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"Ein Bazillus, den man nur schwer wieder los wird"

BAD BOLL Vor wenigen Tagen noch hat er sich im Wüstenzelt den feinen Sand aus den Kleidern geklopft, jetzt sitzt er im behaglichen Wohnzimmer daheim und lässt seinen Blick über die tief verschneiten

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BERND KÖBLE

Wiesen des Albvorlandes schweifen. An der Wand verströmt eine Kamelkarawane Dünenromantik. Als 18-Jähriger hat Gerhard Walcher zum ersten Mal Marokko bereist. Seitdem lässt den Mann mit dem vereinnahmenden Lächeln und den eisblauen Augen eines Berberfürsten die Wüste Nordafrikas nicht mehr los. Vergangenen Sonntag nun hat er sich einen Lebenstraum erfüllt und im siebten Anlauf die Ziellinie bei der Rallye Dakar überquert.

Rund 8 000 Kilometer legten Gerhard Walcher und sein Co-Pilot Stefan Niemz in ihrem Unimog vom Start in Lissabon bis zur Ankunft in der senegalesischen Hauptstadt zurück. Über abenteuerliche Gebirgspässe, durch unwegsame Schluchten und mörderischen Wüstensand. Tagesetappen von bis zu 600 Kilometern, immer am Limit, mit wenig oder gar keinem Schlaf. Hätten die beiden wegen eines Motorproblems auf dem sechsten Tagesabschnitt nicht drei Kontrollpunkte ignoriert, wäre ein Platz unter den besten 30 Teams der Truckwertung greifbar gewesen. So blieb nach empfindlichen Zeitstrafen nur Rang 57. "Das Ergebnis ist zweitrangig", meint Gerhard Walcher. Für ihn zählt allein das Abenteuer.

Wenn die Fahrer bei halsbrecherischem Tempo und auf schwierigstem Terrain die Grenzen der Physik ausloten, mag man kaum glauben, dass sich da einer mit der Natur in Einklang wähnt. Und doch: Es sind die Nächte unterm Sternenzelt, die Atmosphäre im Fahrerlager, der Reiz modernen Nomadentums. Für den gelernten Kfz-Mechaniker und erfolgreichen Unternehmer ist der Wüstentrip "Freiheit pur." Auch wenn er an der Schwelle zum fünften Lebensjahrzehnt das Motorrad-Gespann gegen die komfortablere Fahrerkabine seines 400 PS starken Unimogs eingetauscht hat. Den Spezialtruck hat er gebraucht im Internet erstanden. Neben einer leistungsstärkeren Maschine sorgen ein überarbeitetes Fahrwerk, ein Überrollkäfig und Fangseile, die verhindern, dass beim Aufprall auf ein Hindernis das Führerhaus zum Flugobjekt wird, für ein Mindestmaß an Sicherheit. Konkurrenzfähig ist das schwäbische Zwei-Mann-Team damit kaum. "Verglichen mit den hochgezüchteten Trucks der Werksfahrer", sagt Walcher, " hüpft unser Unimog wie ein Känguru."

Der in Rechberghausen geborene und im Kurort Bad Boll lebende Zweirad-Händler ist trotz seiner jugendlichen Erscheinung ein alter Hase im Rallye-Geschäft. Alle großen Rennen des Weltverbandes FIA hat er schon bestritten. Die "Dakar" ist etwas Besonderes geblieben. Nicht nur, weil sie die schwierigste und härteste aller Herausforderungen darstellt, sondern auch wegen ihrer besonderen Atmosphäre. Man nimmt es ihm ab, wenn er nach zweiwöchigen Strapazen und der ersten Nacht im Hotelbett den sehnlichen Wunsch beschreibt, möglichst schnell wieder ins Zelt zurückkehren zu können. Der Rummel am Zielort ist ihm ein Graus, das veränderte Gesicht der "Dakar" ein Grund, nach diesem Jahr vielleicht einen Schlussstrich zu ziehen. Seinen Traum, einmal die Ziellinie zu überqueren, hat er sich erfüllt. "Fahrer wie wir gehören hier eigentlich nicht mehr her", sagt Walcher, der die Rallye aus ihren Anfangsjahren kennt. Doch schnell fügt er an: "Die Dakar ist wie ein Bazillus, den man nur schwer wieder los wird."

Die zunehmende Professionalisierung treibt mitunter seltsame Blüten. Während millionenschwere Werksteams mit eigener Küche, medizinischem Stab und rollendem Ersatzteillager durch die Wüste ziehen, sind die wenigen Privatfahrer im Feld ganz auf sich alleine gestellt. Das kann zur harten Nummer werden. Etwa dann, wenn nach 16-stündiger Fahrt im tobenden Sandsturm der Turbolader getauscht werden muss und stundenlange Schrauberei den dringend benötigten Schlaf ersetzt. "Das sind Momente, die das Team zusammenschweißen", sagt Gerhard Walcher. Das sind auch Momente, in denen er Kraft für den Alltag tankt, so ungewöhnlich dies klingen mag.

Situationen, wie sie die Fahrer der Rallye Dakar zu bewältigen haben, lassen sich unter realen Bedingungen nicht trainieren. Saubere Navigation, fahrerisches Können und ein guter technischer Service nennt Walcher als wichtigste Komponenten für ein erfolgreiches Abschneiden. "Der Rest ist Glück." Glück, das er bisher stets hatte, wenn Not am Mann war, denn kritische Momente gibt es bei jeder Rallye. Im Unimog, so ist er überzeugt, sind lebensbedrohliche Situationen so gut wie ausgeschlossen. Auf dem Motorrad war dies anders. "Da hatte ich mehrfach einen Schutzengel", bekennt der 49-Jährige. Den hatte Eric Aubijoux nicht. Der Franzose erlag 15 Kilometer vor dem Ziel auf seinem Motorrad einem Herzinfarkt und ist nach dem Südafrikaner Elmer Symons das zweite Todesopfer der diesjährigen Dakar-Rallye. Seit deren Geburtsstunde am 26. Dezember 1978 bezahlten 55 Menschen ihre Begeisterung für das große Abenteuer mit dem Leben.

INFOEin Interview mit Gerhard Walcher und Stefan Niemz strahlt das SWR-Fernsehen am heutigen Freitag in seiner Reihe "Regionales" ab 18.45 Uhr aus.