Lokales

"Ein Bier wirkt wie drei Schnäpse"

BIANCA LÜTZ

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KREIS ESSLINGEN Wenn das Thema "Alkohol und Drogen im Straßenverkehr" auf dem Plan steht, verlässt der Kirchheimer Fahrlehrer Peter Bayer meist den Unterrichtsraum. An seiner Stelle übernehmen dann zwei junge Freiwillige das Ruder und sprechen mit den Fahrschülern über die Auswirkungen von Bier und Schnaps, Marihuana und Ecstasy auf die Fahrtüchtigkeit. "Es ist schon etwas anderes, ob der 40- bis 50-jährige Fahrlehrer vorne steht oder zwei Gleichaltrige", weiß Peter Bayer. Wenn die "Peers" was übersetzt so viel heißt wie "Gleichgestellte" sich mit den angehenden Autofahrern unterhalten, ist die Akzeptanz um einiges höher: "Das regt viel mehr zum Nachdenken an", ist Bayer überzeugt. Sein Unternehmen gehört zu den insgesamt 14 Fahrschulen im Landkreis Esslingen , die an dem "Peer"-Projekt zur Suchtvorbeugung teilnehmen.

Unter dem Motto "Jung, mobil & klar" gehen in den Kreisen Esslingen und Göppingen seit drei Jahren junge Leute zwischen 18 und 25 Jahren an Fahrschulen und gestalten dort Einheiten zum Thema Alkohol und Drogen im Straßenverkehr. Mit dem in ganz Baden-Württemberg einmaligen Projekt führen die beiden Landkreise weiter, was ursprünglich als landesweiter Modellversuch startete und zwei Jahre lang von Sozialministerium, Landesgesundheitsamt, Innenministerium und Landesverband der Fahrlehrer begleitet wurde. "Die Peers, kaum älter als die Fahrschüler selbst, berichten über eigene Erfahrungen und Strategien. Auf gleicher Augenhöhe werden Fakten diskutiert und Haltungen hinterfragt", heißt es in einer aktuellen Pressemitteilung des Esslinger Landratsamts. Jetzt bilden die beiden Landkreise wieder neue Freiwillige aus: Am Freitag, 15. Juni, und am Samstag, 16. Juni, gibt es Schulungen für interessierte junge Leute, die Lust haben, als Peers an Fahrschulen zu arbeiten.

Zum Peer-Team der Landkreise Esslingen und Göppingen gehören seit einem Jahr auch die 20 Jahre alte Jenny Kohlmann und ihre 19-jährige Freundin Anke Barth. Die beiden Esslinger Gymnasiastinnen wurden durch ihren Biologie-Lehrer auf das Projekt "Jung, mobil & klar" aufmerksam und entschieden sich spontan, daran teilzunehmen. Für ihren Einsatz bekommen die Schülerinnen eine Aufwandsentschädigung und auf Wunsch auch Teilnehmerzertifikate. "Wir sind beide gegen Alkohol und Drogen am Steuer", begründet Anke Barth, warum sie und ihre Freundin als Peers in Fahrschulen arbeiten. Bei der Ausbildung haben die beiden jungen Frauen jede Menge Neues über Rauschmittel erfahren Fakten, die sie als Zweierteam während der Unterrichtseinheiten an den Fahrschulen den angehenden Autofahrern weitergeben.

"Alkohol verursacht zum Beispiel Rotlichtschwäche", weiß Jenny Kohlmann und erläutert: "Das heißt, man kann als Autofahrer nicht mehr erkennen, ob der Vordermann nur die Rücklichter anhat oder bremst." Auffahrunfälle seien also programmiert. Wer trinkt und fährt, habe zudem mit dem "Tunnelblick" und anderen Wahrnehmungsstörungen zu kämpfen. Nicht zu vergessen sei eine oftmals gefährliche Enthemmung.

Besonders beeindruckt hat Anke Barth, wie sehr manche Autofahrer die Wirkung eines Feierabendbiers unterschätzen: "Ein Bier wirkt wie drei Schnäpse", sagt sie. Nachrechnen lasse sich das mit der Widmark-Formel, anhand derer sich Autofahrer ein ungefähres Bild ihres "Pegels" machen können.

Dass der Bundestag vergangene Woche die Null-Promille-Grenze beschlossen hat, begrüßen die beiden Peers auch wenn ihnen die Vorschriften immer noch nicht weit genug gehen. "Ich fände es viel besser, wenn die Null-Promille-Grenze für alle Autofahrer gelten würde", legt Anke Barth ihren Standpunkt dar. Auch Fahrlehrer Peter Bayer sieht Alkohol am Steuer nicht als ausschließliches Problem von Fahranfängern: "Junge Fahrer haben mit Alkohol keine übermäßigen Probleme. Das sind eher die 40- bis 50-Jährigen."

INFODas Peer-Projekt zur Suchtvorbeugung an Fahrschulen "Jung, mobil & klar" bildet am Freitag, 15. Juni, und Samstag, 16. Juni, neue Peers aus. Wer Interesse daran hat, Peer zu werden, kann am Dienstag, 12. Juni, um 19.30 Uhr zu einem Info-Abend ins Malteser-Zentrum nach Uhingen, Johannesstraße 1, kommen. Voranmeldungen dazu sind möglich bei Christiane Heinze, Koordination Suchtprophylaxe im Landratsamt Esslingen, unter der Telefonnummer 0 70 21/9 70 43 28, oder per E-Mail: heinze@drogenberatung-kirchheim.de. Dort können sich auch weitere interessierte Fahrschulen melden.