Lokales

Ein Bündnis gegen die Not junger Familien

BISSINGEN Vladimir Drigas Haare sind inzwischen grau geworden. Seine dunklen Augen aber leuchten, wenn er über seine Hilfstransporte in die Ukraine und das "Bündnis für junge Familien" spricht. Manchmal sucht er nach

Anzeige

RICHARD UMSTADT

dem passenden Wort, doch der 38-Jährige kann immer deutlich machen, worum es ihm geht: Er und seine Freunde in Deutschland und Rovno, der ukrainischen Bezirkshauptstadt, wollen jungen kinderreichen Familien, aber auch Waisenkindern und alten Menschen das Überleben sichern. Mit Spenden aus Deutschland. Geld, Kleidungsstücke, Schuhe, Haushaltsgeräte, Geschirr, Spielsachen und vieles mehr.

Der arbeitslose Wasser- und Atomtechniker besitzt ein Visa der Deutschen Botschaft in Kiew. Es wird immer für ein viertel Jahr ausgestellt und muss danach neu beantragt werden. Mit diesem "Persilschein" ausgestattet, fährt er einmal pro Woche mit seinem blauen Transporter samt Anhänger die 1 600 Kilometer weite Strecke von Rovno ins schwäbische Bissingen zu seinen Freunden. Rund 36 Stunden ist Vladimir Driga unterwegs. Der Grenzübertritt nimmt Zeit in Anspruch, denn der bürokratische Aufwand ist gewaltig und kostet Geld. Das aber ist knapp.

Die gespendeten, alten Fahrräder bringen Rettung. Ein Freund in der Ukraine macht die Drahtesel aus Deutschland wieder flott und Driga verkauft sie in der Stadt. Mit dem Geld bezahlt er die Transportkosten und den Zoll. Sich und seine Familie hält der Mann aus Rovno mit den Einnahmen aus Ferry-Diensten über Wasser. Auf seinem Anhänger transportiert er für Kunden Autos aus der gesamten Bundesrepublik in die Ukraine.

Wie Vladimir Driga berichtet, hat sich am desolaten Zustand des Landes nicht viel geändert. Die Zahl der Arbeitslosen ist so hoch wie die Versprechungen der Regierung. "Sie haben gesagt, wir erhalten für jedes Kind Geld. Nichts ist geschehen," sagt der Familienvater. Deshalb sind viele kinderreiche Familien auf Hilfe von Außen angewiesen. Vladimir Driga gründete bereits vor Jahren das "Bündnis für junge Familien", das inzwischen rund 4 000 Menschen unterstützt, darunter auch Strahlungsopfer der Tschernobyl-Katastrophe.

Die Hilfsorganisation besitzt eine Liste kinderreicher Familien in Rovno, in der aufgeführt ist, was die Familie am nötigsten braucht. Diese Liste wird nach jedem Transport abgearbeitet. Sieben Männer und Frauen sind damit ehrenamtlich beschäftigt, die gespendeten Waren zu sortieren und zu verteilen. "Das funktioniert," bestätigt Vladimir Driga. Und es spricht sich herum, wo kostenlose Hilfe zu erwarten ist. "Es kommen immer noch neue Familien hinzu. Unsere Organisation ist in der Stadt bekannt."

Auch in Kirchheim und Umgebung hat Vladimir Driga und sein "Bündnis" Freunde. Die Spenden stapeln sich in der Garage und im Keller der Familie Hilde und Josef Pötzl in der Bissinger Deutelbronnstraße 18. Dort hat die ukrainische Hilfsorganisation ihren verlässlichen schwäbischen Stützpunkt. Dankbar äußert sich der Mann aus der Ukraine über das Engagement der Familie Pötzl und die Unterstützung durch die Spender. Vor allem bedankt er sich für die Geldspende zur Reparatur des Transporters.

Wenn es der Gesundheitszustand seines knapp zweijährigen Sohnes Vladimir, der an einer Lungenentzündung erkrankt ist, zulässt, wird der Mann aus Rovno nächste Woche wieder den langen Weg auf sich nehmen, um die Spenden in Bissingen abzuholen. Willkommen sind neben Geldspenden und Süßigkeiten für die Kinder nach wie vor Kleidung, Wäsche, Babywäsche, Schuhe, Decken, Geschirr, Spielzeug, alte Fernsehgeräte und Computer, Nähmaschinen, Telefone und Fahrräder. Da die kalte Jahreszeit vor der Tür steht, freut sich das "Bündnis für junge Familien" auch über Winterbekleidung. Wer die Waren nicht selbst bei der Familie Pötzl anliefern kann, zu dem kommt Josef Pötzl (Telefon 0 70 23/26 74) gerne, um sie abzuholen.