Lokales

Ein endgültiger Platz für die einstigen "Kellerkinder"

Die Zeiten des Schimmelpilzbefalls und des Umherziehens sind für die Owener Archivalien vorbei: Gestern übergab Bürgermeister Siegfried Roser in einer kleinen Feierstunde offiziell das neue Stadtarchiv von Owen im Erdgeschoss der "Beginenklause" seiner Bestimmung.

RICHARD UMSTADT

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OWEN Vor allem für den begeisterten Owener Ortshistoriker Fritz Nuffer erfüllte sich noch vor dem Weihnachtsfest ein lange und sehnlichst gehegter Wunsch: Die geschriebene Geschichte des Teckstädtchens erhielt endlich eine bleibende Heimat in einem der ältesten und interessantesten Gebäude von Owen, der denkmalgeschützten "Beginenklause" in der Kirchheimer Straße.

Von 1972 bis zur endgültigen Lösung in den neuen Räumen zeichnete Bürgermeister Roser den nicht immer glücklichen Weg der Bestände des Owener Stadtarchivs nach. Einst "Kellerkinder", die im Rebenweg 4 wohl behütet von Rudolf Locher ihr Dasein fristeten, wollte es der glückliche Zufall, dass die Owener Stadtväter ein neues Notariat bauten, in das 1982 nicht nur die Stadtbücherei, sondern auch für immer das Archiv nebst Heimatmuseum einziehen sollte. "Doch der Glaube, damit die Hausaufgaben gemacht zu haben, wurde uns sehr schnell genommen", erinnerte sich Bürgermeister Roser. Das Urteil des damaligen Kreisarchivars Dr. Drüppel 1997 nach Durchsicht der Archivalien war niederschmetternd: Ein Schimmelbefall, nein, geradezu eine lebensgefährliche Schimmelexplosion aufgrund hoher Temperaturschwankungen hätte die Bestände stark beschädigt. Guter Rat war teuer. Rund 52 000 Euro gab die Stadt dafür aus, die papiernen Zeugnisse teckstädtischer Geschichte zu retten.

"Fast zwölf Jahre sind seit unserem Vertrag von 1995 mit dem Kreisarchiv vergangen", sagte Roser. Und in diesen zwölf Jahren gelang gemeinsam mit dem Gemeinderat eine Antwort auf die Frage: "Wo ist der richtige Ort für ein neues Stadtarchiv?" Die alten Bände fanden derweil im Verwaltungsgebäude des Freilichtmuseums Asyl.

Nach etlichen Diskussionen im Gemeinderat kristallisierte sich schließlich die "Beginenklause" als geeigneter Standort des Archivs heraus. Die Bürgervertreter wollten das Gebäude ohnehin einer dauerhaften Nutzung zuführen, wodurch zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen wurden.

Bürgermeister Siegfried Roser wünschte sich, "dass das hier nun endgültig sein möge. Zumindest wird es während meiner restlichen Amtszeit kein anderes neues Stadtarchiv geben", meinte er schmunzelnd.

Architekt Matthias Grzimek, der bereits 2002 das Baugesuch für den Umbau des historischen Fachwerkhauses erstellt hatte, überarbeitete 2006 das Planungskonzept, am 27. Oktober desselben Jahres wurde die Nachgenehmigung erteilt. Der Umbau im Erdgeschoss konnte beginnen. Die Schaufenster wurden zurückgebaut und durch zweiflügelige Sprossenfenster mit Oberlicht ersetzt, eine neu eingezogene Trennwand dient dem Feuerschutz der Archivalien, es gibt eine Teeküche und ein WC.

"Die Besonderheit aber ist das Klimagerät", verriet Architekt Grzimek gestern. Die Luftwärmepumpe sorgt nämlich für eine immer gleichbleibende Temperatur und Luftfeuchtigkeit in den "hellen, freundlichen Räumen" des neuen Stadtarchivs. Damit dürfte auch ein weiterer Herzenswunsch von Bürgermeister Roser in Erfüllung gehen: "Nie mehr wieder Schimmelpilzbefall im Archiv." Auch mit den Kosten kann er nun zufrieden sein. Von den geschätzten 170 000 Euro für Umbau und Technik fallen tatsächlich 133 000 Euro an.

Für einen Kreisarchivar vom Formate Manfred Waßners gilt nichts mehr, als dass ein Archiv gut untergebracht ist, wie er gestern betonte. "Das Archiv ist das Gedächtnis ihrer Stadt und nichts Totes", verdeutlichte er die Wichtigkeit dieser Einrichtung. So war der Kreisarchivar denn auch mit dem neuen Standort "Beginenklause" und den umgebauten Räumlichkeiten sehr einverstanden: "Das ist hier ideal."

In Owens Stadtgeschichte noch etwas tiefer gegraben als Bürgermeister Roser hatte Manfred Waßner, als er kurz die Historie des Stadtarchivs umriss. Über 450 Jahre und noch weiter reichen die Dokumente zurück. "Das älteste Archival stammt aus dem Jahre 1441."

Während in der Zeit vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert sehr gut auf die Bestände geachtet wurde und sie dementsprechend sicher untergebracht waren, hatten die Stadtväter im 19. Jahrhundert offensichtlich das historische Bewusstsein verloren. Sie verkauften die für sie wertlosen älteren Gemeinde- und Stiftsrechnungen als Altpapier. Und damit nicht genug, verscherbelten sie nahezu 100 Pergamenturkunden an das königliche Archiv in Stuttgart, das Pfund für sechs Gulden, wie Waßner wusste.

"Seit dem 19. Jahrhundert halten sich die Verluste in Grenzen", meinte der Kreisarchivar, der von einem Owener Stadtarchiv im Turm der Marienkirche berichtete, "einem fensterlosen Raum mit einer feuerfesten Tür".

Besonders freute er sich über die jetzt so gut gelungene Lösung des neuen Stadtarchivs in dem bedeutendsten Owener Fachwerkbau.

Der Kreisarchivar übergab Bürgermeister Siegfried Roser das 380 Seiten starke Findbuch mit dem Archivinventar, dem "Spiegelbild der Owener Geschichte" und informierte die Gemeinde darüber, dass an jedem ersten Mittwoch im Monat Mitarbeiter des Kreisarchivs in die "Beginenklause" kommen, um Bürgern auf der Suche nach ihrer eigenen beziehungsweise der Geschichte Owens behilflich zu sein.

Bereits gestern Nachmittag konnte die Bevölkerung bei einem Tag der offenen Tür einen Blick auf historische Papiere und Bände der Stadtgeschichte werfen.

Mit der Übergabe des neuen Stadtarchivs, das noch genügend Platz bietet, um weitere Archivalien unterzubringen, wurden die Sanierungs- und Umbauarbeiten im Erdgeschoss erfolgreich abgeschlossen. In den Räumen des Obergeschosses wollen Stadtverwaltung und Gemeinderat ein Heimatmuseum unterbringen.