "Der Baum ist schon gefällt, warum sollen wir ihn verbrennen? Eine Diele bleibt eine Diele." Doch eine 100 Jahre alte Diele muss im "Kreislauf" eine Qualitätsprüfung bestehen. So muss zum Beispiel die Nutzschicht, das bei einem Boden noch abnutzbare Material, acht bis zwölf Millimeter betragen.

Bei Türen oder Fenstern sieht Wolfgang Bloos sicher die Notwendigkeit der Aufrüstung, sodass sie den Anforderungen des heutigen Wohnens genügen. Sonst verwendet er historische Verfahren und Rezepturen wie den "Tadelakt", einen antiken Putz. Manche seiner Kunden restaurieren nicht alte Häuser, sondern haben neue Häuser als Stilmix im Sinn. Je nachdem wie stimmig die Idee ist, kann sich der Baumarktleiter auch so etwas vorstellen, wenn die Sache ein rundes Gesamtkonzept aufweist.

TV-HinweisIn der Landesschau des Südwestrundfunks wird am morgigen Freitag, 18. August, eine Reportage über den "Kreislauf" ausgestrahlt. Die Landesschau läuft von 18.45 bis 19.45 Uhr im "Dritten".