Lokales

Ein Bürojob? – Nein, danke!

Rollentausch im Beruf (11): Die 30-jährige Uschi Heilemann arbeitet bei der Straßenmeisterei in Kirchheim

Verfroren, empfindlich und fingernagellackiert: Wer diese Eigenschaften auf sich vereint, ist absolut ungeeignet für den Beruf der Straßenwärterin, den nur wenige Frauen ausüben. Uschi Heilemann, die bei der Straßenmeisterei mit anpackt, gehört zu diesen Exotinnen.

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Heike Allmendinger

Kirchheim. Egal, ob klirrende Kälte im Winter oder gnadenlose Hitze im Sommer: Uschi Heilemanns Arbeitsplatz befindet sich im Freien – und zwar bei jeder Witterung. „Es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur schlechte Kleidung“, weiß die 30-Jährige aus Erfahrung.

Die Neidlingerin ist hart im Nehmen: Denn zu den äußerlichen Strapazen – dazu gehören auch Lärm und Abgase durch Autos und Lkw – kommen körperliche, oft sehr anstrengende Tätigkeiten. Mähen, Bäume und Sträucher zurückschneiden oder entfernen, den Straßenrand vom achtlos weggeworfenen Müll mancher Zeitgenossen befreien, Schächte und Gräben reinigen, im Winter Gehwege räumen und Salz streuen, die Fahrbahn sanieren . . . Die Straßenwärterin der Kirchheimer Straßenmeisterei, die sich zusammen mit den anderen Mitarbeitern ihrer Kolonne um ein etwa 120 Kilometer langes Straßennetz in der Region kümmert, hat alle Hände voll zu tun – und steht ihren männlichen Kollegen in nichts nach, betont ihr Chef, Klaus Langer. „Außerdem weiß sie sich zu wehren und gibt Kontra, wenn‘s sein muss“, fügt er schmunzelnd hinzu.

Ihre Ausbildung zur Straßenwärterin begann Uschi Heilemann vor elf Jahren. Zuvor hatte sie ihr Können während eines Praktikums unter Beweis gestellt. „Da hatte man schon gesehen, dass sie für den Beruf geeignet ist“, erzählt Klaus Langer, der daraufhin die erste Straßenwärterin der Teckstadt einstellte. „Es hat sich absolut bewährt. Sie macht genau dieselbe Arbeit wie ihre männlichen Kollegen“, unter­streicht der Dienststellenleiter der Straßenmeisterei.

Heute hat Uschi Heilemann zwei Kolleginnen – wobei sich eine davon derzeit in Mutterschutz befindet. „Man braucht gewisse körperliche Voraussetzungen für diesen Beruf. Man muss anpacken können und darf nicht zu empfindlich sein“, unterstreicht Klaus Langer. Lackierte Fingernägel zum Beispiel seien völlig fehl am Platz. „Die wären abends garantiert nicht mehr lackiert.“

Das bestätigt Uschi Heilemann, die sich keineswegs daran stört, während der Arbeit Wind und Wetter ausgesetzt zu sein: „Ich wollte immer im Freien arbeiten. Man hat frische Luft, und die Arbeit macht einfach Spaß.“ Ein Bürojob wäre für die 30-Jährige

Passanten reagieren erstaunt auf die Straßenwärterin

nie infrage gekommen, betont sie. „Das wäre mir viel zu trocken.“ Außerdem arbeitet die Naturliebhaberin sowieso lieber mit Männern zusammen – „denn Frauen sind oft zickig.“

Mit ihren Kollegen kommt Uschi Heilemann gut aus. Einen Aufschrei unter den Straßenwärtern habe es nicht gegeben, als Uschi Heilemann damals als erste Frau ihr Team verstärkte, erzählt Klaus Langer. Zwar bleiben kleine, neckische Bemerkungen seitens der Männer nicht aus – aber die Neidlingerin trägt‘s mit Humor. Erstaunt würden vielmehr die Passanten reagieren, die an Uschi Heilemanns Kolonne vorbeispazieren und eine Frau unter den Arbeitern entdecken, hat die 30-Jährige beobachtet. „Es gibt schon einige, die zwei Mal hingucken. Manche sprechen mich sogar an. Sie sind dann immer ganz überrascht, dass eine Frau diese Arbeit macht.“

Diese Reaktion kann Uschi Heilemann überhaupt nicht verstehen. „Natürlich ist die Arbeit manchmal anstrengend. Aber das gehört dazu.“ Und auch vom Winter, der es heuer mit Schnee, Eis und Minustemperaturen ganz schön in sich hat, lässt sie sich nicht ins Bockshorn jagen: „Da bin ich nicht empfindlich“, sagt die 30-Jährige schulterzuckend. „Ich ziehe einfach mehrere Lagen an – dann geht das schon.“